ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Krankenhäuser: DRG-gerechte Dokumentation

THEMEN DER ZEIT

Krankenhäuser: DRG-gerechte Dokumentation

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-967 / B-799 / C-747

Roeder, Norbert; Rochell, Bernhard

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LNSLNS Leistungstransparenz oder Datenfriedhof?

Für die Krankenhäuser wird es ernst: Nach den gesetzlichen Vorgaben des § 17 b des Krankenhausfinanzierungsgesetzes (KHG) sollen bis zum 31. Dezember 2001 Fallgruppendefinitionen und DRG-Relativgewichte sowie Zu- und Abschläge des ab dem 1. Januar 2003 einzuführenden DRG-Vergütungssystems vereinbart werden. Auch wenn der Stichtag am 31. Dezember 2001 aufgrund der zu knappen gesetzlichen Termingestaltung mit einer sachgerechten Lösung nicht vereinbar scheint, kann nicht ausgeschlossen werden, dass zumindest ein Teil der Krankenhausdaten des Jahres 2001 schon mit als Grundlage für die Umrechnung des Fallerlösanteils des historischen Krankenhausbudgets in ein DRG-Budget herangezogen wird. Damit kann die Qualität der Falldokumentation des laufenden Jahres für jedes einzelne Krankenhaus bereits darüber mitentscheiden, ob es die Einführungsphase des neuen Vergütungssystems als Gewinner oder Verlierer verlässt.
Dieser Aspekt hat zu einer erheblichen Verunsicherung an den Krankenhäusern geführt, weil die wesentlichen Einflussgrößen des künftigen Vergütungssystems und die sich daraus für die Falldokumentation ergebenden Anforderungen noch immer unklar sind. Viele Krankenhäuser behelfen sich im bestehenden (Ver-)Zweifel(n)sfall daher mit dem Grundsatz, dass alles zu codieren und zu dokumentieren ist, was eben geht. Die resultierende Überdokumentation belastet überwiegend die hiermit beauftragten Krankenhausärzte. Die Dokumentation eines Falles bindet in der Regel zwischen 12 und 20 Minuten ärztlicher Arbeitszeit. Das geflügelte Wort „Wer schreibt, der bleibt“ dürfte sich daher zur Zeit primär im vermehrten Anfall dokumentationsbedingter ärztlicher Überstunden niederschlagen. Auch die Kostenträger stehen vor der Aufgabe, aus den ihnen übermittelten Entlassungsdaten, die je Fall zum Teil 200 und mehr Diagnosen- und Prozedurencodes umfassen, die in der Regel weniger als zehn für die DRG-Zuordnung maßgeblichen Codes zu ermitteln. Da viele der restlichen Codes weder für die Anpassung und Weiterentwicklung des DRG-Systems noch für die Qualitätssicherung oder die Gesundheitsberichterstattung genutzt werden können, entsteht ein gigantischer Datenfriedhof.
Daten für die Fallzuordnung
Alle Informationen, die das DRG-System für die Fallgruppierung benötigt, sind im Entlassungsdatensatz der Krankenhäuser nach § 301 SGB V enthalten. Tabelle 1 zeigt, dass mit einer Ausnahme alle gruppierungsrelevanten Kriterien des als Entwicklungsbasis für die künftigen G-DRGs ausgewählten australischen AR-DRG-Systems mit dem Entlassungsdatensatz nach § 301 SGB V übermittelt werden können. Die Ausnahme besteht in der psychiatrischen Zwangseinweisung, die im deutschen DRG-System wegen der Ausgrenzung der Einrichtungen, die der PsychPV unterliegen, zunächst ohne Bedeutung bleibt.
Da die korrekte und vollständige Dokumentation der relevanten Diagnosen und Leistungen für die DRG-Ermittlung maßgeblich ist, wächst den dokumentierenden Ärztinnen und Ärzten eine besondere Verantwortung zu. Die ärztliche Dokumentation wird auch im Krankenhaus zur Haupteinflussgröße der Rechnungsstellung.
