ArchivDeutsches Ärzteblatt37/1996Sinnvolle Diagnostik und Therapie des Symptoms Schwindel

MEDIZIN: Diskussion

Sinnvolle Diagnostik und Therapie des Symptoms Schwindel

Eckhardt, Annegret; Häfner, Steffen; Mäder-Kruse, Isolde; Ferbert, A.; Schaaf, Helmut; Färber, Armin; Stockmann, Ulf; Dunkel, R. Mathias

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Wolfgang Stoll in Heft 8/1996
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LNSLNS Tiefenpsychologische Behandlung hilfreich
Man sollte nicht glauben, daß über 100 Jahre nach der exzellenten Beschreibung des Schwindels als somatischem Äquivalent der Angst in einer Anleitung zur differentialdiagnostischen Abklärung des Symptoms Schwindel dieser Aspekt völlig übergangen wird. Sigmund Freud beschrieb bereits 1895 in "Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomkomplex als ,Angstneurose' abzutrennen" den lokomotorischen Schwindel als Form des Angstanfalls: "(. . .) er besteht in einem spezifischen Mißbehagen, begleitet von den Empfindungen, daß der Boden wogt, die Beine versinken, daß es unmöglich ist, sich weiter aufrecht zu halten (. . .). Zum Hinstürzen führt dieser Schwindel nie." Durch eine frühzeitige tiefenpsychologische Diagnostik könnte somit rasch die Indikation zu einer Psychotherapie gestellt und einer Chronifizierung vorgebeugt werden, von den eingesparten Kosten ganz zu schweigen.


Dr. med. Steffen Häfner
Arzt – Psychotherapie –
Collinistraße 5
Wohnungsnummer 05.09
68161 Mannheim


Beitrag macht betroffen
Auf dem Hintergrund der Tatsache, daß mittlerweile vor über 20 Jahren die Fächer Medizinische Psychologie und Psychosomatische Medizin Bestandteil der Ausbildung eines jeden Mediziners geworden sind, macht der Artikel des Kollegen mich betroffen. Da versuchen wir, unseren Studenten beizubringen, daß der Patient ganzheitlich zu sehen ist, möglicherweise als ein Leidender in einer konflikthaften Situation, daß seine Symptomatik immer auch auf dem Hintergrund seines Lebens zu erfassen ist, und nun fällt Herr Kollege Stoll mit seinem Artikel wieder in die graue Vorzeit zurück, wo erst nach maximalem erfolglosem diagnostischem Aufwand in der Apparatemedizin eine seelische Bedingtheit in Erwägung gezogen wird!
Ist ihm denn nicht bekannt, daß Schwindel ein körperliches Korrelat der Angst und ein häufiges Konversionssymptom ist? Im Medizinischen Staatsexamen Teil II würde die von ihm favorisierte Vorgehensweise als iatrogene Fixierung bezeichnet werden. Sie würde dem Patienten im Fall einer psychogenen Komponente die Möglichkeit eines psychodynamischen Zugangs sehr erschweren mit dem Effekt, daß die Prognose zweifelhaft würde.
Nicht nur für Studenten, sondern auch für erfahrene Kollegen sollte im Jahre 1996 klar sein, daß psychosomatische Diagnostik grundsätzlich neben der neurologischen, internistischen und otologischen ablaufen muß, um chronische Leidenswege zu verhindern.


