ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Sprengel Museum in Hannover: Euphorischer Fortschrittsoptimismus

VARIA: Feuilleton

Sprengel Museum in Hannover: Euphorischer Fortschrittsoptimismus

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-999 / B-827 / C-775

Krannich, Stephanie

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LNSLNS Werke des italienischen Futurismus 1909 bis 1918.
Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen . . . ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.“
„Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! . . . Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige,
allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.“
Dies sind zwei von elf radikalen Thesen des „Manifestes der Zukunft“ des italienischen Schriftstellers Filippo Tommaso Marinetti aus dem Jahr 1909. Für die Dichtung proklamiert, machten sich seinen Inhalt bald schon Maler und Bildhauer zu Eigen: Seine Anhänger verlangten den völligen Bruch mit der Überlieferung. In der Malerei des Futurismus trat an die Stelle der optischen, nur einen einzigen Zustand abbildenden Einheitlichkeit der Bildfläche die „Simultaneität“, die Vereinigung mehrerer zeitlich verschiedener Erlebnisphasen, Bewegungen, die Überlagerung, Durchdringung von Körper, Raum, Geräuschen und Licht.
Das Sprengel Museum zeigt bis zum 24. Juni die bislang umfangreichste Ausstellung in Deutschland mit circa 300 Werken der bildenden Kunst des italienischen Futurismus von 1909 bis 1918 vornehmlich italienischer Sammlungen. „Bildnerische Grundlagen des Futurismus“, „Krieg, einzige Hygiene der Welt“, „Geschwindigkeit“, „Gleichzeitigkeit“ sowie „Dynamik“ bestimmen die Bildauswahl und deren Präsentation. Eine Dokumentation der futuristischen Manifeste, Publikationen und Briefe der Künstler sowie Fotos runden die Ausstellung ab. Darunter befinden sich auch ausgewählte Beispiele aus Architektur und Bühnenbild. Wenngleich diese Phase kurzzeitig war, so übte sie doch auf andere Vertreter der modernen Kunst nicht unerheblichen Einfluss aus. Die wohl bekanntesten Vertreter der Ausstellung (und Gründungsmitglieder des Futurismus) sind Balla, Boccioni, Carrà, Russolo und Severini mit einigen „Ikonen“ der Zeit, etwa „Profumo“, „Donna + bottiglia + casa“ und den Skulpturen „Entwicklung einer Flasche im Raum“ und „Urformen der Bewegung im Raum“. In einem ihrer Manifeste formulierten diese Künstler die futuristischen Inhalte einer Erneuerung der Malerei: „Der Schmerz eines Menschen ist ebenso interessant für uns wie der Schmerz einer elektrischen Lampe, die unter krampfhaftem Zucken leidet.“
Anfängliche Reaktionen des Publikums auf Werke des Futurismus waren Hohn und Spott. Die „Resonanz“ eines Artikels in „La Voce“ im Jahr 1911 führte von einer geplanten Diskussion Boccionis, Marinettis und anderer zu einer Schlägerei mit deren Widersachern und endete bei der Polizei – zu einer Zeit, in der Einsteins Relativitätstheorie und Plancks Quantenmechanik, Nietzsches und Bergsons Gedankengut gärten. Der Wunsch, eine führende ideologische Rolle in Italien und Europa zu spielen, die Technikbesessenheit bis zur Spätblüte der „Aeropittura“ rückte die Futuristen in die Nähe des sich zunächst progressiv gebenden Faschismus Mussolinis; ein Stigma, das ihnen noch lange anhaftete.
Der 464 Seiten umfassende Katalog empfiehlt sich zur Begleitung dieser sehenswerten Ausstellung und dürfte vorerst das deutschsprachige Nachschlagewerk für diese Epoche werden.
Dr. med. Stephanie Krannich

Die Ausstellung „Der Lärm der Straße – Italienischer Futurismus 1909 bis 1918“ ist dienstags von 10 bis 20 Uhr, mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Montags geschlossen. Informationen: Sprengel Museum Hanno-
ver, Kurt-Schwitters-Platz, 30169
Hannover, Telefon: 05 11/1 68-4 38 75, Fax: 1 68-4 50 93, Internet: www.sprengel-museum.de
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