Diagnosen- und Prozedurenschlüssel
Das Bundesministerium für Gesundheit hat zur Vorbereitung der DRG-Einführung im Krankenhausbereich mit Wirkung ab 1. Januar 2001 neue Versionen 2.0 der ICD-10-SGB-V sowie des OPS-301 in Kraft gesetzt. Die neuen ICD- und OPS-Versionen sind für die künftig über DRGs abzubildenden voll- und teilstationären Behandlungsfälle unmittelbar relevant (Tabelle 2).
Aufgrund der kurzfristigen Inkraftsetzung und der zu Jahresbeginn nicht flächendeckenden Verfügbarkeit der neuen ICD- und OPS-Versionen hat sich die Selbstverwaltung auf eine dreimonatige Sanktionsfreiheit für Krankenhäuser und Krankenkassen verständigt, welche die Umstellung der Diagnosen- und Prozedurenklassifikation erst nach dem 1. Januar 2001 bewerkstelligen konnten. Seit dem 1. April 2001 muss jedoch ausschließlich nach den neuen Versionen codiert werden. Die Verpflichtung zur Dokumentation der Diagnosen und Leistungen nach der ICD-10-SGB-V 2.0 und dem OPS-301 2.0 besteht auch in den von der DRG-Einführung zunächst nicht betroffenen Einrichtungen, welche der PsychPV unterliegen. Im vertragsärztlichen Bereich bleibt die ICD-10-SGB-V, Version 1.3, unverändert in Kraft.
Nach den Australian Coding Standards, die in diesem Punkt voraussichtlich unverändert nach Deutschland übernommen werden, sind alle relevanten Diagnosen und Zustände zu dokumentieren, die während des Kranken­haus­auf­enthaltes konkrete Leistungen ausgelöst haben. Dies sind sämtliche Diagnosen und Zustände (dies betrifft auch Konsile), die einer eigenständigen Diagnostik oder Therapie bedurften oder einen erhöhten Pflege- oder Überwachungsaufwand verursachen oder die Mobilisation erschweren.
Entsprechend ist auf die Codierung anamnestischer Diagnosen, die keinen Bezug zur erbrachten Behandlung haben, wie zum Beispiel eine frisch und folgenlos ausgeheilte Fraktur, zu verzichten. Ebenso sollen auch Diagnosen, die sich nebenbefundlich ergeben, aber im weiteren stationären Verlauf keine Beachtung mehr finden, nicht codiert werden. Eine sich im präoperativen
Rö-Thorax ergebende Atelektase oder eine sich im Rahmen der Laboruntersuchung nebenbefundlich zeigende Hypercholesterinämie, die zu keiner weitergehenden eigenständigen Diagnostik oder Therapie beziehungsweise zu keiner speziell hierdurch begründeten Verfahrensänderung führen, sind zum Beispiel nicht zu codieren.
Im AR-DRG-System wie auch im künftigen G-DRG-System hat die korrekte Bestimmung der Hauptdiagnose einen ganz wesentlichen Einfluss auf die Fallgruppierung. Dies kann bei uneinheitlicher Handhabung zu erheblichen Erlösdifferenzen führen. Bei multidisziplinärer Behandlung muss die Hauptdiagnose fachübergreifend festgelegt werden, da die verschiedenen Fachabteilungen ihre Entgelte künftig in der Regel nicht mehr separat abrechnen können, sondern gemeinsam über eine einzige DRG-Fallpauschale vergütet werden.
Eine verbindliche Vorgabe der Hauptdiagnosendefinition wollen die Vertragspartner kurzfristig im Rahmen einer Vereinbarung von allgemeinen Codierregeln treffen. Es ist zu erwarten, dass die nicht in allen Belangen problemlose, auf den für die Veranlassung des stationären Aufenthaltes (haupt-)ursächlichen Zustand bezogene australische Definition der Hauptdiagnose übernommen wird, damit Verzerrungen bei der Anpassung der AR-DRGs auf deutsche Verhältnisse vermieden werden können. Hierüber könnten auch für die Zuordnung der FP und SE ergänzende Regelungen notwendig werden. Mit den allgemeinen Codierregeln wird unter anderem auch der Umgang mit der Angabe von Verdachts-, Zustand nach und Ausschlussdiagnosen für den Krankenhausbereich neu festgelegt. (Das Deutsche Ärzteblatt wird über die Bekanntgabe der Codierregeln berichten.)