Dr. med. Isolde Mäder-Kruse
Am Guggenloch 13
97222 Maidbronn


Häufiges und Seltenes ungewichtet nebeneinander
Es ist erfreulich, daß sich das Deutsche Ärzteblatt eines so wichtigen und alltäglichen Symptoms wie des Schwindels angenommen hat. Leider wird in dem Artikel von W. Stoll Häufiges und Seltenes ungewichtet nebeneinander genannt. Dabei kommt der benigne paroxysmale Lagerungsnystagmus als häufigste Ursache von Attackenschwindel (1) im höheren Lebensalter zu kurz. Die Lagerungsprobe gibt bei dieser Erkrankung pathognomonisch Aufschluß. Dabei ist es nicht etwa so, daß die Änderung des Liquordruckes eine Rolle spielt (wir müßten ja sonst bei einer Liquorpunktion vestibulären Nystagmus beobachten, was nicht der Fall ist). Auch Änderungen des Blutdruckes bei der Lagerungsprobe führen nicht zu vestibulärem Schwindel und Nystagmus. Leider fehlt in dem Artikel auch ein Hinweis auf die Behandlung des benignen paroxysmalen Lagerungsschwindels. Wer einen Patienten mit einem Befreiungsmanöver nach Sémont (2) einmal von seinem lästigen Lagerungsschwindel befreit hat, kann schwer verstehen, warum diese einfache und billige Heilmethode den Lesern des Deutschen Ärzteblattes vorenthalten wird. Dagegen sind die in dem Artikel empfohlenen "durchblutungsfördernden Therapien" wenig überzeugend. Sie sind bei Durchblutungsstörungen der A. basilaris und ihrer Äste nicht wirksam und es ist schwer verständlich, warum sie ausgerechnet bei einem Basilarisast – nämlich der A. labyrinthi – wirksam sein sollen. Bei einer hochgradigen Vertebralis- oder Basilaris-Stenose kann dagegen eine Antikoagulation erforderlich werden.
Ich stimme mit Herrn Kollegen Stoll darin überein, daß Anamnese und klinische Untersuchung wesentlichen Anteil an der Differenzierung von Schwindel haben. Es ist allerdings nicht richtig, daß peripher ausgelöster Nystagmus meist horizontal ist. Entscheidend für die Nystagmusform ist, welcher Bogengang gereizt wird und rein horizontaler Nystagmus entsteht nur bei Reizung des lateralen Bogenganges. Letzterer ist vom benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel allerdings nur ausnahmsweise betroffen (3). Liegt abgesprengtes Otolithenmaterial im hinteren Bogengang – eine der häufigsten Schwindelformen – dominiert ein vertikaler Nystagmus mit rotatorischer Komponente. Umgekehrt gibt es auch zentrale Schwindelformen, die mit horizontalem Nystagmus einhergehen, zum Beispiel bei Kleinhirninfarkten. Die Regel "Horizontaler Nystagmus spricht für eine peripher-vestibuläre Genese" gilt also nicht einmal "cum grano salis".
Was sind "Schäden der Halswirbelsäule"? Zuhauf werden bei unklaren Schwindelbeschwerden Röntgenaufnahmen der Halswirbelsäule angefertigt. Die degenerativen Veränderungen, die man auch bei vielen gesunden älteren Menschen röntgenologisch nachweisen kann, werden dann fälschlich als Ursache des Schwindels angeschuldigt. Wenngleich die Existenz eines zervikalen Schwindels wissenschaftlich umstritten ist, scheint es mir zweifelsfrei, daß diese Schwindelform in der Praxis weit überschätzt wird. Dies führt leider oft zu inadäquaten Behandlungsmaßnahmen.


Literatur
1. Brandt TH: Vertigo: its multisensory syndromes. London: Springer-Verlag, 1991
2. Sémont et al.: Curing the BPPV with a liberatory maneuver. Adv Otorhinolaryngol 1988; 42: 290-3
3. Meilleure et al.: Benign paroxysmal positional vertigo of the horizontal canal. J Neurol Neurosurg Psychiat 1996; 60: 68-71


Prof. Dr. med. A. Ferbert
Neurologische Klinik
Städtische Kliniken Kassel
gemeinnützige GmbH
Postfach 10 36 67
34112 Kassel


Teilaspekte unbeachtet
Prof. Stoll unternimmt in seinem Artikel den dankenswerten Versuch, die vielfältigen Symptome des Schwindels in seinen zahlreichen Facetten aufzuzeigen. Was aus Sicht von psychosomatisch Arbeitenden leider ganz fehlt, ist die Berücksichtigung des psychogenen Schwindels. Dies scheint mit sowohl vom Ansatz als auch von der Häufigkeit psychogener Schwindelzustände nicht gerechtfertigt. Schon quantitativ wird in spezialisierten Schwindelambulanzen die Diagnose "Psychogener Schwindel" bei rund einem Fünftel der Patienten gestellt. So verbirgt sich häufig hinter dem Symptom "Schwindel" eine Angsterkrankung, manchmal auch eine Depression. Zu bedenken ist aber auch, daß ein psychogener Schwindel ausgelöst werden kann durch eine organische Erkrankung. Aus diesem Grunde scheint es geboten, daß auch und speziell bei Schwindelproblematiken, sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie, somatische und psychogene Ansätze berücksichtigt werden. Der von Stoll gezogene Schluß, daß der Psychologe erst zu Rate gezogen werden sollte, wenn organische Schäden sicher ausgeschlossen sind, wird dem komplexen Krankheitsbild nicht gerecht und führt leider zu oft auch auf therapeutische Umwege. Bei der Therapie des subakuten und chronischen Schwindels scheint uns das Gleichgewichtstraining, wie es auch von Stoll beschrieben wurde, als das Mittel der Wahl. Wir setzen in unserer Klinik kein Betahistin ein, da weder unsere Erfahrungen Anhalt für eine Verbesserung geben, noch die dazu zur Verfügung stehenden Studien. Wir sind im Gegenteil mit Paparella der Meinung, daß es extrem zweifelhaft ist, daß irgendein sogenanntes gefäßerweiterndes Medikament im Labyrinth signifikant den Blutfluß im Innenohr beeinflußt.


