ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Drogenpolitik - Das Verbot von Cannabis ist ein „kollektiver Irrweg“: Widerspruch

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Drogenpolitik - Das Verbot von Cannabis ist ein „kollektiver Irrweg“: Widerspruch

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-972 / B-804 / C-752

Caspari, D.

Zum Beitrag von Dr. med. Carl Nedelmann in Heft 43/2000:
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LNSLNS In seinem Beitrag kommt Dr. med. C. Nedelmann zu dem Schluss, dass die Schäden, die Cannabis anrichtet, „leicht, selten und flüchtig“ seien. Dieser Aussage und der zugrunde liegenden Argu-
mentation muss eindeutig widersprochen werden.
So führt der Autor zur Frage des Zusammenhangs zwischen Cannabiskonsum und psychotischer Störung aus, dass „neuere Studien“ keine Hinweise für eine charakteristische Psychopathologie bei Cannabis-Konsumenten gefunden hätten, die die Diagnose einer eigenständigen Cannabispsychose rechtfertigten. Dabei verkennt der Autor aber, dass es unzweifelhaft sowohl im Rahmen von Intoxikationen mit Cannabis zu meist rasch abklingenden psychotischen Störungen kommen kann, als auch bei regelmäßigem Cannabismissbrauch länger dauernde (drogeninduzierte) Psychosen auftreten, die ebenfalls noch, wenn auch nach längerer Zeit und bei Abstinenz, remittieren. Viel schwerwiegender ist aber, dass Dr. Nedelmann nicht erwähnt, dass regelmäßiger Cannabiskonsum schizophrene Psychosen auszulösen vermag und deren Verlauf nachhaltig beeinflusst (Caspari, 1999) und nach klinischen, neurobiologischen und epidemiologischen Daten als Risikofaktor für Schizophrenie gelten muss. Nach den Untersuchungen von Andreasson et al. (1987) stieg das Risiko für Cannabiskonsumenten, an einer schizophrenen Psychose zu erkranken, mit der Häufigkeit des Konsums auf das bis zu Sechsfache des Risikos in der Vergleichsgruppe.
Ähnlich unvollständig und unzureichend sind auch die Ausführungen von Dr. Nedelmann zum Problem der Cannabisabhängigkeit. So schreibt der Autor, dass selbst bei exzessivem Konsum „außer Toleranz-Erscheinungen keine Zeichen einer Sucht“ entstünden. „Entsteht eine Abhängigkeit (?!), kann sie leichter überwunden werden als beim Alkohol; denn die Entzugssymptome klingen innerhalb von Stunden, höchstens von Tagen ab.“ Hierzu ist zunächst anzumerken, dass die Symptome einer körperlichen Abhängigkeit nur einen Ausschnitt des Abhängigkeitssyndroms bilden und nach wissenschaftlicher Auffassung keine notwendige Voraussetzung für die Diagnose sind. Es gibt vielmehr schwere Suchtentwicklungen auch bei Substanzen, bei denen sich keine relevante körperliche Abhängigkeit ausbildet, zum Beispiel beim Kokain. Therapeutisch bieten auch bei den „klassischen“ Abhängigkeiten von Alkohol oder Opiaten gerade die Symptome der psychischen Abhängigkeit (craving etc.) langfristig die größten Probleme. Im Zusammenhang mit Cannabis sollte auch beachtet werden, dass in der von Dr. Nedelmann erwähnten Untersuchung von Kleiber et al. (1997) zwar bei zwei Prozent der aktuellen Konsumenten eine Abhängigkeit vom Cannabis-Typ nach DSM-IV gefunden wurde, wenn sie in ihrem bisherigen Leben ausschließlich Cannabisprodukte und nicht auch andere illegale Drogen genommen hatten. Die Abhängigkeitsraten stiegen jedoch bei parallelem, insbesondere aktuellem Beikonsum anderer illegaler Substanzen auf bis zu 20 Prozent und lagen in der untersuchten Gesamtgruppe bei acht Prozent. Dabei hatten immerhin 20 Prozent der Stichprobe auch im letzten Monat vor der Befragung neben Cannabis andere illegale Substanzen eingenommen. Interessanterweise wichen auch Selbsteinschätzung und objektive Diagnostik voneinander ab. Insgesamt fühlten sich mehr Konsumenten psychisch von Cannabis abhängig, als
bei der Anwendung psychiatrischer Diagnosesysteme klassifiziert worden wären.
Cannabis-Missbrauch beginnt in der Regel in einer wichtigen, aber auch vulnerablen Phase der psychosozialen Entwicklung Jugendlicher und vermag hier die Entwicklungschancen zu beeinträchtigen oder sogar zu Entwicklungsdefiziten zu führen. Dies ist aber mit medizinischen Krankheitsbegriffen nicht oder nur schwer zu erfassen.
Abschließend bleibt festzuhalten: Der Konsum von Cannabis ist sicher in den meisten Fällen ein transitorisches Phänomen in der Jugendzeit und im jüngeren Erwachsenenalter. Cannabis ist aber keine harmlose Substanz, die Risiken steigen mit Dauer und Häufigkeit des Konsums.

Literatur beim Verfasser

Priv.-Doz. Dr. med. Dipl.-Psych. D. Caspari, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Marienkrankenhaus St. Wendel, 66606 St. Wendel
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