Abgesehen von der Differenzierung zwischen Haupt- und Nebendiagnosen, ist die Einhaltung einer bestimmten Reihenfolge bei der Angabe der Nebendiagnosen für die Gruppierung im australischen DRG-System nicht erforderlich. Aus Gründen der besseren Nachvollziehbarkeit der Gruppierung sollten die Nebendiagnosen jedoch nach absteigendem Schweregrad geordnet werden.
Welche Prozeduren?
Die deutsche Prozedurenklassifikation OPS-301 ist nicht ohne Kritik von circa 7 600 auf circa 25 800 Codes deutlich erweitert worden, um eine DRG-konforme Abbildung kostensignifikanter Leistungen zu ermöglichen. Nachdem sich die bisherige Spannbreite der amtlichen OPS-301-Codes weitgehend auf operative und invasive Leistungen konzentriert hat, müssen mit der Version 2.0 jetzt auch konservative nicht invasive diagnostische und therapeutische Maßnahmen in einem weitaus größeren Umfang dokumentiert werden. Krankenhäuser, die bisher insbesondere im konservativen Bereich zuzüglich zu den amtlichen OPS-Codes für interne Zwecke ICPM-Codes dokumentiert haben, müssen bei den zum Teil nicht identischen Überschneidungen mit der OPS-Version 2.0 beachten, dass die OPS-Verschlüsselung hier ab sofort Vorrang hat.
Die umfangreiche Erweiterung der OPS-Schlüssel für diagnostische und nichtoperative Maßnahmen verursacht in vielen Krankenhäusern eine inflationäre Codierung von weder für die Qualitätssicherung noch für Abrechnungszwecke verwertbaren Leistungen. Verantwortlich sind primär die teilweise sehr unscharf definierten Markercodes, zum Beispiel 1-100 – Klinische Untersuchung, deren wiederholte Codierung für hochfrequente Sekundärleistungen nicht ausgeschlossen ist. Das Problem dieser Markercodes: Je unpräziser diese Marker-Codes definiert und bezüglich ihres Gebrauchs eingeschränkt wurden, desto weniger werden sie ihrer primären Absicht, nämlich als Grundstruktur für eine künftige Verfeinerung des OPS-301 zu dienen, gerecht. Diese Codes werden ohne weitere Regeln allein aus der Unsicherheit heraus, eine Leistung bei der Dokumentation zu vergessen, häufig für sehr unterschiedliche Leistungen dokumentiert, sodass bei der späteren Datenanalyse kaum die jeweils genau dahinter steckenden Prozeduren, ihre Häufigkeit und ihre Bedeutung in Bezug auf die Ökonomie und Qualitätssicherung erschlossen werden können. So wird zum Beispiel der in den OPS-Benutzungshinweisen weder fachlich noch hinsichtlich des Leistungsumfanges und der Häufigkeit der möglichen Angabe reglementierte Code 1-100 – Klinische Untersuchung – mehr durch eine überflüssige Bindung ärztlicher Arbeitszeit während seiner Dokumentation auffallen als durch irgendeinen Nutzen. Dieser Code kann auf der derzeitigen Regelgrundlage für jede klinische Untersuchung – gleich ob es sich um die Erhebung eines kleinen Lokalbefundes oder eine vollständige körperliche Untersuchung handelt – von der Aufnahmeuntersuchung über jede Verlaufskontrolle und konsiliarische Untersuchung bis hin zur Entlassungsuntersuchung mitunter mehrmals täglich angegeben werden. Weitere Beispiele sind der OPS-Code
1-269 – Andere Untersuchung der elektrophysiologischen Aktivität des Herzens, der ohne weiteres für jedwede EKG-Ableitung angegeben werden kann, der OPS-Code 1-799 – Andere physiologische Funktionstests, der vom Blutzuckertoleranztest bis hin zur Bestimmung der Kreatinin-Clearance oder zum Rombergschen Stehversuch (hier könnte man noch in Konflikt mit dem OPS-Code 1-20 a – Andere neurologische Untersuchung – geraten) zutrifft, oder der OPS-Code 8-020.x – Sonstige therapeutische Injektion in Organe und Gewebe, der durchaus von der täglichen subkutanen Heparin-Injektion bis hin zur Quaddelung herangezogen werden könnte.
