ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2001Francis-Bacon-Ausstellung: Zum Körper verdammt

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Francis-Bacon-Ausstellung: Zum Körper verdammt

Lange, Joachim

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LNSLNS Bacons Bilder sind ein Versuch, mit Kunst das Leben zu bewältigen.

Den krassen, unmittelbaren Schock, von dem Francis Bacon (1909 bis 1992) selbst in einem auf Video gebannten Interview in seinem faszinierend chaotischen Atelier spricht, vermögen seine Bilder wohl nicht mehr auszulösen. Zu durchvisualisiert ist die Internet- und Mediengesellschaft dafür zum Jahrtausendbeginn. Aber sie bleiben gleichwohl ein überwältigendes Zeugnis seiner unbändigen, malerischen Ausdruckskraft. Und sie sind ein Versuch, mit Kunst sein Leben zu bewältigen.
Die eigenen Lebensängste, aber auch die Schrecken des Krieges spiegeln sich vor allem in den Kreuzigungsstudien wider, die selbst in ihrer fragmentarisch gebliebenen Gestalt beeindrucken („Frag-
ment einer Kreuzigung“, 1950). Überhaupt ist das ein Thema, das ihn bekannt machte und immer begleitete. Seine „Drei Studien für Figuren am Fuße des Kreuzes“ (1944) fliehen in ihrer fast schon verlorenen Gestalt aus der konkret körperlichen Welt. Lange Hälse ragen aus einer grau klumpigen Masse, und nur ein schreiender Mund revoltiert gegen Grauen und Angst. Der Besucher wird mit der später geschaffenen zweiten Version konfrontiert. Nun sind die Figuren kleiner, beherrschter, gezügelter. Es ist aber nicht nur ein virtuoses Spiel mit den eigenen Mitteln; dieser Vergleich zeigt auch, wie Erfolg seine Spuren in den Bildern hinterlässt.
Beeindruckend wird auch Bacons Auseinandersetzung mit großen Vorgängern do-kumentiert: Noch in seiner ganzen Unmittelbarkeit beeindruckt die Studie nach Vela´zques (1950). Mit dem schreienden Gesicht des Papstes Innozenz X. Ein Gefangener der Macht verkrampft in einem lautlosen Aufschrei. Die vier ausgestellten Hommagen an Vincent van Gogh von 1957 wirken da in ihrer ruhig atmosphärischen Farbempfindsamkeit wie Atempausen in der lebenslangen Schussfahrt durch die Abgründe der Malerseele.
Der stets exzessiv lebende, in Dublin geborene, erst mit den Jahren anerkannte und erfolgreiche Maler bleibt mit seinen großen dreigeteilten Bildern in der Figürlichkeit der Darstellung verwurzelt. Unter den 13 gezeigten Dreiteilern gehen allein vier von seinem Liebhaber George Dyer aus. Von den ausnahmsweise kleinen „Drei Studien von Georges Dyer“ (1969) bis zu dem zwei Jahre nach dessen Tod (1971 an einer Überdosis Alkohol) entstandenen „Posthumen Porträt von George Dyer“. Hier reflektiert sich das bizarre Leben des Malers fast unmittelbar in seinem Werk. Identifizierbar wird da vor allem seine Obsession, die Körperlichkeit als Grenzerfahrung zu fassen. Augenfällig wird das im Triptychon „Drei Studien von Figuren auf Betten“, das er 1972 nach Ringer-Fotos von Eadward Muybridges schuf – im Übrigen eine häufig angewandte Methode. Hier förderte die Aufbereitung seiner überquellenden Atelierschubfächer eine enge Beziehung zutage, von der die Ausstellung in ergänzenden Vitrinen zumindest einen Eindruck vermittelt.
Das wertet die mehr thematisch als chronologisch gehängte Präsentation der 46 Werke in dem erst kürzlich sensibel renovierten 30er-Jahre-Bau des Stadtmuseums von Den Haag deutlich auf.
Dr. Joachim Lange
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