ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Drogenpolitik - Das Verbot von Cannabis ist ein „kollektiver Irrweg“: Kritikwürdig

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Drogenpolitik - Das Verbot von Cannabis ist ein „kollektiver Irrweg“: Kritikwürdig

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-973 / B-769 / C-695

Stevens, A.

Zum Beitrag von Dr. med. Carl Nedelmann in Heft 43/2000:
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LNSLNS Aufgrund seiner biochemischen Eigenschaften (Stimulation der Cannabinoidrezeptoren) aktiviert Cannabis das mesolimbische Belohnungssystem sehr ähnlich dem Wirkmechanismus von Opiaten, es bewirkt genauso Dop-
amin-(DA-)Ausschüttung im ventralen Striatum und Stirnhirn und wirkt damit, sowohl von den beteiligten Hirnstrukturen als auch von den biochemischen Prozessen (Inhibition des cAMP- Systems, Aktivierung von c-fos in denselben Regionen) exakt wie Opiate (Manzanares et al., 1999, Tanda et al., 1997). Wie bei Opiaten entfaltet sich die Wirkung über den µl-Opioidrezeptor. Normalerweise erfolgt die mesolimbische DA-Ausschüttung auf das unerwartete Auftreten eines primären Verstärkers beziehungsweise eines Stimulus hin, der einen solchen Verstärker prädiziert. Opiate wie Cannabinoide vermitteln aufgrund ihrer chemischen Eigenschaften dem Gehirn des Konsumenten die falsche (rein chemisch, durch die DA-Ausschüttung erzeugte) Erfahrung, gerade etwas sehr Schönes und Wichtiges erlebt zu haben. Es handelt sich bei Cannabis- wie bei Opiatkonsum um das chemische Äquivalent einer elektrischen Selbststimulation des Belohnungssystems. Ob dies „gut“ und „vernünftig“ ist oder nicht, und allen frei zur Verfügung stehen sollte, ist wissenschaftlich nicht zu beurteilen. Zu benennen sind aber die negativen Folgen. Wie Opiate führen Cannabinoide bei wiederholter Einnahme zu einer Gegenregulation innerhalb des Motivations- und Lernsystems, welches ventrale tegmentale Area, ventrales Striatum und das Stirnhirn umfasst, mit den typischen negativen Auswirkungen auf Motivation, Lernvermögen, Aufmerksamkeit, Hedonie und Stimmung. Cannabis wirkt damit, und rein aufgrund seiner chemischen Eigenschaften, als (falscher) Verstärker, indem das zum Konsum führende Verhalten unkritisch verstärkt wird. Hier sind in der Tat ethische Bedenken anzumelden, da ein Agens mit solcher Wirkung geeignet ist, die freie Willensentscheidung des Betroffenen zu beschneiden – auch wenn diese Wirkung subjektiv für kurze Zeit mit Vergnügen verbunden ist. Die Wirkungen sind keinesfalls „nach Stunden verflogen“ (Dr. Nedelmann). Die Plasmahalbwertszeit nach Inhalation liegt bei 30 h, und noch nach 12 h sind zum Beispiel die Reaktionszeit (bei geteilter und ungeteilter) Aufmerksamkeit signifikant verlängert, die Fehler in einem Tracking-Paradigma deutlich vermehrt. Bei moderaten Cannabis-Usern wurden verminderte Funktion des Stirnhirns (working memory und Aufmerksamkeit) noch 72 h nach dem letzten Konsum nachgewiesen (Feldman et al., 1997). Millsaps et al. (1994) fanden bei einem gematchten Vergleich von 17-jährigen (!) Cannabis-Usern (ohne anderen Drogengebrauch) noch 27 Tage nach dem letzten Konsum verminderte Gedächtnisleistung und fluide Intelligenz (s. a. auch Ehrenreich et al., 1999). Für die Langlebigkeit von Cannabiseffekten kommen mehrere Mechanismen in Betracht. Neben der Wechselwirkung mit dem cAMP-System müssen weitere, auch genomische Wirkungen via CREB (cAMP-responsive element binding protein, Hyman und Nestler, 1996) bedacht werden. Bei Opiaten sind dauerhafte Veränderungen der Neuronenmorphologie (Robinson und Kolb, 1999) nachgewiesen, bei Cannabinoiden aufgrund des sehr ähnlichen Wirkmechanismus bisher nur zu vermuten. Im Gegensatz zu Opiaten wirken aber Cannabinoide auch in üblicher Konzentration neurotoxisch auf Hippocampusneurone (Ameri, 1999). Cannabis ist ferner für das fetale Nervensystem toxisch. Aus diesen Fakten geht hervor, dass Cannabis vom Wirkmechanismus den Opiaten ähnelt und von der Toxizität diese und Nikotin und Alkohol bei weitem übertrifft. Angesichts dieser Befunde verfehlen die Betrachtungen Dr. Nedelmanns über die „Sublimierungsfähigkeit der Droge in unserer Kultur“ den Gegenstand der Diskus-