Dr. Helmut Schaaf
Oberarzt der Tinnitus-Klinik Arolsen
Große Allee 3 34454 Arolsen


Rationale Zusammenhänge unklar
Bei den therapeutischen Empfehlungen lassen sich eigentlich keine sehr rationalen Zusammenhänge mit der schwindelverursachenden Auslösung erkennen. Dies liegt sicher an der Nichterwähnung statisch bedingter Irritationsformen der Nackenstrombahn, die die allerüberwiegende Ursache des Schwindels ist.
Das vertebrobasiläre Syndrom dürfte sicher zu den häufigsten unerkannten Erkrankungen zählen mit selteneren dramatischen Attacken, meist im chronischen Stadium mit zum Teil unglaublich langen und extremen Kosten befrachteten Irregängen. Ursache ist eine Verdrehung der hinteren Bogenwurzeln der oberen HWK, oft zusammen mit einer Lateralisation von C1. Der Tastbefund läßt sich mit Zielaufnahmen der oberen HWS bestätigen, der immer eintretende Erfolg durch Normalisierung der Gleichgewichtsteste und der supraaortalen Dopplersonographie.
Eine Chirogymnastik gegen die Fehlstellung ist physiologisch, denn die Gegendrehung wird mit gleicher Dynamik durchgeführt, die auch die gegenläufige Fehlstellung verursachte. Die aktive und vorsichtige Therapie kann nicht so gefährlich sein, sonst wären die Laientherapeuten und Heilpraktiker auch ohne Vordiagnose nicht so erfolgreich.
Der Schwindel wird oft nicht erwähnt, man muß nach ihm fragen, Unterbergscher Tretversuch und Romberg gehen schnell. Viele haben sich zwangsläufig daran gewöhnt, auch mit einer Ersatzdiagnose, so steigt die Zahl erheblich über zehn Prozent, die statistisch als Leiden angegeben werden. Dazu kommen noch die Folgen der Durchblutungsverminderung:
¿ Unerklärte hypertone Krisen durch Alarmierung der zerebralen Barorezeptoren. À Hörstörungen, Ohrensausen.
Á Sehstörungen, optische Verzerrungen.
 Depressionen, Angstzustände, Verstimmungen.
à Störung der Merkfähigkeit.
Ä Vielfach Gefühle einer Persönlichkeitsveränderung.
Neben der lokalen statischen Verursachung, die auch migräneauslösend wirkt, besteht häufig eine Ausgleichsdrehskoliose der gesamten Wirbelsäule durch Iliosakralgelenkssubluxations-bedingte Beckenfehlstellung und damit statischer Beinverkürzung, die mit ruckartiger Streckung in Längsrichtung ausgeglichen werden kann (Derbolowsky-Griff).


Dr. med. Armin Färber
Bahnhofstraße 8–10
86825 Bad Wörishofen


Mangelnde Durchblutung vergessen
Der Beitrag von Herrn Stoll über das Symptom Schwindel weist ihn als einen großen Kenner der Materie aus. Um so unverständlicher ist es für mich, daß ein Hinweis über die Bedeutung einer arteriellen Durchblutungsstörung – den Vertebraliskreislauf – fehlt. Es reicht nicht aus, so gravierende Beschwerden wie "Kopfleere, Kopfdruck, Benommenheit, Schwarzwerden vor den Augen, Schwäche in den Beinen, Atemnot, Doppelsehen und Scheinbewegungen" über eine zerebrale Hypoxie zu erklären, ohne auf eventuelle Hilfen hinzuweisen. Doppelseitige Veränderungen an den Vertebralarterien können alle diese sogenannten Beschwerden hervorrufen. Gefäßchirurgen sind heutzutage in der Lage, Veränderungen an den Abgängen der Vertebralarterien (Elongationen und/oder Stenosen) durch eine Reinsertion in die Carotis communis zu beseitigen.
An unserer Klinik haben wir inzwischen Erfahrungen an über 500 derartigen Operationen im Vertebralisgebiet gesammelt und erstaunlich gute Erfolge beobachten können (über 80 Prozent Heilung oder Besserung). Gerade bei einem Krankheitsbild, das den alten, alleinstehenden Menschen an seine Wohnung bindet und ihn sozial zusätzlich isoliert, sollte man bei Versagen der konservativen Medizin auch an die gefäßchirurgischen Möglichkeiten denken.


