ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Hoch begabte Kinder und Jugendliche - „Wir wollen nicht nur Talentschmiede sein“

VARIA: Bildung und Erziehung

Hoch begabte Kinder und Jugendliche - „Wir wollen nicht nur Talentschmiede sein“

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-1000 / B-850 / C-744

Bühring, Petra

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LNSLNS „Talenta“ und die CJD Jugenddorf Christophorusschule: Zwei private Gymnasien mit Internat fördern – mit unterschiedlichen Konzepten – Hochbegabte.

Mit 14 bestand er das Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,2 – Franz Kiraly aus Hayingen. „Der jüngste Abiturient Nachkriegsdeutschlands“ war dem Nachrichtenmagazin „Fo-
cus“ im vergangenen Jahr eine Geschichte wert. Mit einem Intelligenz-Quotienten (IQ) von 150 habe der Sohn eines Arztehepaars bereits im Alter von drei Jahren lesen und mit vier im Millionenbereich kopfrechnen können.
Das „Wunderkind“ gehört zu den rund 300 000 Kindern in Deutschland – nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für das hoch begabte Kind –, die einen IQ von mindestens 130 erreichen und damit so klug sind wie nur zwei Prozent ihrer Altersgruppe. Franz besuchte ein normales Gymnasium, übersprang in seiner Schulzeit aber fünf Klassen. Er ist somit repräsentativ für das Ergebnis der Langzeitstudie von Prof. Dr. Detlef H. Rost, Philipps-Universität Marburg. Die meisten Hochbegabten unterscheiden sich außer in ihrem Denkvermögen nicht von ihren Altergenossen, stellte der Psychologe und sein Team in dem vor 13 Jahren begonnenen und immer noch andauernden Marburger Hochbegabtenprojekt fest.* Von sozialer Isolation und schwieriger Persönlichkeit könne bei dem größten Teil der Hochleistenden nicht die Rede sein. Sie würden an normalen Gymnasien gut zurechtkommen. Das gelte jedoch nicht für die Gruppe der „Underachiever“ (Minderleister), das heißt im Unterricht unterforderter Kinder, die trotz hoher Intelligenz schlechte Noten nach Hause bringen. Auf 10 bis 15 Prozent schätzt Rost deren Anteil. Diese Kinder und Jugendlichen bedürften einer besonderen Förderung, oft auch einer Psychotherapie, wenn die Konflikte sich auf den familiären Bereich ausdehnten.
Das bundesweit erste Gymnasium ausschließlich für Hochbegabte öffnete im August 2000 im nordrheinwestfälischen Geseke – „Talenta“ heißt die Privatschule mit angeschlossenem Internat. 23 Kinder mit einem IQ von mindestens 130, die an einer Regelschule nicht zurechtkommen, betreut „Talenta“ zurzeit. Ein ärztliches oder schulpsychologisches Gutachten bescheinigt die Notwendigkeit der besonderen Betreuung für die „Minderleister“. „Wir sind für die Kinder da, die Hilfe brauchen“, sagt Schulleiterin Antje Schäfer. Deshalb übernimmt nach §§ 34 und 35 SGB VIII das Jugendamt ganz oder teilweise die Internatskosten von 4 000 DM im Monat. „Die Hochbegabten, die keine Probleme in der Regelschule haben, sollten dort bleiben.“
In den derzeit laufenden Jahrgangsstufen fünf und sechs hat jedes Kind einen individuellen Stundenplan, abgestimmt auf die psychologische, heilpädagogische und ergotherapeutische Betreuung. Kleine Klassen (acht bis 15 Schüler), zwei Fremdsprachen ab Klasse fünf und 34 Wochenstunden Unterricht sollen den Wissensdurst der Hochleistenden befriedigen. Kreativität und Sozialverhalten – an denen es den Kindern oft mangelt – werden durch häufige Gruppenarbeit, Sport, Malen und Töpfern trainiert. „Talenta“ ist noch jung; die Erfolge bleiben abzuwarten.
Integrativer Ansatz
Die längste Erfahrung in der Förderung Hochbegabter (seit 1981) hat das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands e.V. (CJD). Der Leitspruch des CJD lautet: „Keiner darf verloren gehen“. Das gilt auch für Hochbegabte, die oft zu Benachteiligten zu werden drohen. In fünf der 160 Einrichtungen des CJD werden vom Kindergarten bis zum Gymnasium hoch begabte Kinder gefördert: in Braunschweig, Hannover, Königswinter, Nürnberg und Rostock.
Keine der Privatschulen des CJD betreut ausschließlich Hochbegabte. Die rund 100 hoch begabten Schüler in Königswinter sollen „in einem Klima gegenseitiger Akzeptanz im Jugenddorf sowohl in der Breite ihrer Talente gefördert werden, als auch durch den Umgang mit normal Begabten lernen, Verantwortung für sich und die Gemeinschaft zu übernehmen“, erklärt Hans-Joachim Gardyan, Leiter der CJD Jugenddorf-Christophorusschule Königswinter, eines privaten Gymnasiums mit Realschulzweig. „Wir wollen nicht nur Talentschmiede sein.“ Seit August 2000 ist der Schule auch ein
Internat angeschlossen. Die Unterbringung dort kostet 2 400 DM im Monat; acht Stipendien, ausgewählt nach sozialen Kriterien, können vergeben werden, ebenso ist die Kostenübernahme durch das Jugendamt möglich.
In den Klassen fünf bis acht werden die Hochbegabten integrativ gefördert, das heißt gemeinsam mit leistungsstarken Gymnasiasten, ab Klasse elf in einem eigenen Hochbegabtenförderzweig. Integrativ fördern heißt gesonderter Unterricht im Fach Englisch in den Klassen fünf und sechs und in Mathematik ab Klasse sieben unterschiedliche Lerngruppen im Klassenverband, Projektunterricht und Freiarbeit. Ab der neunten Klasse können die Hochbegabten zusätzlich Japanisch, Informatik, Spanisch, Sozialwissenschaften und Technik wählen. Mehr als 100 Arbeitsgemeinschaften, beispielsweise Astronomie, Multimedia, Theater, ein Kammerorchester oder eine Übungsfirma, fördern spezielle Interessen.
Sieben Jugendliche mit musikalischer Spitzenbegabung leben zurzeit im Internat, zum Beispiel die 15-jährige Sophie Moser und ihre Geschwister. Schulleiter Gardyan, selbst Musiklehrer, betont, dass auf Konzertreisen oder Vorbereitung für Aufnahmeprüfungen an Musikhochschulen im Stundenplan Rücksicht genommen wird. Möglichkeiten zum Üben stehen ausreichend zur Verfügung. Petra Bühring
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