ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2001Behandlungsqualität: Irren ist menschlich – und ärztlich

AKTUELL: Akut

Behandlungsqualität: Irren ist menschlich – und ärztlich

Dtsch Arztebl 2001; 98(17): A-1089 / B-925 / C-869

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Es irrt der Arzt, solang er praktiziert? Diesen Schluss in Anspielung auf ein Goethe-Zitat legt eine kürzlich im British Medical Journal (BMJ 2001; 322: 517–519) publizierte Studie nahe. Danach sind medizinische Behandlungsfehler keine Seltenheit. Etwa jeder zehnte Patient erlitt während der Behandlung in zwei Londoner Akutkrankenhäusern Komplikationen oder Nebenwirkungen, die auf die Behandlungsfehler der Ärzte zurückzuführen waren. Die Hälfte wäre vermeidbar gewesen, und ein Drittel davon führte zu Behinderungen oder sogar zum Tod des Patienten. Bei etwa 1 000 Patienten führten die Behandlungsfehler zu etwa 1 000 zusätzlichen Krankenhausliegetagen; hochgerechnet auf alle britischen Kliniken, würden die Kosten für das staatliche britische Gesundheitswesen etwa eine Milliarde Pfund Sterling jährlich betragen.

Die Studie ist keineswegs als erneuter Hinweis auf ein marodes britisches Gesundheitswesen zu deuten, es sei denn, man wollte dem australischen und dem US-amerikanischen Gesundheitswesen Ähnliches nachsagen. Dort sind medizinische Behandlungsfehler ebenfalls relativ häufig (die Prävalenz betrug 3,6 Prozent in einer US-Studie und 16,6 Prozent in einer australischen Studie). Da medizinische Irrtümer in der Öffentlichkeit mit „Kunstfehlern“ gleichgesetzt werden, bestand in angelsächsischen Ländern lange Zeit die Tendenz, das Thema zu tabuisieren. Als das British Medical Journal vor zehn Jahren über die US-Studie berichtete, führte dies nicht nur zu einem Artikel in der „Times“, sondern auch zu einem heftigen Protest des Royal College of Physicians. Inzwischen räumt die Ärzteorganisation ein, dass es ein Problem gibt. Ihr Präsident, George Alberti, sprach jetzt in einem Kommentar (Seite 501–502) sogar von einem häufigen Problem, das gelöst werden müsse.

Anregungen gab in derselben Ausgabe des Journals ein Pilot der British Airways (Seite 563). Auch in der Luftfahrt kann jeder Fehler tödlich enden. Es habe bei British Airways lange Zeit ein Autoritätsproblem gegeben. Das Wort des Kapitäns war im Cockpit Gesetz, auch wenn dies bedeutete, dass das Flugzeug im nächsten Moment an einem Berg zerschellte (wie die Auswertung des Voicerecorders in einem Fall belegte). Inzwischen gibt es in der Luftfahrt ein freiwilliges Meldesystem, regelmäßige Überprüfungen bei Unglücken durch eine unabhängige Behörde sowie ein Fortbildungssystem, das die Teamarbeit fördert. Der Erfolg ist eine sinkende Prävalenz von Flugzeugabstürzen. Rüdiger Meyer
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