ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Private Kran­ken­ver­siche­rung: Genau prüfen

POLITIK

Private Kran­ken­ver­siche­rung: Genau prüfen

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-961 / B-812 / C-768

Heim, Thomas

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LNSLNS Psychotherapie wird oft nur in begrenzter Stundenzahl erstattet und in einigen privaten Tarifen gar nicht.

Privat versichert“ heißt nicht immer „besser abgesichert“. Einige kostengünstige Kran­ken­ver­siche­rungstarife lassen den Versicherten gerade dann im Stich, wenn er – bedingt durch eine psychische Krankheit – dringend auf Unterstützung angewiesen wäre. Schwere psychische Erkrankungen können – zu lange unbehandelt – nicht nur somatische Erkrankungen nach sich ziehen, sondern beherbergen auch das Risiko des Suizids.
Der Bundesgerichtshof hat 1999 entschieden, dass die Begrenzung psychotherapeutischer Leistungen auf eine bestimmte Zahl von Sitzungen pro Vertragslaufzeit unzulässig ist. Das Gericht erklärte eine solche Vertragsklausel für unwirksam, „weil der Versicherungsnehmer entgegen Treu und Glauben unangemessen benachteiligt wird“ (BGH, Az.: IV ZR 137/98). Die Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie e.V. und die Vereinigung Psychotherapeutisch tätiger Kassenärzte e.V. sind der Ansicht, dass eine solche irreführende Benachteiligung auch durch Tarifklauseln gegeben ist, die erstattungsfähige Psychotherapie-Sitzungen auf eine bestimmte Stundenzahl pro Jahr begrenzen, oder Psychotherapie sogar ganz aus dem Leistungskatalog streichen (siehe Tabelle). Laut den Allgemeinen Versicherungsbedingungen, die den rechtlichen Rahmen des Versicherungsvertrages festlegen, genießt der Patient nämlich unabhängig vom jeweiligen Tarif „Versicherungsschutz bei Krankheit“. Dass Menschen, die unter Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen leiden, krank sind, dürfte niemand infrage stellen. Auch dass Psychotherapie bei solchen Erkrankungen wirkt, ist hinreichend belegt. Die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung hat Psychotherapie nicht zuletzt deswegen in ihren Leistungskatalog aufgenommen, weil Patienten, die psychotherapeutisch behandelt wurden, dauerhaft viel weniger körperlich krank sind und entsprechend weniger Kassenleistungen in Anspruch nehmen als andere Patienten, die keine Psychotherapie erhielten.
Begrenzung der Sitzungen unwirtschaftlich
Nach Ablauf von 20 oder 30 Psychotherapiesitzungen ist der therapeutische Prozess aber oft noch in vollem Gange. Wird die Psychotherapie zu früh abgebrochen, weil ihr die Finanzierungsgrundlage entzogen wurde, kann der mühsam und kostspielig erarbeitete Teilerfolg der Therapie zunichte gemacht werden. Insofern ist eine Begrenzung auf eine bestimmte Stundenzahl auch unwirtschaftlich.
Die Deutsche Gesellschaft für Versicherte und Patienten e.V., Heppenheim, empfiehlt, vor Abschluss einer privaten Kran­ken­ver­siche­rung mithilfe einer Checkliste den Versicherungsvertrag genau zu prüfen, unter anderem auch im Hinblick auf den Leistungsumfang, der für ambulante Psychotherapie vorgesehen ist. Thomas Heim

´Tabelle  C´
Leistungsverhalten privater Kran­ken­ver­siche­rungen bei ambulanter Psychotherapie
Alte Oldenburger Keine Beschränkung der Sitzungszahl, kein gesonderter Nachweis der medizinischen Notwendigkeit
ARAG Nach Nachweis medizinischer Notwendigkeit bis zu 50 Sitzungen im Jahr
Axa Colonia Je nach Tarif ausgeschlossen oder mit begrenzter Stundenzahl, pauschal oder nach medizinischer Notwendigkeit
Barmenia Keine Beschränkung der Sitzungszahl, kein gesonderter Nachweis
Berlin-Kölnische Je nach Tarif 20 bis 30 Sitzungen im Jahr ohne Nachweis
Central In einigen Tarifen nicht erstattungsfähig, andere Tarife erstatten bis zu 30 Sitzungen im Jahr ohne Nachweis.
Concordia Bis zu 20 Sitzungen im Jahr ohne Nachweis, darüber hinaus Nachweis erforderlich
Continentale In einigen Tarifen ist Psychotherapie nicht erstattungsfähig; andere Tarife erstatten bis zu 30 Sitzungen im Jahr ohne Nachweis.
DBV-Winterthur In einigen Beamtenanwärtertarifen Erstattung ausgeschlossen. Andere Beamtentarife erstatten bis zu 30 Stunden im Jahr ohne Nachweis. In anderen Vollversicherungstarifen Erstattung ohne Beschränkung der Sitzungszahl und ohne Nachweis
DEVK Bis zu 30 Sitzungen pro Kalenderjahr werden ohne Nachweis zu 75 Prozent erstattet, darüber hinaus Nachweis erforderlich. 25 Prozent Selbstbeteiligung in allen Tarifen
DKV Psychotherapie wird ohne Nachweis bis zu 30 Sitzungen im Jahr voll erstattet. Von der 31. bis zur 60. Sitzung werden 80 Prozent, ab der 61. Sitzung 70 Prozent erstattet.
Familienfürsorge Mit Nachweis medizinischer Notwendigkeit werden in Beihilfetarifen bis zu 50 Sitzungen im Jahr erstattet, in allen anderen Vollversicherungstarifen ohne Begrenzung der Sitzungszahl.
Hallesche-Nationale Bei Behandlung durch ärztliche Psychotherapeuten Erstattung ohne Begrenzung der Stundenzahl und Nachweis
Hanse-Merkur Bei Behandlung durch ärztliche Psychotherapeuten werden in einigen Tarifen bis zu 15 Stunden erstattet, andere Tarife ohne Begrenzung.
HUK-Coburg In einem Tarif wird Psychotherapie nicht erstattet. In allen anderen wird die Behandlung durch ärztliche Psychotherapeuten bis zu 30 Stunden im Jahr übernommen, darüber hinaus keine Erstattung.
Landeskrankenhilfe Bei Behandlung durch ärztliche Psychotherapeuten ohne Begrenzung der Stundenzahl und Nachweis
LVM Bis zu 30 Sitzungen pro Kalenderjahr ohne Nachweis, darüber hinaus mit Nachweis
Signal – IDUNA In einigen Tarifen werden 30 Stunden im Jahr erstattet, in anderen keine Begrenzung der Sitzungszahl. Je nach Tarif ist ein Nachweis erforderlich.
Vereinte Je nach Tarif werden 20 bis 30 Sitzungen im Jahr ohne Nachweis erstattet. Darüber hinaus sind nur Kulanzregelungen möglich, beispielsweise das Vorziehen des Kontingents aus dem Folgejahr. Eine Änderung der Allgemeinen Versicherungsbedingungen zugunsten einer Erweiterung wird geplant.
Stand: März 2001; alle Angaben ohne Gewähr. Die Aufstellung bezieht sich auf den Leistungsumfang der privaten Vollversicherungstarife. In einigen Tarifen ist eine Selbstbeteiligung in unterschiedlicher Höhe vereinbart. Selbstbeteiligungs-Regelungen werden hier nur erwähnt, sofern sie sich ausschließlich auf psychotherapeutische Leistungen beziehen. Es wurden nur Versicherungsbedingungen von aktuell angebotenen Vollversicherungen berücksichtigt.
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