ArchivDeutsches Ärzteblatt37/1996Unklare Konzentrationsangaben der Hersteller: Potentiell toxische Schwermetalle als Therapeutikum in der Homöopathie

MEDIZIN: Kommentare

Unklare Konzentrationsangaben der Hersteller: Potentiell toxische Schwermetalle als Therapeutikum in der Homöopathie

Dtsch Arztebl 1996; 93(37): A-2318 / B-2008 / C-1865

Forth, Wolfgang

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LNSLNS Die Homöopathie sollte sich dazu entschließen, die Inhaltsangabe der therapeutisch genutzten Prinzipien auf den Präparaten zu deklarieren. Dann würde sich die Diskussion darüber, ob manche Präparate gesundheitliche Schäden mit sich bringen können, schnell erledigen. Die in der Homöopathie beispielsweise angewendeten Schwermetalle wie Blei, Quecksilber oder auch das Metalloid Arsen klingen zwar gefährlich, sind aber in der Regel, hält man sich an die empfohlene Dosierung, mit keiner größeren Belastung verbunden als derjenigen, die man mit dem Gebrauch von Trinkwasser auf sich nehmen muß.


Die Anwendung von potentiell giftigen Schwermetallen zu therapeutischen Zwecken hat in der Homöopathie eine alte Tradition. Vorhaltungen der Toxikologie wurden dabei immer mit dem Hinweis auf die "Verdünnungen" abgetan, in denen diese Metalle zur Anwendung kommen. Zugegebenermaßen ist das auch richtig; selten wird ein Metall zum Beispiel parenteral zu Injektionen empfohlen, das stärker als D6 bis D8 konzentriert ist. Zumeist handelt es sich um Verdünnungen von D10 bis D20. Man darf sich fragen, woher dann die Aufregung bei den "Allopathen" kommt, die sich mit der speziellen Therapierichtung der Homöopathie von Zeit zu Zeit befassen?


Aktuelle Angaben nicht korrekt
Ich fürchte, daß hier schlicht die Unkenntnis der Sachverhalte maßgeblich ist. Dafür haben aber die homöopathischen Ärzte selbst ein gerütteltes Maß an Verantwortung. Selbst ein soweit informierter Arzt, der weiß, daß das "D" für die Dezimalverdünnung steht, das heißt Verdünnung in Zehnerschritten, kommt über die Feststellung nicht hinaus, daß D6 eben eine Konzentration von eins zu einer Million und dementsprechend 1 zu 100 Millionen (D8) bedeutet, also extrem verdünnt ist.
Nur, wer kennt eigentlich die Konzentration der legendären Urtinktur, aus der dann die Verdünnung hergestellt wurde?
Dementsprechend ist man auch soweit nicht in der Lage auszurechnen, wieviel eines potentiell giftigen Schwermetalls in einer Injektionslösung oder auch in einer Tablette vorhanden ist.
Zumeist wird die Verdünnung, besser gesagt die Verschüttelung,
nach Maßgabe der homöopathischen Arzneibücher hergestellt und gleich zu Beginn zumeist mit Ethanol (etwa 40 Prozent) auf D2, das heißt 100fach verdünnt. Mit dieser Urtinktur wird dann die weitere Verdünnung, besser eben Verschüttelung, vorgenommen. Unsere jahrelangen Bemühungen, die Homöopathen oder die Hersteller ihrer Arzneimittel zu dem Zugeständnis zu bewegen, eine metrische Inhaltsangabe in Gramm pro Volumen in den Beipackzetteln oder als Aufdruck auf den einzelnen Arzneimittelpackungen anzubringen, waren bislang vergeblich. Die Leser dieser Zeilen sollen sich doch bitte einmal der Mühe unterziehen, beispielsweise den Inhalt von Arsen, Blei oder Quecksilber in den entsprechenden homöopathischen Arzneimitteln aufgrund der Angaben der homöopathischen Arzneibücher wenigstens überschlagsweise zu berechnen. Sie werden schnell die Finger davon lassen, weil einem nicht nur das homöopathische Arzneibuch zur Verfügung stehen muß, sondern die mittlerweile nach meiner Rechnung immerhin vier Ergänzungsbände. Selbst dann wird sich ein erfahrener Arzt schwertun, beispielsweise die Endkonzentration im Arzneistoff von Mercurius cyantus nachzuvollziehen. Das ist deshalb nicht leicht, weil die Urtinktur gar nicht im homöopathischen Arzneibuch aufgeführt ist und auch in den mir vorliegenden Ergänzungsbänden nicht gefunden werden kann. Ich wurde erst fündig in einem homöopathischen Repetitorium (Anonymus, 1977), bin aber selbst mit diesen Angaben nicht zu Rande gekommen, die Endkonzentration im Arzneistoff wenigstens überschlagsweise zu berechnen.
Wir sollten hier allerdings festhalten, daß einige Hersteller homöopathischer Arzneistoffe die Injektionslösungen nur in Konzentrationen abgeben, die nach menschlichem Ermessen weit unterhalb einer gefährlichen Konzentration sind. Diese sind nämlich nach den Arzneimittelherstellungsverfahren der Homöopathen erstellt und enthalten Konzentrationen von D6 bis D8 der Urtinktur.