Die aus dem vielfachen Gebrauch dieser Codes resultierende Datenmenge ist nicht relevant für die Zuordnung des Falls zu einer DRG. Auch für die Kalkulation der Relativgewichte werden Informationen in diesem Umfang auf OPS-Basis nicht benötigt, da die Informationen für die Kostenkalkulation schon teilweise in krankenhausinternen Leistungserfassungssystemen vorliegen und nicht redundant über den OPS abgebildet werden müssen. Das Ziel der OPS-Dokumentation sollte es sein, nur die aus ökonomischer Sicht und im Rahmen der externen Qualitätssicherung wesentlichen Leistungen verpflichtend abzubilden. Um Datenfriedhöfe zu vermeiden, hat die Bundes­ärzte­kammer auf der Sitzung des Kuratoriums für Fragen der Klassifikation im Gesundheitswesen am 14. Februar 2001 dazu aufgefordert, kurzfristig eine für die Krankenhäuser wie auch die Krankenkassen verbindliche Regelung zur Vermeidung der extensiven Nutzung der unklar definierten OPS-Marker-Codes zu konsentieren. Das DIMDI hat am 22. Februar 2001 auf seiner Homepage unter der Rubrik „Häufige Fragen zum OPS-301, Version 2.0“ (www.dimdi.de/germ/klassi/ops301/faqops301.htm), folgende möglichst nicht beziehungsweise nur einmal pro Patient und pro Aufenthalt zu verwendende OPS-Codes veröffentlicht (Tabelle 3).
Die Einhaltung einer bestimmten Reihenfolge ist bei der Angabe der Prozeduren für die Gruppierung im australischen DRG-System nicht zwingend erforderlich. Aus Gründen der Übersichtlichkeit und besseren Nachvollziehbarkeit der Gruppierung sollten die Prozeduren jedoch in folgender Reihenfolge geordnet werden:
1. OPS-Codes für therapeutische Maßnahmen zur Behandlung der Hauptdiagnose („Hauptleistung“)
2. OPS-Codes für therapeutische Maßnahmen zur Behandlung der Nebendiagnosen
3. OPS-Codes für diagnostische Maßnahmen im Zusammenhang mit der Hauptdiagnose
4. OPS-Codes für diagnostische Maßnahmen im Zusammenhang mit den Nebendiagnosen.
Wenn bei den einzelnen Punkten mehrere OPS-Codes erforderlich sind, sollten sie absteigend nach dem Aufwand der dahinter stehenden Leistungen geordnet werden.
Als Hilfsmittel für die manuelle Codierung der Diagnosen nach der ICD-10-SGB-V 2.0 sollte der ICD-10-Diagnosenthesaurus, Version 4.0, genutzt werden, der von der DIMDI-Website (www.dimdi.de) heruntergeladen werden kann und in Kürze auch im Buchhandel erhältlich sein wird. Für die Diagnosenverschlüsselung nach der ICD-10-SGB-V 1.3 ist weiterhin der ICD-10-Diagnosenthesaurus in der Version 3.0 beziehungsweise 3.1 zu nutzen. Die ICD-10-Diagnosenthesauri haben gegenüber dem alphabetischen Index der ICD-10 (WHO-Version) den Vorteil, dass diese speziell auf die Erfordernisse der SGB-V-Versionen sowie auf die deutsche Sprache abgestimmt wurden und anwenderfreundlicher strukturiert sind.
Zur Unterstützung einer standardisierten, vereinheitlichten und nicht redundanten Erfassung von Diagnosen und Prozeduren sollten EDV-Hilfen angeschafft werden, die mit dem Krankenhausinformationssystem vernetzt werden können. Neben der Erleichterung der Dokumentation minimieren solche Systeme vielfach Erfassungsfehler, unterstützen die Arztbriefschreibung und verbessern das Dokumentationscontrolling.
