ArchivDeutsches Ärzteblatt37/1996Auszug aus Reinhart Lempp: „Die autistische Gesellschaft“ – Die Erziehung zum Erwachsenen

THEMEN DER ZEIT: Das besondere Buch

Auszug aus Reinhart Lempp: „Die autistische Gesellschaft“ – Die Erziehung zum Erwachsenen

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LNSLNSLNSLNS Weniger bewußte Rücksichtslosigkeit als vielmehr schlichte Gedankenlosigkeit im Alltag ist zunehmend Kennzeichen unserer Gesellschaft. Dazu kommen ein immer ausgeprägterer Individualismus und ein immer schwächer werdendes Einfühlungsvermögen in andere. Das ist die These, die Dr. Reinhart Lempp in seinem Buch "Die autistische Gesellschaft" vertritt. Der emeritierte Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie sieht die Ursachen dieser Entwicklung einerseits in der sich wandelnden Gesellschafts- und Familienstruktur, die solidarisches Denken und Handeln kaum mehr wertschätzt, und andererseits in der Leistungsgesellschaft selbst, die Egoismus und Durchsetzungsvermögen fordert und fördert. Im Kapitel "Die Erziehung zum Erwachsenen" zeigt Lempp Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche auf, die Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden zu überwin-den und frühzeitig selbstsicher und selbständig zu werden.


Gedanken zur Verbesserung der Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden zu überwinden und frühzeitig selbständig und selbstsicher zu werden, können hier nur in groben Zügen aufgezeigt und mögliche Ansätze dazu vorgeschlagen werden. Daher läßt es sich nicht vermeiden, daß manche Vorschläge und Forderungen etwas naiv und missionarisch klingen mögen.