Prof. Dr. med. Ulf Stockmann
Franziskus-Krankenhaus
Budapester Straße 15–19
10787 Berlin


Artikel gibt Anlaß zur Verwunderung
Man kann sich fragen, wie das sein kann, daß ein Artikel, der im Deutschen Ärzteblatt als Titelthema angekündigt wird und den Anspruch erhebt, interdisziplinär sein zu wollen, das Fach Psychosomatik in keiner Weise berücksichtigt, zumal es dieses Fach seit 1970 innerhalb der Schulmedizin gibt! Im Artikel liest man folgendes: "Das subjektive Schwindelgefühl ist global gesehen Ausdruck eines gestörten neuronalen Entladungsmusters in den kortikalen Projektionsgebieten. Die Vielzahl neuronaler Verschaltungen erklärt den Einfluß labyrinthärer, propriozeptiver, spinaler, hirnbasaler, kortikaler, zerebellarer, optischer und psychischer Impulse auf das gleichgewichtshaltende System." Dann verweist der Autor auf seine Grafik 1. In der Grafik 1 taucht aber der erwähnte psychische Impuls schon nicht mehr auf. Die Psyche kann man dann im weiteren Verlauf des Artikels nicht mehr entdecken. Aus psychosomatischer Sicht muß gesagt werden, daß die große Gruppe von Patienten, die unter psychogenem Schwindel leiden, auch oft umschrieben mit dem Begriff funktioneller Schwindel, in diesem Artikel keine Berücksichtigung finden. Bei diesen Patienten besteht ein großer Leidensdruck, ganz zu schweigen von den enormen Kosten, die sie bei unadäquater Behandlung verursachen. Schwindel ist eine subjektive Empfindung von Gleichgewichtsstörung in physischer und/oder psychischer Hinsicht. Häufig tritt Schwindel im Zusammenhang mit emotionaler Spannung, vor allem im Zusammenhang mit Angst, zum Teil zusammen mit Hyperventilation auf. Schwindel kann auch Konversionssymptom sein (1). Epidemiologische Untersuchungen in verschiedenen Industrienationen haben ergeben, daß 30 bis 60 Prozent aller Kranken, die einen Arzt oder ein Krankenhaus aufsuchen, zu der Gruppe von Patienten mit sogenannten "funktionellen Syndromen" gehören, das heißt Kranke, die ohne organische Ursachen krank sind. Untersuchungen aus der Bundesrepublik haben ergeben, daß es im Durchschnitt 7 bis 11 Jahre dauert, ehe bei diesen Patienten die richtige Diagnose gestellt wird (Reimer et al., 1979, zitiert in [2]) (2). Herr Stoll erwähnt dann in seiner Arbeit doch noch einmal die Psyche, wenn er schreibt: "Der Psychologe sollte erst zu Rate gezogen werden, wenn organische Schäden sicherlich ausgeschlossen sind." Man beachte, es wird der Psychologe erwähnt, als gäbe es weder das Fach Psychosomatik noch den Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, als gäbe es nicht die Möglichkeit vieler kassenärztlichen Kollegen, die im Rahmen der Psychosomatischen Grundversorgung auch Patienten mit funktionellem oder psychogenem Schwindel adäquat behandeln. Herr Kollege Stoll geht dann innerhalb des Kapitels Therapie recht gut auf eine Fülle von Therapiemaßnahmen ein, die die Domäne der Krankengymnasten und Ergotherapeuten darstellen. Um so mehr drängt sich mir die Frage auf, warum auf die Psychosomatik gar nicht eingegangen wurde. Auch hier könnte noch aus psychosomatischer Sicht ergänzt werden, daß es bei Patienten, die an einer schweren Erkrankung, wie zum Beispiel einen Hörsturz mit Labyrinthbeteiligung leiden, notwendig ist, ihnen dabei zu helfen, Coping-Strukturen zu entwickeln, also der psychischen Bewältigung der Krankheit. Es ist auch zu fragen, warum zum Beispiel bei dieser Übersichtsarbeit nicht auf Panikattacken eingegangen wurde? Diese manifestieren sich mit multiplen Symptomen. Die häufigsten Symptome während einer Attacke sind: Dyspnöe, Palpitationen; Schmerzen in der Brust oder Unwohlsein; Erstickungs- oder Beklemmungsgefühle; Benommenheit, Schwindel (3). Ich möchte abschließend noch auf Ausführungen der Psychotherapierichtlinien verweisen: Die psychosomatische Grundversorgung wird in den Psychotherapierichtlinien folgendermaßen definiert: ¿ Diagnosestellung: Ein komplexes Krankheitsgeschehen ist ätiologisch in Richtung einer psychosomatischen "Gesamtdiagnose" zu klären;
À Indikationsstellung: Es ist eine gemeinsame Zuordnung von Somato-, einschließlich Pharmakotherapie und seelischer Krankenbehandlung nach den Erfordernissen der aktuellen Krankheitssituation anzustreben;
Á Begrenzte Zielsetzung: Diese umfaßt eine Symptombeseitigung, eine Einsichtsvermittlung in pathogene somato-psychische/psycho-somatische Zusammenhänge und in die Notwendigkeit einer Umorientierung des Patienten;
 Der Therapiemethoden: Durch verbale Intervention und durch übende und suggestive Techniken (4). "Psychotherapie, als Behandlung seelischer Krankheiten im Sinne dieser Richtlinien, setzt voraus, daß das Krankheitsgeschehen als ein ursächlich bestimmter Prozeß verstanden wird, der mit wissenschaftlich begründeten Methoden untersucht und in einem Theoriesystem mit einer Krankheitslehre definitorisch erfaßt ist. Die Theoriesysteme müssen seelische und körperliche Symptome als Ausdruck des Krankheitsgeschehens eines ganzheitlich gesehenen Menschen wahrnehmen und berücksichtigen. Sie müssen den gegenwärtigen, lebensgeschichtlichen und gesellschaftlichen Faktoren in ihrer Bedeutung für das Krankheitsgeschehen gerecht werden." (5)


Literatur
1. Sopko J: Funktionelle Störungen in der HNO-Heilkunde. In: Psychosomatische Medizin/Thure von Uexküll. Hrsg. von Rolf Adler... – 4.,neubearb. u. erw. Aufl. – München; Wien; Baltimore: Urban u. Schwarzenberg, 1990, S. 1080–1093
2. von Uexküll T, Wesiak W: Wissenschaftstheorie und Psychosomatische Medizin, ein biopsychosoziales Modell. In: Psychosomatische Medizin/Thure von Uexküll. Hrsg. von Rolf Adler... – 4., neubearb. u. erw. Aufl. – München; Wien; Baltimore: Urban u. Schwarzenberg, 1990, S. 5–36
3. Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen: DSM-III; übers. nach d. 3. Aufl. d. Diagnostic and statistical manual of mental disorders d. American Psychiatr. Association/Dt. Bearb. u. Einf. von K. Koehler und H. Saß Übers.: O. v. Delbrück. Weinheim; Basel: Beltz, 1984
4. Faber FR: Kommentar Psychotherapie-Richtlinien: Gutachterverfahren in der Psychotherapie; psychosomatische Grundversorgung; Kommentar der Beihilfe-Vorschriften für Psychotherapeuten/von Franz Rudolf Faber und Rudolf Haarstrick. Unter Mitw. von Dieter Kallinke. – 3., neu bearb. Aufl. – Neckarsulm; Stuttgart: Jungjohann, 1994
5. Sonderdruck aus: Verträge der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: Vereinbarung über die Anwendung von Psychotherapie in der vertragsärztlichen Versorgung, gültig ab 1. Oktober 1990, in der Fassung vom 1. April 1994


Dr. med. R. Mathias Dunkel
Arzt – Psychotherapie
Kanzelstraße 5
65191 Wiesbaden


Ergänzungen dringend notwendig
Der Beitrag von Herrn Professor Stoll läßt leider wesentliche diagnostische Aspekte und therapeutische Überlegungen zum Thema Schwindel außer acht, da er kein Wort zu psychogenen Schwindelzuständen sagt. Nach neueren empirischen Untersuchungen an großen Patientenkollektiven ist Schwindel in 25 bis 35 Prozent psychogen verursacht (1, 2). Bei einem weiteren großen Teil der Patienten mit ursprünglich organisch bedingten Schwindelzuständen tragen psychogene Faktoren wesentlich zum Verlauf der Symptomatik, das heißt zur Chronifizierung, subjektiven Beeinträchtigung und Länge der Arbeitsunfähigkeit bei (3, 4). Am häufigsten liegen den psychogen bedingten Schwindelzuständen Angststörungen und depressive sowie dissoziative Störungen ("Konversionsstörungen") zugrunde. An der Mainzer Universitätsklinik für Neurologie und Psychosomatische Medizin und Psychotherapie existiert seit drei Jahren eine interdisziplinäre Ambulanz für Patienten mit Schwindel. Die Zusammenarbeit hat gezeigt, daß eine interdisziplinäre Diagnostik und Therapie von wesentlicher Bedeutung ist, um einer Chronifizierung der Erkrankung vorzubeugen. Leider machen wir immer wieder die Erfahrung, daß über lange Zeit zugrundeliegende schwerwiegende psychische Erkrankungen, wie Angststörungen oder depressive Störungen nicht erkannt werden und den Patienten damit eine Behandlung vorenthalten wird.
Organische Ursachen müssen natürlich ausgeschlossen werden, aber psychogene Ursachen müssen von Beginn an in die Diagnostik eingeschlossen werden.


Literatur
1. Kroenke K, Lucas C, Rosenberg ML, Scherokman B, Herbers J: Causes of persistent dizziness, Annals of Internal Medicine 1992; 117: 898-904
2. Nedzelski JM, Barber HO, McIlmoyl L: Diagnosis in a dizziness unit, The Journal of Otolaryngology 1986; 15: 101–104
3. Yardley L, Verschuur C, Masson E, Luxon L, Haacke N: Somatic and psychological factors contributing to handicap of people with vertigo, British Journal of Audiology 1992a; 26: 283–290
4. Yardley L, Todd AM, Lacoudray-Harter MM, Ingham R: Psychosocial consequences of recurrent vertigo, Psychology and Health 1992b; 6: 85–96


Der Beitrag von Herrn Professor Stoll läßt leider wesentliche diagnostische Aspekte und therapeutische Überlegungen zum Thema Schwindel außer acht, da er kein Wort zu psychogenen Schwindelzuständen sagt. Nach neueren empirischen Untersuchungen an großen Patientenkollektiven ist Schwindel in 25 bis 35 Prozent psychogen verursacht (1, 2). Bei einem weiteren großen Teil der Patienten mit ursprünglich organisch bedingten Schwindelzuständen tragen psychogene Faktoren wesentlich zum Verlauf der Symptomatik, das heißt zur Chronifizierung, subjektiven Beeinträchtigung und Länge der Arbeitsunfähigkeit bei (3, 4). Am häufigsten liegen den psychogen bedingten Schwindelzuständen Angststörungen und depressive sowie dissoziative Störungen ("Konversionsstörungen") zugrunde. An der Mainzer Universitätsklinik für Neurologie und Psychosomatische Medizin und Psychotherapie existiert seit drei Jahren eine interdisziplinäre Ambulanz für Patienten mit Schwindel. Die Zusammenarbeit hat gezeigt, daß eine interdisziplinäre Diagnostik und Therapie von wesentlicher Bedeutung ist, um einer Chronifizierung der Erkrankung vorzubeugen. Leider machen wir immer wieder die Erfahrung, daß über lange Zeit zugrundeliegende schwerwiegende psychische Erkrankungen, wie Angststörungen oder depressive Störungen nicht erkannt werden und den Patienten damit eine Behandlung vorenthalten wird.
Organische Ursachen müssen natürlich ausgeschlossen werden, aber psychogene Ursachen müssen von Beginn an in die Diagnostik eingeschlossen werden.


Literatur
1. Kroenke K, Lucas C, Rosenberg ML, Scherokman B, Herbers J: Causes of persistent dizziness, Annals of Internal Medicine 1992; 117: 898-904
2. Nedzelski JM, Barber HO, McIlmoyl L: Diagnosis in a dizziness unit, The Journal of Otolaryngology 1986; 15: 101–104
3. Yardley L, Verschuur C, Masson E, Luxon L, Haacke N: Somatic and psychological factors contributing to handicap of people with vertigo, British Journal of Audiology 1992a; 26: 283–290
4. Yardley L, Todd AM, Lacoudray-Harter MM, Ingham R: Psychosocial consequences of recurrent vertigo, Psychology and Health 1992b; 6: 85–96


Dr. med. Annegret Eckhardt
Universitätsklinik für
Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Untere Zahlbacher Straße 8
55131 Mainz

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