Das in Deutschland für die Pflege und Weiterentwicklung der ICD-10-SGB-V sowie des OPS-301 verantwortliche DIMDI beabsichtigt aufgrund der sich durch die zunehmende Vergütungsrelevanz beider Klassifikationen ergebenden Notwendigkeit einer zeitnahen Integration des medizinischen Fortschrittes, ein jährliches Update-Verfahren zu praktizieren:
Bis zum 30. April: Sammlung der Eingaben von Fachgesellschaften und weiteren Institutionen, Krankenhäusern, Krankenkassen und sonstigen Betroffenen mit Änderungs- und Ergänzungsvorschlägen.
1. Mai bis 30. Juni: Auswertung der bis zum 30. April eingegangenen Vorschläge und Erarbeitung der Update-Versionen.
1. Juli: Bekanntgabe der Update-Versionen der ICD-10-SGB-V sowie des OPS-301 und deren In-Kraft-Treten ab dem 1. Januar des Folgejahres.
Diese Vorgehensweise soll fortan gewährleisten, dass sich die Betroffenen künftig innerhalb eines ausreichenden und zumutbaren Zeitvorlaufes auf die Änderungen einstellen können.
Um die Vorschläge für die künftigen Änderungen des OPS-301 und der ICD-10-SGB-V besser zu strukturieren, Redundanzen zu vermeiden und das DIMDI zu entlasten, sollten die Vorschläge möglichst gesammelt und geprüft über die medizinischen Fachgesellschaften an das DIMDI herangetragen werden. Für die Belange des DRG-Systems sollte darauf geachtet werden, dass sämtliche Diagnosen und Leistungen beziehungsweise Leistungskomplexe mit einer signifikanten Auswirkung auf die Gesamthöhe der Behandlungskosten eines jeden Fachgebietes adäquat codiert werden können. Die Vorschläge für die Überarbeitung des OPS-301 und der ICD-10-SGB-V zum Jahr 2002 müssen bis zum 30. April 2001 beim DIMDI eingereicht werden.
Sonstige Bereiche
Wenngleich die Leistungen der mit den bettenführenden Fachabteilungen kooperierenden Bereiche wie Radiologie, Pathologie, Labormedizin, Krankenhausapotheke und Physiotherapie sowie der Pflege durch die DRGs künftig mit vergütet werden, werden diese beim Ablauf der Fallgruppierung in DRG-Systemen in der Regel nicht direkt, sondern nur indirekt über die Diagnosen und Prozeduren berücksichtigt, welche die entsprechenden Leistungen auslösen. Dieser Umstand macht es umso wichtiger, dass die durch diese Bereiche erbrachten Leistungen im Rahmen der noch anstehenden DRG-Kalkulation vollständig dokumentiert und kalkulatorisch mit einbezogen werden. Die notwendigen Informationen werden in einigen Bereichen häufig schon in den EDV-Systemen zum Beispiel für die radiologische oder labormedizinische Leistungsdokumentation routinemäßig erfasst. In der Pflege könnte beispielsweise die PPR für die DRG-bezogene Leistungserfassung nutzbar gemacht werden.
In den zur Ableitung der DRG-Kostengewichte genutzten nationalen Krankenhauskostenerhebungen (NHCDC) Australiens werden die in diesen Bereichen erbrachten Leistungen und die daraus resultierenden Kosten im Rahmen der Kalkulationsmodule der in Tabelle 4 dargestellten Kostenstellen fallbezogen ermittelt.
Beim Einsatz der DRGs wird die akkurate Dokumentation der Leistungen in diesen Bereichen zwar nicht unmittelbar abrechnungsrelevant. Unter dem Aspekt des internen Kostencontrollings und der Qualitätssicherung ist sie jedoch auch hier erforderlich. Entsprechend sollten auch die Krankenhäuser, die zunächst nicht an der DRG-Kalkulation teilnehmen, die in den verschiedenen Bereichen anfallenden Leistungen zur eigenen Orientierung mithilfe von Leistungserfassungssystemen dokumentieren und zumindest stichprobenhaft anhand des durch die Selbstverwaltung noch zu vereinbarenden Kalkulationsschemas analysieren. Hilfreich wäre dabei, wenn, wie auch in Australien praktiziert, neben den künftigen deutschen DRG-Kostengewichten „Service weights“ für die im Rahmen der Kostenkalkulation errechneten Anteile der entsprechenden Leistungen an den DRG-Gesamtkosten ausgewiesen werden, die dann als Vergleichsmaßstab herangezogen werden können. Zur Gewährleistung eines kostenbewussten Anordnungsverhaltens sollten für häufige und sehr teure Leistungen Krankenhaus-Leitlinien entwickelt werden.
Ärztliche Arbeitszeit
Die Bundes­ärzte­kammer, der Marburger Bund sowie der Verband der leitenden Krankenhausärzte Deutschlands haben die Deutsche Krankenhausgesellschaft und die Spitzenverbände der Krankenkassen dazu aufgefordert,
! die Umsetzung des EuGH-Urteils vom 3. Oktober 2000, das die Bereitschaftsdienste als reguläre Arbeitszeit einstuft,
! die Vielzahl der an der Mehrheit der Krankenhäuser anfallenden unentgeltlichen ärztlichen Mehrarbeit sowie
! den durch die DRG-Einführung entstehenden zusätzlichen ärztlichen Dokumentationsaufwand
bei der Kalkulation der Arztkosten zu berücksichtigen. Allein für die Umsetzung des EuGH-Urteils belaufen sich die Schätzungen auf einen Mehrbedarf von knapp zwei Milliarden DM für 15 000 zusätzliche Klinikarztstellen. Da mit der Einführung des DRG-Systems auch die je DRG verfügbare ärztliche Arbeitszeit fallbezogen definiert wird, wird eine allein auf der Grundlage der bestehenden Stellenpläne aufbauende Kalkulation der Arztkosten hier zu nicht akzeptablen Engpässen bei der je Fall gewährleisteten ärztlichen Zuwendung kommen. Da mit den DRGs auch die Bewertung der krankenhauseigenen Kostenstellen transparenter werden, werden Kliniken, die das Arbeitszeitgesetz nicht umsetzen, nicht länger profitieren können. Im Vergleich mit anderen Krankenhäusern werden diese Kliniken unterbewertete ärztliche Kostenstellen und überbewertete sonstige Kostenstellen ausweisen. Die DRG-Bewertung wird für solche Häuser neben einer nur leichten Aufwertung der ärztlichen Kostenstellen eine überproportionale Abwertung der anderen Kostenstellen und damit die Gefahr einer überproportionalen Budgetabsenkung mit sich bringen. Ob diese Häuser mit ihrem verbleibenden Budget und mit weniger Arztstellen ihre Leistungen dann noch in gleicher Qualität und Fallzahl im Wettbewerb mit den anderen Häusern erbringen können, muss bezweifelt werden.
Es sollte daher im gemeinsamen Interesse der Krankenhausträger und Krankenhausärzte liegen, die Angemessenheit der gegenwärtigen ärztlichen Stellenpläne vor dem Hintergrund der neu eingetretenen Rahmenbedingungen zu überprüfen und anzupassen. Die Finanzierung des resultierenden Mehrbedarfs an ärztlichen Stellen muss spätestens bei der Bemessung der Komponenten des Vergütungssystems nach § 17 b KHG ausreichend berücksichtigt werden.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 967–971 [Heft 15]

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.