Mögliche Orientierung
Woran soll nun aber die Gefährlichkeit einer Metallkonzentration abgeschätzt werden? Dort schlage ich die Orientierung an der Trinkwassergesetzgebung vor.
Der tägliche Wasserverbrauch eines Erwachsenen wird auf etwa zwei Liter geschätzt. Die in der Trinkwasserverordnung festgeschriebenen Grenzkonzentrationen für gefährliche Metalle (Textkasten) sind an diesem Wasserverbrauch orientiert. So lassen sich die ungefährlichen Tagesdosen überschlagen. An diesen Angaben muß sich dann die Tagesdosis eines Metalls, das im Bereich der Homöopathie therapeutisch verwendet wird, messen lassen. Oder soll sich der Verfasser so verschätzt haben, daß unsere homöopathischen Kollegen auch mit "toxischen" Dosen operieren? Für diesen Fall muß sich die Homöopathie dann der Toxokologie unterwerfen, die mit guten Gründen eine Reihe von metallhaltigen Pharmaka schon vor Jahrzehnten aus dem Arzneischatz der Allopathen entfernt hat. Ganz zum Schluß soll noch der Hinweis auf MeditonsinR H erfolgen, das Mercurius cyanatus D8 enthält. Dabei muß man wissen, daß in dieser Verdünnung von 1 : 100 Millionen 40 g in 100 g Fertigarznei MeditonsinRH enthalten ist: wahrhaftig selbst bei Unkenntnis der Konzentration der Urtinktur kein Anlaß zur Aufregung. Ich würde dieses Arzneimittel aber auch nicht täglich jahraus, jahrein einnehmen wollen.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-2318–2319
[Heft 37]


Literatur
1.Anonymus: Homöopathisches Repetitorium Deutsche Homöopathie-Union; Dortmund. 1977
2. Anonymus: Homöopathisches Arzneibuch, 1. Ausgabe mit den Nachträgen 1-4. Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart und Govi, Frankfurt/Main, 1978
3.Anonymus: Trinkwasserverordnung der FRG (1986). Grenzwerte aus: Grenzwerte und Richtwerte für die Umweltmedien Luft, Wasser und Boden. Landesanstalt für Umweltschutz; Karlsruhe, 1989
4. Anonymus: Proposal for a council directive concerning the quality of water intended for human consumption (Com 94, 612 final - 95/0010, SYN) En, 30.05.1959 NO C 131/5


Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Wolfgang Forth
Vorstand des Walther-Straub-Instituts für Pharmakologie und Toxikologie
Ludwig-Maximilians-Universität Nußbaumstraße 26
80336 München

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