ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2001Otitis-media-Studie: Antibiotika versus „wait and see“

AKTUELL: Akut

Otitis-media-Studie: Antibiotika versus „wait and see“

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Bei einer Otitis media verschreiben viele Kinderärzte noch immer Antibiotika. Die meisten Kinder gesunden jedoch auch ohne Antibiotika; eine abwartende Haltung („wait and see“) wird als die vernünftigere Strategie angesehen. Die Gefahr von schwerwiegenden Komplikationen ohne Antibiotika ist gering. Sie muss gegen die häufigen Nebenwirkungen abgewogen werden, die der Antibiotikaeinsatz auslösen kann: wie die Diarrhö, an der jedes fünfte Kind erkrankt. Auch das Risiko von Resistenzen steigt bei zu großzügigem Einsatz von Antibiotika. Es gibt auch den Verdacht, dass ein allzu großzügiger Einsatz von Antibiotika bei Kleinkindern das Risiko von Allergien erhöht. Dies alles ist in der Regel bekannt. Doch an der Verschreibungspraxis hat sich wenig geändert. Als Grund für die Antibiotikagabe wird heute die Forderung der Eltern genannt, welche für ihr Kind die sicherste Behandlung wünschen und mit einem „wait and see“ nicht kooperieren würden.

Für den niedergelassenen Pädiater ist daher eine randomisierte Studie von Paul Little von der Universität Southampton (BMJ 2001; Band 322 No.
7282: 336–42) interessant. In der bisher größten Praxisstudie zur Frage der Antibiotikatherapie bei der Otitis media wurde die Hälfte der Eltern gebeten, das Rezept für die Antibiotika nicht sofort einzulösen, sondern es nach drei Tagen in der Praxis abzuholen, sofern Ohrenschmerz oder Fieber andauern. Sie durften aber früher kommen, wenn sie dies für notwendig erachteten. Eine zweite Untersuchung durch den Arzt wurde nicht zwingend vorgegeben;
den Eltern wurde damit ein Teil der Verantwortung übertragen. Als sie später befragt wurden, äußerten sich 77 Prozent der Eltern sehr zufrieden mit diesem Vorgehen. Nur 36 von 150 Eltern hatten die Antibiotikarezepte in der Praxis abgeholt. Der Antibiotikaverbrauch war um 76 Prozent gesunken.

Zufriedenheit und Zurückhaltung der Eltern sind bemerkenswert, da die Kinder ohne Antibiotika – wie erwartet – einen Tag länger krank waren und häufiger nachts nicht durchschliefen als in der Vergleichsgruppe, in der die Ärzte sofort Antibiotika verschrieben und deren Notwendigkeit auch betonten. Auch der Verbrauch an Paracetamol war in der „antibiotikafreien“ Gruppe geringfügig höher. Aufgrund der Untersuchungsergebnisse kommentieren die Autoren, dass die „wait and see“-Strategie zwar höhere zeitliche Anforderungen an den Pädiater stellt, dass den Eltern dieses Vorgehen jedoch vermittelt werden kann. Rüdiger Meyer
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