Anschriften der Verfasser:
Dr. med. Bernhard Rochell
Bundes­ärzte­kammer
Herbert-Lewin-Straße 1, 50931 Köln

Priv.-Doz. Dr. med. Norbert Roeder
Universitätsklinikum Münster
Leiter der Stabsstelle Medizincontrolling
Westfälische Wilhelms-Universität
Domagkstraße 22, 48129 Münster


´Tabelle 1CC´
Gruppierungsrelevante Kriterien des AR-DRG-Systems
AR-DRGs – Gruppierungsrelevante Kriterien Im §-301-Datensatz enthalten
Haupt- und Nebendiagnosen (ICD-10-AM-Band 1) 3 (ICD-10-SGB-V 2.0)
Haupt- und Nebenleistungen (ICD-10-AM-Band 3) 3 (OPS-301 2.0)
Alter 3
Geschlecht 3
Geburts- bzw. Aufnahmegewicht 3
Verweildauer 3
Nicht explizit enthalten, aber
Tagesfallstatus aus Aufnahme- und Entlassungsdatum
des §-301-Datensatzes zu ermitteln
Beatmungsstundenzahl Abbildung über den OPS-301 (8-718 –
Dauer der maschinellen Beatmung)
Status der psychiatrischen Zwangseinweisung Weder nach § 301 SGB V noch
nach der ICD-10-SGB-V darstellbar
Entlassungsart 3


´Tabelle 2CC´
Für die Datenübermittlung und Abrechnung relevante Diagnosen- und Prozedurendokumentation der Krankenhäuser und Vertragsärzte ab 1. Januar 2001
Vor-, teil-, voll-, nachstationär Ambulantes Operieren Ambulante vertragsärztliche
Behandlung
Diagnosen: Diagnosen:
Krankenhaus ICD-10-SGB-V, V. 2.0 ICD-10-SGB-V, V. 2.0 Diagnosen:
Prozeduren: OPS-301, V.2.0 Prozeduren: EBM ICD-10-SGB-V, V. 1.3
Diagnosen: Prozeduren: EBM
Vertragsärzte entfällt ICD-10-SGB-V, V. 1.3
Prozeduren: EBM


´Tabelle 3CC´
„Problemcodes“ des OPS-301 2.0
Laut DIMDI* „sollten c 1-249 – Andere Untersuchung im HNO-Bereich
folgende Codes c 1-999 – Andere diagnostische Maßnahmen
möglichst nicht c 8-159 – Andere therapeutische perkutane Punktion
benutzt werden“ c 8-549 – Andere Maßnahmen zur Chemotherapie
c 8-579 – Andere rehabilitative Therapie
c 8-659 – Andere Elektrostimulation
c 8-919 – Andere Schmerztherapie
c 8-999 – Andere nichtoperative therapeutische Maßnahmen
c 9-999 – Andere ergänzende Maßnahmen
Codes, die laut DIMDI* c 1-100 – Klinische Untersuchung (dieser Code soll darüber hinaus
„nur einmal pro Pa-        nur dann angewendet werden, „wenn einem Patienten
tient pro Aufenthalt        kein anderer Code aus dem OPS-301 für diagnostische und
angegeben werden“        therapeutische Maßnahmen zugeordnet werden kann“)
sollen (gilt bei 3-Stel- c 8-01 – Applikation von Medikamenten und Nahrung
lern auch für die nach- c 8-17 – Spülung (Lavage)
geordneten 4-Steller) c 8-56 – Physikalisch-therapeutische Einzelmaßnahmen
c 8-57 – Andere rehabilitative Therapie c 8-63 – Elektrostimulation des Nervensystems c 8-65 – Elektrotherapie und andere Elektrostimulation c 8-71 – Mechanische Unterstützung der Atmung c 8-72 – Sauerstoffzufuhr c 8-77 – Maßnahmen im Rahmen der Reanimation c 8-91 – Schmerztherapie c 8-92---8-96 – Patientenmonitoring c 9-30 – Therapie von Stimm-, Sprech-, Sprach-, Schluckstörungen und
       Hörstörungen c 9-40 – Psychotherapie
Weitere Codes, die c 1-20a – Andere neurologische Untersuchung
aus Sicht der Autoren c 1-339 – Andere Untersuchung des Harntraktes
aufgrund ihrer Un- c 1-799 – Andere physiologische Funktionstests
schärfe oder ihrer un- c 8-020.x – Sonstige therapeutische Injektion in Organe oder Gewebe
wesentlichen ökono- c 8-122.x – Sonstige Manipulationen am Verdauungstrakt
mischen Bedeutung c 8-139.x – Sonstige andere Manipulationen am Harntrakt
