ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Infektionsschutzgesetz: Erste Erfahrungen im Alltag

POLITIK: Medizinreport

Infektionsschutzgesetz: Erste Erfahrungen im Alltag

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-964 / B-813 / C-769

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Das seit dem 1. Januar gültige Gesetz präzisiert zwar die Meldepflicht für Ärzte, bereitet ihnen aber auch bürokratische und inhaltliche Probleme.

Das neue Infektionsschutzgesetz ist zwar in Kraft, doch seine Umsetzung bereitet im Praxisalltag Schwierigkeiten – zum Beispiel weil die Meldeblätter auf erheblichen Umfang angewachsen sind und kein elektronischer Datenaustausch möglich ist. Aber auch inhaltlich ist das Gesetz in mancher Hinsicht kritikwürdig, wie bei einer Veranstaltung der Bezirksärztekammer Frankfurt/Main betont wurde.
Infektionskrankheiten sind keineswegs besiegt: In der Todesursachenstatistik stehen sie hierzulande zwar „nur“ an dritter, weltweit aber an erster Stelle und fordern jährlich 18 Millionen Menschenleben. Darüber hinaus werden regelmäßig neue Erreger nachgewiesen – in den vergangenen 20 Jahren alleine 30 Arten –, und einige der dadurch ausgelösten Erkrankungen sind schwer zu diagnostizieren und zu therapieren. Dazu kommt die zunehmende Zahl resistenter Erreger.
In diesem Zusammenhang verwies Mikrobiologe Prof. Volker Brade (Universität Frankfurt) speziell auf Methicillin-resistente Staphylococcus-aureus-Stämme (MRSA) und Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE). Als bedenklich wertete der Referent unter anderem, dass in Russland 37 Prozent der Tuberkulose-erregenden Mykobakterien multiresistent sind; in Deutschland liegt die Rate derzeit bei nur vier Prozent. Gleichzeitig bereitet bei einigen Erregern die Vakzineherstellung bis heute massive Probleme – etwa bei HIV, Malaria und Tuberkulose.
Mit dem Bundesseuchengesetz war es nur möglich, Maßnahmen zu ergreifen, wenn die Infektion bereits vorlag – also das „Kind bereits in den Brunnen gefallen“ war. Das Infektionsschutzgesetz dagegen soll nicht nur Mängel in der Erhebung auswertbarer Daten beheben, sondern auch Überwachungs- und Kontrollmechanismen effizienter machen – und der Prävention Rechnung tragen. Erklärte Ziele sind damit eine intensivierte Infektions-Überwachung und ein verbesserter Infektionsschutz.
Um epidemiologische Daten zu gewinnen und fallbezogene Infektionskontrollen vornehmen zu können, ist das Meldeformular erheblich erweitert worden und umfasst erstmals explizit aufgelistete Angabensätze. Abgefragt werden bei den Meldungen außer den Daten zur Person und Erkrankung auch die wahrscheinliche Infektionsquelle – mit Bundesland, Tätigkeitsbereich des Erkrankten (Lebensmittelgewerbe oder Gemeinschaftseinrichtung) – sowie Angaben über Blut- oder Organspende.
Formlose Meldungen sind zwar prinzipiell möglich, führen in der Praxis offensichtlich aber nur zu erheblicher Mehrarbeit, da postwendend entweder eine telefonische Rückfrage erfolgt oder das Formblatt zum Ausfüllen zugesandt wird. Aufgrund von Datenschutzaspekten können die Meldungen nicht über elektronische Postwege (E-Mail) versandt werden.
Die namentliche Meldepflicht erstreckt sich zwar nur noch auf 15 Erkrankungen, zu denen jetzt auch die Masern (selbst der Verdacht) zählen. Weggefallen sind sämtliche klassischen sexuell übertragbaren Erkrankungen (STDs) – nach Auffassung des Fortbildungsbeauftragten Prof. Peter-Henning Althoff ein gravierender Fehler, da die Gonorrhö als Indikatorkrankheit zu werten ist. Von gesetzgeberischer Seite, so erläuterte Dr. Oswald Bellinger (Stadtgesundheitsamt Frankfurt), wolle man mit der nicht-namentlichen Nennung bei STDs die Hemmschwelle für den Arztbesuch erniedrigen und so einer weiteren Ausbreitung entgegenwirken.
Nicht mehr zu melden sind speziell auch infektiöse Gastroenteritiden, außer es handelt sich um Gruppenerkrankungen oder Beschäftigte aus dem Lebensmittelbereich. Hier setzt der Gesetzgeber auf regelmäßige Information und Aufklärung der Beschäftigten durch den Arbeitgeber. Dabei, so Bellinger, soll den Beschäftigten klar gemacht werden, dass sie sich im Fall von Infektionen aus Präventionsgründen krankmelden müssen. Althoff bezweifelte die „Durchschlagskraft“ dieser Maßnahme erheblich angesichts der Tatsache, dass vor allem das (Teilzeit-) Personal in schlecht bezahlten Jobs wie etwa Schnellrestaurants auf jede Mark angewiesen ist. Belegt ist, dass erhebliche Defizite bei der Hygiene jährlich allein zu 150 000 gemeldeten Fällen von bakteriellen Lebensmittel-Infektionen führten.
Zu erheblicher Kritik vonseiten der Ärzte führt auch die Bestimmung, wonach bei Impfschäden schon der Verdacht meldepflichtig ist, nicht jedoch die konsekutive Erkrankung oder gar ein Todesfall.
Kliniken und Einrichtungen für ambulantes Operieren sind verpflichtet, nosokomiale Infektionen und Erreger mit speziellen Resistenzen und Multiresistenzen aufzuzeichnen und zu bewerten, was primär das interne Hygienemanagement verbessern soll. Ausbruchartige Häufungen nosokomialer Infektionen sind nicht-namentlich zu melden.
Neu ist die gestärkte Kompetenz der Gesundheitsämter, die die Umsetzung kontrollieren können; zusätzlich können alle Einrichtungen, in denen eine Übertragungsmöglichkeit der Erreger durch menschliches Blut besteht (also auch Praxen) infektionshygienisch überwacht werden. Darüber hinaus können die Gesundheitsämter bei Trägern von HIV, Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Viren ein Tätigkeitsverbot auch bei parenteralem Übertragungsrisiko aussprechen.
Die Umsetzung des Infektionsschutzgesetzes, das eine Meldepflicht von 24 Stunden vorschreibt, macht aus eingängigen Gründen eine Bereitschaft der Meldestellen außerhalb der Bürostunden und an Wochenenden notwendig – etwa in Form einer „hotline“.
Schnelligkeit spielt aber auch bei der Diagnostik eine Rolle: Die Eindämmung von Infektionen erfordert im Einzelfall eine optimierte Infektionsdiagnostik. Speziell bei mikrobiologisch und serologisch schwer nachweisbaren und langsam wachsenden oder nicht anzüchtbaren Erregern bietet die Nukleinsäurediagnostik einen erheblichen Zeitgewinn.
Wie Mikrobiologe Dr. Boris Böddinghaus ausführte, reduziert sich beispielsweise die Nachweiszeit von Mycobacterium tuberculosis von zwei bis acht Wochen durch die neuen Methoden auf drei Tage. Vorteile sieht der Referent außerdem beim Nachweis von Pertussis-, Toxoplasmose- und Morbus-Whipple-Erregern, aber auch bei den langsam wachsenden Dermatophyten. Die Nukleinsäurediagnostik ist jedoch nicht ganz billig, außerdem nicht zum Screening geeignet, da ein positives Ergebnis zwar hohe, ein negatives jedoch deutlich geringere Aussagekraft besitzt. Dr. Renate Leinmüller

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