Die gesellschaftlichen Aufgaben
Was man nicht gegen die Angst vor dem Erwachsenwerden tun kann, ist klar: Man kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen und frühere Zustände wiederherstellen. Und das ist gut so. Das hätte auch keinen Sinn, da die Bereitschaft zur Reife früher nicht stärker ausgeprägt war, eher im Gegenteil. Nur die gegenseitige Verpflichtung für den anderen, die Solidarität, war wohl in vergangenen Zeiten besser entwickelt, das heißt selbstverständlicher.
Die Menschen könnten sich aber auch nicht einig werden, wie weit und wohin das Rad zurückgedreht werden sollte. Wir werden also mit niedrigen Kinderzahlen weiterhin leben müssen. Daran wird auch die von der Politik immer wieder versprochene Verbesserung der ökonomischen Situation für Familien nichts ändern, kein Babygeld oder ähnliche Maßnahmen. Wir werden weiterhin mit den Bildmedien der sich weiterentwickelnden Telekommunikation leben und lernen müssen, damit umzugehen, und mit einer weiteren Vermischung verschiedener Kulturen und einer zunehmenden Fluktuation. Was sich ändern kann und muß, kann auf zwei Ebenen stattfinden: im gesellschaftlichen und familiären Bereich. Auf der gesellschaftlichen Ebene ist es Aufgabe der Politik, die Bedingungen, unter denen Kinder bei uns aufwachsen, so zu ändern, daß sie auch in Zukunft eine auf Solidarität und gegenseitige Verantwortung begründete psychosoziale Entwicklung erfahren können und die äußeren Bedingungen vorfinden, die ihnen zum nötigen Selbstbewußtsein und zur psychischen Unabhängigkeit verhelfen können.
Damit die Kinder, wenn sie zur Welt kommen, eine hinreichend stabile, aber auch intime und vor allem kontinuierliche Beziehung aufbauen können, müssen die wenigen Personen, die für die Kinder noch zur Verfügung stehen, genügend Zeit haben, mit dem Kind zusammenzuleben. Das heißt, daß beide Eltern, auch wenn sie beide berufstätig sind, noch genügend Zeit füreinander und für das Kind haben. Es ist notwendig, daß mehr Teilzeitarbeitsmöglichkeiten angeboten werden und daß Anreize geschaffen werden, diese Angebote auch wahrzunehmen.
Die Erziehungszeiten für die ersten Lebensjahre müssen gesichert sein, auch für die freiberufliche Tätigkeit, nicht nur für die Arbeiter, Angestellten und Beamten. Für letztere muß die Wiedereinstellung in einen vergleichbaren Arbeitsplatz garantiert sein.
Überall dort, wo ein Elternteil die Betreuung des einen oder auch mehrerer Kinder übernehmen will, muß diese Tätigkeit als eine rentenberechtigte Berufstätigkeit anerkannt sein.
Auch das System der Tagesmütter bedarf des weiteren Ausbaus, wobei vor allem darauf zu achten ist, daß für das einzelne Kind eine ausreichende Kontinuität in der Betreuung sichergestellt ist. Es ist keineswegs so, daß Kleinkinder nur von einer Pflegeperson betreut werden dürfen. Es können auch zwei oder drei verschiedene sein, und je größer die Kinder werden, desto eher können noch weitere Personen für ihre Pflege und Betreuung herangezogen werden, nur sollten es immer dieselben sein. Das Kind sollte nicht einem ständigen Wechsel ausgesetzt sein.
Während Kinderhorte eher als Notbehelf angesehen werden können, weil die individuelle Beziehung zwischen der Betreuungsperson und dem Kind in der Regel nicht so wie bei der Tagesmutter gewährleistet sein kann, steht dieses Problem mit Beginn des Kindergartenalters nicht mehr im Vordergrund. Der Vorteil des Kinderhorts gegenüber der Tagesmutter ist lediglich der, daß in jedem Fall eine Betreuung der Kinder garantiert ist, wogegen die Tagesmutter auch einmal krank werden kann und die Familien sich dann um einen Ersatz bemühen müssen. Nicht überall stehen dafür Großeltern zur Verfügung.
Die Kindergärten sind bei uns in Anlehnung an die Schulen in der Regel noch jahrgangsweise organisiert, so daß jedes Kind meist mit einer größeren Zahl fast gleichaltriger Kinder zusammen den Tag verbringt. Dies ist eine im Grunde unnatürliche Situation, gewissermaßen eine übersteigerte Zwillingssituation, die von vornherein das Prinzip der Rivalität in den Vordergrund rückt. Jedes Kind muß um den Platz an der Sonne kämpfen. Diejenigen, die sich durchsetzen, erfahren frühzeitige und für sie wichtige und prägende Erfolgserlebnisse. Aber das ist immer nur die eine Hälfte, die andere kann sich nicht durchsetzen und verliert zwangsläufig das Vertrauen zu sich selbst. Außerdem werden sie frühzeitig lernen, daß die Mitmenschen nicht hilfsbereit, sondern rücksichtslos sind und daß sie in der Regel zu denjenigen gehören, die den kürzeren ziehen.
Kindergärten mit altersgemischten Gruppen gibt es zwar schon, sie sind aber noch die Ausnahme. Es wäre daher notwendig, grundsätzlich im Kindergarten solche altersgemischte, kleine Gruppen einzurichten, wo die Älteren die Verantwortung für die Jüngeren übernehmen und die Jüngeren dort zunächst Sicherheit und Betreuung finden, bis sie auch in die Position der Älteren aufrücken können.
Solche Ansätze gibt es hier und da bereits, sie haben sich aber noch längst nicht durchgesetzt. [. . .]


Die Aufgaben einer Medienpolitik
Auch die Medienpolitik bedarf einer völligen Neuorientierung. Es war im hohen Grade gefährlich, die Bildmedien einfach der freien Marktwirtschaft zu überlassen. Dies wäre selbst dann unsinnig, wenn tatsächlich, wie beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen, der Konsument für das, was ihm im Fernsehen geboten wird, bezahlt und er durch das Bezahlen eine gewisse Auswahl bei der Art der Sendungen selber treffen könnte. Dies würde dazu führen, daß es billige und teure Sendungen gibt, und wir wären wieder dort, wo es Schulen für die Armen und für die Reichen gab.
Völlig verhängnisvoll war es jedoch, die Kosten für das Fernsehen über die Werbung zu gewinnen, denn diese kann sich nur nach den Einschaltquoten richten, und diese wiederum richten sich nach der Bequemlichkeit, dem Reiz des Angebotenen und der Befriedigung einfachster menschlicher Regungen. Darüber hinaus gewinnt die freie Wirtschaft mit dem Ziel der Umsatzsteigerung eine Informationsmacht und damit auch eine Macht der Erziehung im weitesten Sinne, der sie ethisch kaum gerecht werden kann.
Es kommt ja auch niemand auf den Gedanken, unser Bildungssystem, vom Kindergarten bis zur Universität, dem freien Markt der Wirtschaft zu überlassen. Dort vielmehr denken sich Kultusministerkonferenzen mühsam gemeinsame, möglichst sinnvolle Lehrpläne aus, die dann für alle mehr oder weniger verbindlich werden.
Es müßte hier ein Weg zwischen verantwortlicher Selbstzensur und staatlicher Überwachung auf der einen Seite und umsatzbestimmter Programmregie auf der anderen gefunden werden. Beide Extreme sind gleichermaßen unerträglich und darüber hinaus für die psychosoziale Struktur der Gesellschaft problematisch.


