ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Berufliche Integration: In der Kommunikation liegt die Stärke

VARIA: Bildung und Erziehung

Berufliche Integration: In der Kommunikation liegt die Stärke

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-1003 / B-853 / C-705

Bühring, Petra

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LNSLNS In Frankfurt werden Blinde und Sehbehinderte zum PR-Berater ausgebildet. Das Projekt der Stiftung Blindenanstalt ist bundesweit einmalig.

Für die Sehenden Seite fünf, für die Blinden Seite acht, schlagt bitte auf.“ Konzeptionelle Aspekte der Public Relations (PR) ist das Thema, das Dozent Stefan Egggenberger heute behandelt. Andreja und Claudia gleiten mit den Fingern über die Punktschrift; Jan Eric und Jürgen, beide sehbehindert, halten sich das Blatt mit der extragroßen Schrift ganz nah vor die Augen; Stephanie und Henning, an multipler Sklerose erkrankt, bereitet die große Schrift Kopfschmerzen – Eggenberger verspricht Abhilfe. Der Umgangston zwischen den Teilnehmern der Aus- und Weiterbildung zum PR-Berater/Assistenten und ihrem Schweizer Dozenten, der in Zürich eine PR-Agentur leitet, ist locker; die Atmosphäre freundlich. So kann Merlin, der Blindenhund, entspannt neben Frauchen Andreja Tomic liegen. Die 26-jährige Frau aus Kroatien ist im Krieg erblindet.
Das Curriculum der zweijährigen beruflichen Rehabilitationsmaßnahme, die die Stiftung Blindenanstalt in Frankfurt am Main veranstaltet, ist anspruchsvoll. Schließlich sollen die sechs Teilnehmer die Abschussprüfung vor der Deutschen Akademie für Public Relations bestehen. An ihrem Wohnort lernen sie in Pressestellen von Organisationen und Unternehmen die Praxis der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit kennen. Die Theorie wird in 15 einwöchigen Blockseminaren in Frankfurt vermittelt. „Die dezentrale praktische Ausbildung lässt das Mobilitätsproblem entfallen, das Behinderte oft haben“, erklärt Projektleiterin Ursula Hollerbach. Während der Blockseminare sind die Teilnehmer gemeinsam in einem nahe gelegenen Hotel untergebracht.
Praktika bauen Berührungsängste ab
Das 1998 initierte Pilotprojekt ist erfolgreich verlaufen. Alle Teilnehmer konnten in den Arbeitsmarkt integriert werden. Finanziert wird die Ausbildung aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Den Lebensunterhalt der künftigen PR-Berater zahlt entweder das Arbeitsamt, der Landeswohlfahrtsverband oder die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte. Als Grund für die erfolgreiche Vermittlung sieht Ursula Hollerbach: „Die Idee greift, dass die Behinderten die Chance haben, Kompetenz und Persönlichkeit zu zeigen. Der Arbeitgeber ist nicht verpflichtet, denjenigen aus sozialen Gründen einzustellen.“ Berührungsängste und Unsicherheiten der Behinderung gegenüber werden abgebaut.
Was macht gerade das Berufsfeld PR für Blinde und Sehbehinderte interessant? „Man muss nicht sehen können, um gute Unternehmenskommunikation betreiben zu können“, erklärt Dozent Eggenberger. „Wichtig ist es, zuhören zu können.“ In der Beratung sieht er deshalb die Stärke eines blinden PR-Spezialisten. Grafische Aufgaben, wie im PR-Bereich das Erstellen von Präsentationsunterlagen, können ja auch von sehenden Kollegen übernommen werden. Der stark sehbehinderte Jürgen Friedrich macht sich beim Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin trotzdem an diese für ihn mühselige Arbeit: Mithilfe der Software Zoomtext holt er sich Ausschnitt für Ausschnitt auf den 21 Zoll großen Bildschirm.
Die Recherche von Fakten – für PR-Fachleute ebenso wichtig wie für Journalisten – ist hingegen für Blinde im Zeitalter der Informations-Technologie kein Problem mehr. Es gibt Software, die den Text auf dem Bildschirm in Sprache umwandelt.
Recherche mit der
Braille-Zeile
Die gewöhnungsbedürftige, weil modulationsarme elektronische Sprache ist die billige Variante – meist für den privaten Gebrauch. Die vor drei Jahren erblindete Claudia Bayer ist für Öffentlichkeitsarbeit in der Joseph-Stiftung, Bamberg, zuständig. Beim Lesen hilft ihr die Braille-Zeile, benannt nach dem Erfinder der Blindenschrift Louis Braille. Hier werden Zeichen und Buchstaben auf einer Zeile lesbar gemacht, die vor der Tastatur liegt und auf der winzige Stifte sich in verschiedenen Kombinationen durch kleine Löcher schieben. Die Blinde ertastet den Text mit den Fingern wie bei einem Buch in Braille-Schrift.
Mit Hilfe von Braille-Zeile, Scanner, Bildschirmlesegerät und entsprechender Software können Blinde sich heutzutage fast alle Texte
zugänglich machen. Die Stiftung Blindenanstalt bietet zudem die elektronische Aus-
gabe für Blinde einiger überregionalen Tageszeitungen sowie des Magazins „Der Spiegel“ an. Dieser Service machte das Scannen der gewünschten Information überflüssig. Die Kosten für die teuren Geräte müssen die Arbeitgeber nicht selber tragen – die Hauptfürsorgestellen zahlen dafür. „Eigentlich woll-
te ich Pilotin werden“, erklärt die kriegsblinde Andreja Dumic humorvoll, „doch PR-Berater ist auch ein interessanter Beruf.“ Petra Bühring

Der Einstieg in die Aus- und Weiterbildung zum PR-Berater ist flexibel. Die Stiftung Blindenanstalt bietet zudem eine Stellen- und Praktikumsbörse an sowie Bewerbungstraining für Blinde. Ein übersichtlicher „Leitfaden zur erfolgreichen Bewerbung“ ist zum Preis von 25 DM erhältlich.
Informationen: Stiftung Blindenanstalt, Adlerflychtstraße 8–14, 60318 Frankfurt am Main, Telefon: 0 69/95 51 24-0.
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