ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2001Fondsmanager: Fall einer Ikone

VARIA: Schlusspunkt

Fondsmanager: Fall einer Ikone

Dtsch Arztebl 2001; 98(16): [64]

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LNSLNS Der Neue Markt kann für sich in Anspruch nehmen, einer der größten Kapitalvernichter in der deutschen Wirtschaftsgeschichte zu sein. Nun stellt sich aber auch noch heraus, dass er ehemalige Gurus und umjubelte Börsengottheiten in Windeseile auf Normalmaß degradieren kann.
Mitten im Sommer 1999. Ein Tag von vielen am Neuen Markt mit wieder einmal exorbitanten Gewinnen. So begannen noch vor knapp zwei Jahren viele Erfolgsstorys; exorbitante Gewinne hielten die Börsianer in Atem. Beispielsweise MWG Biotech. Die Aktie schießt binnen weniger Stunden 60 Prozent in die Höhe. Die Szene raunt und staunt.
Der „Ochner“ ist Kurt Ochner, Fondsmanager und Vorstand der Kapitalanlagegesellschaft Julius Bär. Der Kurt hat wieder einmal zugeschlagen. Für seinen Fonds stockte er den Anteil an dem Biotechwert von 0,2 auf ein Prozent hoch. Was sich hier so bescheiden liest, sind in harten Mark gerechnet zig Millionenbeträge. Ochner damals locker: „Das war halt ein kleines Spiel. Andere Anleger haben auf fallende Kurse gesetzt. Die Frage war, ob wir mehr Geld haben oder die anderen mehr Aktien. Wir haben am Ende gewonnen.“
Damals, vor einem Jahr und weidlich davor, waren halt noch güldene Zeiten. Da gewann Ochners Kurt eigentlich immer. Die Geldvermehrungsmaschine Neuer Markt bescherte „seinem“ Fonds Julius Bär Special German zwischen 1997 und März 2000 mehr als 500 Prozent Gewinn. Händler, Anleger und Medien verehrten Kurt Ochner als „König der Nebenwerte“.
Ein Jahr später schockt eine knappe Pressemeldung die Börsianer auf: Die Julius Bär Kapitalanlagegesellschaft wird sich von Kurt Ochner trennen und habe ihn mit sofortiger Wirkung von allen Aufgaben entbunden. Der Niedergang des Neuen Marktes hat per saldo auch Kurt Ochner zur Strecke gebracht. Seinen Nimbus verlor er allerdings schon vorher, denn sein ehemals gerühmter Fonds machte von Anfang an die Abwärtsbewegung am Neuen Markt mit, und zwar im Verhältnis eins zu eins.
Durch das Debakel gerieten überdies auch Ochners unkonventionelle Anlagemethoden immer mehr ins Gerede. Der Spiegel hatte Ochner vorgeworfen, er nutze seine Marktdominanz aus, um seine Favoriten oder genauer deren Kurse künstlich in die Höhe zu treiben. Ochner habe bewusst große Gelder in kleine Werte getrieben und so die Kurse nach oben manipuliert. Da kann schon etwas dran sein, zumal der Fondsmanager auch die nötige Nähe zu den Unternehmensvorständen vermissen ließ.
Der Neue Markt war offensichtlich von einer Handvoll Fondsmanager manipulierbar. Und das unter den Augen einer deutschen Börsenaufsichtsbehörde. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass von dieser Seite jemals warnend eingegriffen worden wäre. Das aber ist der eigentliche Skandal.
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