ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Vergiftung und Suizid - Wo und wie sollten Suizidpatienten behandelt werden? Psychotherapie auch nach Krisenintervention

MEDIZIN: Diskussion

Vergiftung und Suizid - Wo und wie sollten Suizidpatienten behandelt werden? Psychotherapie auch nach Krisenintervention

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-997 / B-825 / C-773

Lindner, Reinhard

zu dem BeitragvonProf. Dr. med. Dr. theol. Bernhard Bronin Heft 45/2000
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LNSLNS Der Beitrag bietet in Kürze eine gute Übersicht über die Krisenintervention bei Patienten nach Suizidversuch. Er hebt zu Recht die massive Vernachlässigung einer adäquaten Behandlung dieser Patienten hervor. Obwohl eine hohe Rezidivquote besonders im ersten Jahr nach Suizidversuch mit hoher Mortalität besteht, werden die Patienten oftmals unzureichend behandelt, da Patienten und Ärzte in gemeinsamer Abwehr der unerträglichen Gefühle und intrapsychischen Konflikte, die einem Suizidversuch vorausgingen, zur Tagesordnung übergehen. Zudem beschreibt Bron die Folgen einer unreflektierten negativen Gegenübertragung bei den Behandlern, da die Patienten als unangenehm und ärgerlich empfunden und demzufolge möglichst schnell entlassen werden. Die Bedeutung der Beziehung zu den Ärzten und Schwestern klingt im Beitrag zwar an, wird aber in ihren diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten nicht ausreichend dargestellt.
Suizidalität findet in Beziehungen statt. Suizidversuche sind meist Folge interpersoneller Konflikte (wie Trennungen, Kränkungen). Der Patient „inszeniert“ unbewusst bereits auf der zuerst versorgenden Station das zentrale Beziehungsproblem, welches mit dem Suizidversuch unmittelbar zusammenhängt. Lässt sich das vielfach bizarre Verhalten von Patienten nach Suizidversuch vor diesem Hintergrund verstehen, ergibt sich oft bereits in dieser Situation die Möglichkeit einer Entlastung und angemesseneren Behandlung. Bron lässt allerdings den Eindruck aufkommen, dass die Behandlung eines Patienten nach Suizidversuch mit einer erfolgreichen Krisenintervention als lege artis abgeschlossen zu gelten hat, wenn nicht schwerwiegende psychiatrische Erkrankungen vorliegen. Dem gegenüber steht die Tatsache, dass Krisenintervention allein nicht zu einer Reduktion nachfolgender Suizide und Suizidversuche führt. Zudem ist ein Suizidversuch immer Ausdruck einer schwerwiegenden psychischen Problematik, die in der Mehrzahl der Fälle eine Indikation zu einer psychotherapeutischen Behandlung darstellt. Im Therapiezentrum für Suizidgefährdete (TZS) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf werden seit zehn Jahren akut und chronisch suizidale Patienten behandelt. Nach unserer Erfahrung begeben sich Patienten nach einem Suizidversuch oftmals nicht sofort in Psychotherapie, sondern kommen erst einige Wochen und Monate später, wenn nämlich die verleugnende Abwehr durch neue Ereignisse und Erlebnisse wieder zusammenbricht. In dieser Situation ist eine der akuten Suizidalität angepasste psychotherapeutische Behandlung indiziert. In Beantwortung der Frage „Wo und wie sollten Suizidpatienten behandelt werden?“ muss deshalb die Forderung nach ausreichenden psychotherapeutischen Behandlungsressourcen und einer Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten auch nach der akuten Krisenintervention erhoben werden.

Dr. med. Reinhard Lindner
Therapie-Zentrum für Suizidgefährdete,
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52, 20246 Hamburg

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