sion.
Ein eindeutiger Ursachenzusammenhang zwischen Cannabiskonsum und psychischen Erkrankungen ist nicht nachgewiesen. Aber: Eine Ursachenbeziehung ist als Objekt in der Natur nie nachzuweisen, sondern nur aufgrund von statistischen Assoziationen zu vermuten, und damit eine Frage der Interpretation der statistischen Daten. Dass Cannabisgebrauch mit vermehrtem Risiko psychischer Krankheiten assoziiert ist, steht außer Frage. In einer umfangreichen prospektiven schwedischen Studie über 15 Jahre zeigte sich, dass das Risiko, an einer schizophrenen Psychose zu erkranken, bei mäßig häufigem Cannabisgebrauch 2,4-mal so hoch wie bei Nicht-Usern, bei intensivem Gebrauch sogar sechsmal so hoch (Andreasson and Allebeck, 1987). Das Suizidrisiko bei Cannabis-Usern ist
4-mal so hoch wie in einer nichtselektierten Stichprobe (Harris and Barraclough, 1997). Das überzufällig häufige Zusammentreffen mag auf eine gemeinsame Ursache zurückzuführen sein, zum Beispiel könnte die Prädisposition zu einer psychischen Störung den Cannabisgebrauch begünstigen – jedoch könnte es ein politisches (utilitaristisch motiviertes) Argument sein, den Gebrauch von Cannabis allein wegen dieses im Individuum unbekannten Psychoserisikos (um Gefährdete zu schützen) zu verbieten. !
Cannabis ist die Einstiegsdroge. Aus neurobiologischer Sicht ist dies durch die sensitivierende Wirkung für Opiateffekte auch zu erwarten. Cannabis und Marihuana sind die am häufigsten gebrauchten illegalen Drogen, und nach den epidemiologischen Daten und Pfadanalysen ist Cannabiskonsum ein wesentlicher Risikofaktor, härtere Drogen zu konsumieren (Pederson und Skrondal, 1999, Konings et al., 1995, Watson et al., 2000). Die Behauptung Dr. Nedelmanns, das Cannabis-Verbot fördere seine Verbreitung, scheint dem alten Anomie-Konzept entlehnt. Es liegen nun genügend Studien über die Prädiktoren für Cannabiskonsum bei Adoleszenten vor, die aber eine Wechselwirkung mit dem illegalen Status der Droge, gegenüber Alkohol und Nikotin (als legale Drogen), nicht erkennen lassen (z. B. Lynskey et al., 1998). Cannabis scheint vielmehr die Funktion zu
haben, Abhängigkeitsgefährdete für Opiatwirkung sensitiv zu machen (Verstärkung der subjektiven positiven Wirkung, früherer Eintritt der Abhängigkeit). Ferner wird die trügerische Erfahrung vermittelt, Drogen-(Cannabis-) Konsum sei nicht so schlimm, sodass die Hemmung, auch Opiate zu versuchen, abnimmt.
Dass Cannabis, um den Preis schwer zu überblickender, aber in jedem Fall schädlicher Konsequenzen für die Hirntätigkeit kurzfristig Freude bereiten kann, wurde bereits dargelegt. Das amerikanische Office of National Drug Control Policy hat 1999 die Ergebnisse einer Prüfung vorgelegt, ob der Gebrauch von cannabinoidhaltigen Substanzen für medizinische Zwecke in Betracht komme. Das Ergebnis dieser Untersuchung ist eindeutig negativ. Zwar sei der therapeutische Einsatz von Cannabis-ähnlichen Substanzen zur Spastik- und Schmerzbehandlung, Appetitstimulation u. a. denkbar, die Nachteile und Risiken von Cannabis oder Marihuana verbieten jedoch einen solchen Einsatz derzeit (Watson et al., 1999).