Die Aufgaben der Familien
Im kleinen Rahmen, unterhalb der Ebene der Gesellschaft, das heißt in der einzelnen Familie und in der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern, die zunächst für die Erfahrungen des Kindes verantwortlich sind, wenn es in diese Welt eintritt, kann für die Überwindung der gezeigten Fehlentwicklung manches getan werden. Es geht darum, den Kindern zum einen die Fähigkeit zur Empathie, zur Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, zum anderen ein stabiles Selbstbewußtsein und eine eigenständige Denkfähigkeit zu vermitteln.
Ersteres ist nur in einer für das kleine und größere Kind stabilen und kontinuierlichen emotionalen Beziehung möglich, in welcher die Eltern noch die Zeit und vor allem die Möglichkeit finden, ihre Kinder ihren eigenen, natürlich möglichst verantwortungsvollen und sozialen Lebensstil miterleben zu lassen.
Ebenso wichtig ist aber die Erziehung zur Selbständigkeit. Dies setzt voraus, daß die Kinder schon vom ersten Lebenstag an eine eigene, nur sich selbst gehörende Persönlichkeit sind, die für die Eltern von Anfang an ein Partner sein können. Kinder sind den Eltern, den Älteren überhaupt, nicht untertan, sondern ein eigenes Glied der Familie, ohne das die Familie keine Familie wäre. !
Es gibt eine Regel, die ich früher – leider – auch manchmal zitiert habe: Behandle dein Kind in den ersten sieben Jahren wie ein Kind, in den zweiten sieben Jahren wie einen Knecht und in den dritten sieben Jahren wie einen Freund.
Ich denke, nur letzteres ist im Grunde akzeptabel. Die ersten sieben Jahre ist das Kind zwar jemand, der Schutz und Hilfe benötigt, aber nichtsdestoweniger eine eigene Persönlichkeit. Wenn wir es aber in den zweiten sieben Jahren wie einen Knecht behandeln, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn es auf immer ein Knecht bleibt, das heißt kein Selbstvertrauen erwirbt und immer auf den Befehl des Vorgesetzten wartet. Ist ein solcher nicht da, wird es sich stets einen suchen. Es steht aber nichts dagegen, das Kind immer wie einen Freund zu behandeln, einen Freund, der zunächst Sicherheit und Geborgenheit erwartet, der es aber auch bleibt, wenn er diese immer weniger benötigt.
Sein Kind als Knecht zu behandeln heißt immer auch, daß ich mich zum Herren mache und Macht ausübe. Es besteht aber die fast unabwendbare Gefahr, daß ich diese Macht mißbrauche und vor allem, daß ich sie nicht mehr hergeben möchte.
Der Wille des Kindes ist von vornherein beachtlich und verdient Beachtung, auch wenn er nicht immer Berücksichtigung finden kann. Die Meinung ist noch weit verbreitet, daß Kinder keinen eigenen Willen hätten, und wenn sie ihn haben, er notwendigerweise unvernünftig und unbeachtlich sei. Mancherorts ist sogar noch die Meinung vorherrschend, dem Kind müsse zunächst einmal "der Wille gebrochen" werden, damit es sich einfügen könne und lerne, nach wem es sich zu richten habe. In Wirklichkeit geht es den Eltern und Erziehern dabei eigentlich nur um die Erhaltung ihrer Macht und nicht um die spätere psychosoziale Entwicklung der Kinder.