keine für die Quali- c 8-149.x – Sonstige andere therapeutische Katheterisierung und
tätssicherung oder         Kanüleneinlage
Abrechnung verwend- c 8-506 – Wechsel und Entfernung einer Tamponade
baren Informationen c 8-969 – Anderes Patientenmonitoring
ergeben und somit c Darüber hinaus sollten sämtliche Codes für „n. n. bez.“ Maßnahmen
ebenfalls verzichtbar (n.n.bez. = nicht näher bezeichnet, 6. OPS-Stelle in der Regel = .y)
wären nicht verwendet werden. Diese in Analogie aus der ICD entlehnten
Codes sind für einen Prozedurenschlüssel überflüssig, da Leistungen, die im OPS nicht spezifisch abgebildet werden können, als „andere“ oder „sonstige“ Prozeduren zu codieren sind. Während ein Krankheitszustand wegen noch fehlender Informationen oder Befunde durchaus unklar sein kann und dann in der ICD als „n. n. bez.“ codiert werden kann, würde die Angabe einer „n. n. bez.“ Prozedur bedeuten, dass das angewendete Verfahren dem Codierer oder – noch schlimmer – dem Therapeuten selbst nicht genau bekannt ist. Letzteres sollte in der Medizin jedoch nicht vorkommen, sodass die „n.n.bez.“-OPS-Codes bei der nächsten Revision ersatzlos gestrichen werden sollten, was diese Klassifikation auf einen Schlag um mehrere Hundert Codes schlanker machen würde.
* Deutsches Institut für Medizinische Information und Dokumentation (Kontakt: www:dimdi.de)

´Tabelle 4CC´
Bei der NHCDC Australiens berücksichtigte Kostenstellen
– Hotelkosten – OP-Kosten
– Arztkosten Station – Notaufnahme
– Pflegekosten Station – Lagerhaltung/Versorgung
– Labor/Pathologie – Prothesen
– Radiologie – Abschreibungen
– nicht-ärztliche/nicht-pflegerische – Zusatzkosten Personal
  Behandlungsleistungen – spezielle Funktionsbereiche
– Apotheke – sonstige Fixkosten
– Intensivtherapie   (Verwaltung etc.)
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1. Rochell B, Roeder N (2000), Starthilfe DRGs, das Krankenhaus-Sonderheft zur Medica, November
2. Australian Refined Diagnosis Related Groups, Version 4.1, Definitions Manual Vol. 1–3, Commonwealth of Australia 1998, ISBN 0-642-36795-7, Direktbezug (150,– A$) unter: http://www.health.gov.au/casemix/defman1.htm, Deutscher Online-Testgrouper: http://drg.uni-muenster.de/
3. Australian Coding Standards First/Second Edition, National Centre for Classification in Health, 1. 7. 1998/1. 7. 2000
4. Fleck, E, Franz, E, Differenzbericht OPS-301 Version 2.0 vom 15. 11. 2000 versus Vorschlag der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie vom 2. 10. 2000, Stand 5. 12. 2000
5. Stellungnahme der GMDS zum Entwurf der revidierten Fassung des OPS-301 vom 18. 9. 2000
6. Roeder N, Wahnschaffe P, Weber W (2000), Kalkulation von DRG-Relativgewichten – Sind australische Methodik und Software in Deutschland anwendbar?, das Krankenhaus 12: 1000–1006
7. Roeder N, Rochell B, Irps S, Schlottmann N, Hennke M, Schmidt M, (2000), Abbildung ökonomischer Schweregrade im australischen DRG-System – Basis für die deutsche Adaptation, das Krankenhaus 12: 987–999
8. NHCDC Hospital Reference Manual Round 4, Commenwealth Department of Health and Aged Care, August 2000
9. Statements der gemeinsamen Pressekonferenz der Bundes­ärzte­kammer, der Marburger Bund sowie der Verband der leitenden Krankenhausärzte Deutschlands am 1. 2. 2001 in der Bundespressekonferenz, Berlin

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