In Holland wurde seit 1976 die Legalisierung des Cannabiskonsums und ab 1995 des Handels unter bestimmten Maßgaben (AHOJ-G Kriterien) betrieben. Der Handel ist auch in Holland strikt reglementiert; zum Beispiel ist die Obergrenze der Abgabe auf 5 g pro Transaktion begrenzt. Die Motivation des Programms war im Übrigen nicht, den Holländern freien Zugang zu Cannabis zu verschaffen, weil dies erstrebenswert wäre, sondern die Drogenkriminalität zu reduzieren, den Cannabishandel zu kontrollieren und vor allem den Übergang von Cannabis zu Heroin zu erschweren. Herstellung von und Handel mit Cannabis ist im Übrigen in Holland genauso strafbar wie in Deutschland. MacCoun und Reuter (1997) haben ein Resümee vorgelegt, in dem deutliche Kritik an der holländischen Drogenpolitik geübt wird. Das Hauptziel, die Prävention von Heroingebrauch, wurde verfehlt, denn die Anzahl der Heroin-User zeigte sich unbeeinflusst und ist prozentual so hoch wie in anderen europäischen Ländern mit Cannabis-Verbot. Auch die in Holland sichergestellten Mengen von Cocain und Heroin führen zu dem Schluss, dass das Programm keine präventive Wirkung für den Gebrauch härterer Drogen hatte (NDM 2000). Das Argument (Dr. Nedelmanns), die Zahl der Drogentoten in Holland sei zurückgegangen, taugt nicht ohne den Nachweis, dass dies mit dem freieren Cannabis-Verkauf zusammenhängt. Die jüngsten vom holländischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium publizierten Daten sind aber von 1995 – dies war vor dem Beginn der Coffeeshop-Regelung.
Wissenschaft kann nur dazu dienen, empirische Befunde zu Nutzen und Gefahren darzulegen. Die Entscheidung, ob diese Argumente ein Verbot rechtfertigen, hängt von deren Bewertung nach ethischen beziehungsweise politischen Gesichtspunkten ab. Dabei mag, je nach Bewertungssystem (egalitäre oder militaristische Ethik) einigen Argumenten gar kein Gewicht mehr zukommen, anderen aber überragende Bedeutung zufallen. Nach der Wahl eines Bewertungssystems wäre zu untersuchen, mit welcher Rechtfertigung und unter welchen Umständen die Legislative den Freiraum des Individuums in der konkreten Weise beschneiden darf oder soll. Leider deutet Dr. Nedelmann dieses Thema nur an, indem er für einige den „vernünftigen und freien Gebrauch“ von Cannabis fordert, sich also auf der Ebene der Individualethik statt der Kollektivethik bewegt. Das Verbot von Cannabis mag eine im Einzelfall ungerechte, zumindest überflüssige Beschneidung der Freiheiten des Einzelnen sein, es lassen sich aber durchaus Gründe erkennen, die ein Verbot von Cannabiskonsum und -handel rechtfertigen.
Cannabis ist weiterhin als eine Substanz mit erheblichem gesundheitsschädigenden Potenzial anzusehen, und im Gegensatz zu Alkohol und Nikotin sind die Mechanismen der Schädigung für den Anwender weit weniger offensichtlich. Dies vor allem, da Cannabis von Jüngeren gebraucht wird (Holland: 12 Prozent der Schüler), die erfahrungsgemäß selten über Kenntnisse des Wirkmechanismus und der Gefahren verfügen, sondern, wie offenbar auch Dr. Nedelmann, Cannabis für harmlos und Nikotin-ähnlich halten. Im Rahmen einer politischen Ethik, zum Beispiel aus gesundheitsökonomischer Sicht, spricht alles dafür, das Verbot beizubehalten. Die Risiken der Freigabe werden nicht durch den Gewinn an Freiheit aufgewogen, die die Möglichkeit zu mesolimbischer Selbststimulation (der „vernünftige Gebrauch“, in der Terminologie Dr. Nedelmanns) für einige mit sich bringen mag – zu diesem Zweck könnte man besser sich streicheln lassen oder wenigstens Eis essen gehen.

Literatur beim Verfasser

Priv.-Doz. Dr. A. Stevens, Universitäts- Klinik
für Psychiatrie und Psychotherapie, Osianderstraße 24, 72076 Tübingen
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