ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Sterbehilfe: Eine unendliche Qual

BRIEFE

Sterbehilfe: Eine unendliche Qual

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-979 / B-828 / C-783

Renoldi, Helmut

Ein schmerzvoller Erfahrungsbericht:
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LNSLNS Für alle Menschen, besonders aber für Ärzte, auch die in Holland wohnenden, die ein besonderes Vertrauenskapital zu wahren haben, gilt das biblische Gesetz: „Du sollst nicht töten!“ Zu dem Kapitel „Euthanasie“, unrichtig für Sterbehilfe gebraucht, obwohl es „gutes Sterben“ bedeutet und nur von den Nazis fälschlich für ihre vielfachen Morde eingesetzt wurde, das auch heute oft leider unrichtig gebraucht wird, obwohl alle Menschen an einem guten Tod interessiert sind, habe ich einige persönliche, sehr schmerzvolle bitterste Erlebnisse zu berichten.
Meine Frau erlitt mit 75 Jahren ein in der Klinik festgestelltes apallisches Syndrom: Sie war völlig gelähmt, stumm, völlig inkontinent für Stuhl und Urin, steif wie ein Brett, sie trug eine Luftröhrenkanüle mit häufiger Verschleimung, sie hatte massive Hustenanfälle mit Erstikkungsanfällen, häufiges Erbrechen hoch im Bogen, war mit ständiger PEG-Sonde und Blasenkatheter auf aus-schließlich künstliche Ernährung angewiesen. Sie wurde anfänglich als zuckerkrank
angesehen, was sie nie war, ebenso wenig wie Asthmatikerin oder Hypertonikerin. Ihr Leben war eine unendliche Qual, nicht nur für sich selbst, sondern auch für mich, der ich sie über 20 Monate lang täglich für sechs bis acht Stunden besuchte, ohne dass sie mich immer, sondern nur meistens, erkannte, und mit dem sie immer vergeblich versuchte zu sprechen, dem sie sich aber immer wieder zu
erkennen gab: „Warum hilfst du mir nicht, du siehst doch, wie ich gequält werde“ (man sieht das nach über 30 Jahren glücklicher Ehe). Nach 17 Monaten stellte ein Neurologe fest, dass die Augenfixation, wie auch das mehrfach von mir festgestellte Weinen, nicht in das Bild eines apallischen Syndroms passten, aber was nützte das jetzt noch? Schließlich verlor sie die PEG-Sonde und starb dann endlich nach 22 Monaten furchtbarer Qual.
Ein Patiententestament erschien meiner Frau nicht notwendig bei der familiären Situation, außerdem lebten wir in Gütertrennung.
Nunmehr gehe ich der Frage nach:
c Wo blieb bei dieser unmenschlichen Leidenszeit die Unantastbarkeit der menschlichen Würde nach Artikel 1 GG?
c Wo blieb der Staatsanwalt bei der viele Monate andauernden Vergewaltigung durch künstliche Ernährung gegen den Willen der Patientin?
c Wie will das Pflegeheim, das noch ein „Sterben in Ruhe und Würde“ als seine Devise ansieht, eine qualvolle, sinnlose Lebensverlängerung gegen den Willen der Patientin begründen?
c Da weder eine Palliativmedizin durchführbar noch eine Verständigung mit der Patientin überhaupt möglich war, eine Genesung nach Alter und Befund ausgeschlossen war, wie will Justiz und Gesellschaft die Grausamkeit einer solchen Behandlung über viele Monate hinweg verantworten?
Dabei gäbe es verschiedene Wege, die sich leicht und bei gutem Willen und ohne Voreingenommenheit eröffnen ließen. Bei Behandlung dieses Projektes – ich selbst werde meines Lebens nicht mehr froh, wenn ich an das Leiden meiner Frau und auch an meine Fehler denke – habe ich nicht einmal andere wesentliche Gesichtspunkte behandelt, was aber auch zu weit führen würde.
Dr. med. Helmut Renoldi,
Im Brockenfeld 14, 52074 Aachen
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