Natürlich versuchen kleinere und manchmal auch größere Kinder, die Grenzen ihrer Möglichkeit auszukundschaften, und es ist keineswegs erforderlich, daß die Erwachsenen ihre eigenen Bedürfnisse und ihren eigenen Willen immer hinter den ihrer Kinder zurückstellen, sich ausnutzen lassen und den Kindern stets zu Willen sind. Es geht vielmehr darum, sich gegenseitig die unterschiedlichen Bedürfnisse zu vermitteln und die jeweiligen Bedürfnisse auch beim anderen wahrzunehmen. Wenn die Eltern aber die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Kinder nicht zur Kenntnis nehmen, dann werden auch die Kinder nicht dazu erzogen, die Wünsche ihrer Eltern als etwas zu erleben, was eine eigene Berechtigung hat und nicht nur zur Schikane und Unterdrückung der Kinder dient.
Die Erziehung zur Selbständigkeit, Selbstsicherheit und Selbstverantwortlichkeit allein ist in der Lage, viele Kinder vor Unterdrückung durch andere, bis hin zum Mißbrauch und zur Gewalttat zu schützen. Manches Kind ist einem sexuellen Mißbrauch oder gar einem Sexualmord deswegen zum Opfer gefallen, weil es nicht den Mut gehabt hatte, einem Erwachsenen, auch den eigenen Eltern, zu widersprechen oder sich Befehlen zu widersetzen.
Wenn Jugendliche nicht imstande sind, sich gegen die Freunde ihrer Altersgruppe durchzusetzen, die schlechten Einfluß auf sie auslösen, oder zumindest sich von ihnen zu lösen und dem Gruppendruck standzuhalten oder gar sich dagegenzustellen, werden Dissozialität und Kriminalität gerade der Jugendlichen eher zunehmen, jedenfalls nicht abnehmen.
Es wurde in letzter Zeit angesichts der Ausschreitungen jugendlicher Gruppen, insbesondere nach Brandlegungen in Asylantenheimen und Angriffen auf Ausländer, immer wieder der Ruf nach einer Rückkehr zu einer strengeren, repressiven Erziehung laut. Es wurde behauptet, die antiautoritäre Erziehungshaltung der 68er Generation und in der Zeit danach wäre dafür verantwortlich. Das Gegenteil ist richtig. Untersuchungen haben gezeigt, daß die Jugendlichen, die solche Taten verübten, ganz überwiegend aus einem Elternhaus kamen, in dem sie einer strengen und unterdrückenden Erziehung ausgesetzt waren.
Kinder werden meist zur Unselbständigkeit erzogen. Erst wenn sie etwas falsch machen, "dumme Sachen" anstellen, dann machen wir sie ohne Bedenken dafür verantwortlich und nehmen das Verhalten der Kinder und Jugendlichen als Beweis dafür, daß sie eben doch der strengen Bevormundung bedürfen. [. . .]
Kinder und Jugendliche, denen unter der strengen Hand ihrer Eltern, meist ihres Vaters, keine Möglichkeit geboten war, eigene Werthaltungen zu finden und freiwillig, den Eltern zuliebe, deren soziale Haltung und Einstellung zu ihren Mitmenschen zu übernehmen, sondern dies gezwungenermaßen, aus Furcht vor Strafe, taten, diese Jugendlichen suchen in der Reifeentwicklung nach eigenen Wertmaßstäben. Oder aber, weil sie sich vor der elterlichen Gewalt nicht mehr fürchten oder weil die Eltern nicht mehr gegenwärtig sind, lassen sie nun einmal andere Werte gelten, die sie von ihren Freunden und Altersgenossen übernehmen konnten, die ihrerseits auch negative Erfahrungen zu Hause gemacht haben.
Wir brauchen uns auch nicht zu wundern, wenn Jugendliche zu Gewalttaten schreiten, wenn sie schon in ihrer Kindheit erlebt haben, daß die Eltern Abend für Abend mit Genuß vor dem Fernsehgerät saßen, um sich Filme voll von Gewaltszenen anzusehen.
Wir können diese Kinder und Jugendlichen nicht allein für ihr Verhalten verantwortlich machen, wenn sie diese Suche zu spät und ihrem Alter entsprechend mit zunehmend negativen Wirkungen unternehmen. Jedenfalls kann sich die ältere Generation nicht einfach aus der Verantwortung stehlen. [. . .]

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