ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Zur Anwendung des Präparates „Galavit“ in der Krebstherapie

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Zur Anwendung des Präparates „Galavit“ in der Krebstherapie

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-1016 / B-864 / C-812

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Gemeinsame Stellungnahme der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft und der Deutschen Krebsgesellschaft e.V.
Über das Präparat „Galavit“ wird seit einiger Zeit intensiv in den Medien (TV, Zeitschriften, Internet) berichtet. Von den bisher bekannten Anbietern in Deutschland, Österreich und der Schweiz wird „Galavit“ als „Neue Hoffnung auch für Krebskranke“ dargestellt. Es sei in geheimen Forschungslabors bei Moskau entwickelt worden, um die russischen Kosmonauten wirksam gegen die Entstehung von Tumoren durch die hohe Strahlenbelastung im Weltraum zu schützen.
Wie auf der Internetpräsenz zu „Galavit“ zu lesen ist, soll „Galavit“ bei Krebserkrankungen mannigfache Wirkungen haben: Es stimuliere das körpereigene Abwehrsystem, es stoppe das Wachstum des Primärtumors, es verhindere die Neubildung von Metastasen, es aktiviere die Regenerationsfähigkeit des erkrankten Gewebes, es verlängere die (Über-)Lebenszeit und es verbessere deutlich die Lebensqualität der Betroffenen (1).
Nach Angaben des im Internet veröffentlichten, aus dem Russischen übersetzten Beipackzettels besteht für „Galavit“ als „immunmodulierendes und entzündungshemmendes Mittel“ eine Vielzahl von Indikationen. Diese sind sowohl die Behandlung akuter Infektionskrankheiten als auch die Therapie chronischer Entzündungen bis hin zur „Immunität-Korrektur bei onkologisch Kranken in der pre- und postoperativen Phase, die bestrahlt bzw. chemotherapeutisch behandelt werden, zwecks Vorbeugung postoperativer Komplikationen“ (2).
„Galavit“ enthält 2-Amino-1,2,3,4-Tetrahydrophthalazin-1-4-dion-Natriumsalz. Im Rahmen einer Krebstherapie soll Galavit intramuskulär verabreicht werden, wobei die Regeldosis bei 15–20 Injektionen liegt. Als Gegenanzeigen sind Schwangerschaft und Unverträglichkeitsreaktionen genannt. Angeblich zeige das Präparat keinerlei Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Substanzen (2).
Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft und die Deutsche Krebsgesellschaft e.V. nehmen wie folgt Stellung:
Nach intensiver Recherche liegen keine Beweise zur Wirksamkeit von „Galavit“ bei Krebserkrankungen vor, die den Kriterien von evidenz-basierter Medizin genügen. Es sind keine klinischen Studien zu „Galavit“ mit an Krebs erkrankten Patienten bekannt, die die oben beschriebenen positiven Wirkungen aussagefähig belegen. In den medizinisch-wissenschaftlichen Literaturdatenbanken wie zum Beispiel Medline findet sich keine Publikation zu „Galavit“ mit überzeugenden Ergebnissen von präklinischen und insbesondere klinischen Untersuchungen. Damit lassen sich die auf den Internet-Werbe-Seiten (1) aufgeführten Behauptungen des günstigen Einflusses von „Galavit“ bei Krebserkrankungen nicht bestätigen. Ebenso ist keine Aussage möglich zur Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit des Präparates.
„Galavit“ wurde in der Russischen Föderation im März 1997 vom Ministerium für Gesundheitswesen zugelassen. Dieses Zulassungsverfahren findet unseres Wissens ohne Prüfung der Daten statt. Es sind keine den internationalen Standards entsprechenden Belege oder klinischen Studien erforderlich. In Deutschland besteht für „Galavit“ keine Zulassung, die Kosten für eine Therapie mit „Galavit“ werden daher von den Krankenkassen nicht übernommen.
„Galavit“ kann in Russland als dort registriertes Medikament käuflich erworben werden. Der Preisunterschied zwischen dem Erwerb der Substanz in Russland und der Behandlung hierzulande ist groß. Während 20 Ampullen in Russland etwa 400 DM kosten (2, 3), muss ein Patient in Deutschland allein für die Medikamentenkosten einer „Galavit“-Therapie für die vergleichbare Zahl an Ampullen bis zu 16 800 DM oder mehr bezahlen (3). Dazu kommen dann noch die Kosten für den „empfohlenen“ Kranken­haus­auf­enthalt.
Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft und die Deutsche Krebsgesellschaft e.V. raten angesichts des Mangels an unbedingt erforderlichen Daten (Verträglichkeit, klinische Wirksamkeit, Langzeitdaten usw.) vom Einsatz dieses Präparates ab.
Zu Fragen der Rechtmäßigkeit hinsichtlich der Anwendung, der Werbung und des Vertriebes von Galavit verweist die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) auf die Mitteilung im Deutschen Ärzteblatt „Zur Anwendung des Präparates Ukrain in der Krebstherapie“ (4).

Literatur
1. http://www.galavit.de
2. http://www.galavitum.de
3. FOCUS 44 / 2000 vom 30. 10. 2000, S. 222.
4. Dt Ärztebl 2001; 98: A 420 [Heft 7].

Deutsche Krebsgesellschaft e.V., Hanauer Landstraße 194, 60314 Frankfurt/Main, Telefon: 0 69/63 00 96-0, Fax: 63 00 96-66, E-Mail: service@krebsgesell
schaft.de, Internet: www.krebsgesell
schaft.de

Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Aachener Straße 233–237, 50931 Köln, Telefon: 02 21/ 40 04-5 19, Fax: -5 39, E-Mail: akdae@t-online.de, Internet: www.akdae.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige