ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Neuroleptika: Unnötige Beunruhigung

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Neuroleptika: Unnötige Beunruhigung

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-977 / B-826 / C-782

Grohmann, R.; Hippius, H.

Zu der Bekanntgabe der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft „Blutbildveränderungen unter dem neueren atypischen Neuroleptikum Olanzapin“ in Heft 3/2001:
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LNSLNS Alle seit 1952 eingeführten Neuroleptika können in Einzelfällen Blutbildveränderungen hervorrufen. Damit sich aus Blutbildveränderungen (zum Beispiel Neutropenien) keine schwerwiegenden Behandlungsrisiken entwickeln, gibt es für die routinemäßig durchzuführenden Blutbild-Kontrollen während der Therapie mit Neuroleptika allgemein anerkannte Richtlinien. Die Mitteilung der Arznei­mittel­kommission (AK) vermittelt den Eindruck, Olanzapin nehme hinsichtlich des Risikopotenzials für Blutbildveränderungen eine Sonderstellung ein. Das trifft nicht zu.
Die AK gründet ihre Stellungnahme auf die bei ihr eingegangenen Meldungen eines „Spontanerfassungssystems“. Ein Spontanerfassungssystem kann wichtige Hinweise auf bislang unbekannte oder nicht beachtete „unerwünschte Arzneimittelwirkungen“ (UAW) liefern. Als Grundlage für weitergehende Schlussfolgerungen – zum Beispiel für die Beurteilung der UAW-Häufigkeit und die Einschätzung des Risikopotenzials eines Medikaments – sind „Spontanerfassungssysteme“ jedoch nicht geeignet.
Um die Relevanz der Blutbildveränderungen unter Olanzapin-Therapie sachgerecht beurteilen zu können, müssen Vergleichszahlen zu anderen Neuroleptika herangezogen werden. Das ist durch die Auswertung der Daten der seit 1979 laufenden Forschungsprojekte AMÜP und AMSP (Arzneimittelüberwachung, Arzneimittelsicherheit in der
Psychiatrie) möglich. Am AMSP-Projekt nehmen 30 psychiatrische Kliniken in Deutschland und in der Schweiz teil. Im Zeitraum 1993 bis 1999 wurden bei insgesamt 104 673 Patienten an zuvor festgesetzten Stichtagen die angewandten Medikamente sowie durchgehend im gesamten Beobachtungszeitraum alle schweren UAW erfasst. 73 899 der Patienten hatten Neuroleptika erhalten. Aus den Anwendungszahlen und den Inzidenzen der „Agranulozytosen und Neutropenien“ können für die verschiedenen Neuroleptika differenzielle UAW-Risikoziffern errechnet werden. Die Auswertung der AMSP-Datenbank hat zu folgenden Ergebnissen geführt (UAW-Fälle, bezogen auf jeweils 10 000 Behandlungsfälle): Clozapin 16,5; Perazin 8,6; Risperidon 5,1; Olanzapin 4,1; Chlorprothixen 1,8; Haloperidol 1,4.
Wenn die Daten aus dem AMSP-Projekt auch nicht einer epidemiologischen Erhebung in strengem Sinn entsprechen, so erlauben sie doch eine vergleichende Einschätzung des UAW-Risikos „Agranulozytose/Neutropenie“ für die verschiedenen Neuroleptika. Die durch die Mitteilung der AK nahe gelegte Vermutung, bei Olanzapin würde ein besonders hohes UAW-Risiko hinsichtlich Blutbildveränderungen bestehen, ist nicht berechtigt.
Dr. R. Grohmann, Prof. Dr. H. Hippius, Psychiatrische Klinik der LMU, Nußbaumstraße 7, 80336 München, Prof. Dr. E. Rüther, Psychiatrische Klinik der Universität Göttingen
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