ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2001Internet: Unterstützung für psychisch Kranke

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Internet: Unterstützung für psychisch Kranke

Dtsch Arztebl 2001; 98(17): A-1099 / B-933 / C-876

Stoschek, Jürgen

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LNSLNS Das Internet kann den Kontakt zu anderen Betroffenen erleichtern.
In den Niederlanden hat man bereits erste Erfahrungen mit der „online“-Therapie im Bereich der Psychiatrie.

Gesundheitsthemen stehen bei Internet-Nutzern an vorderer Stelle. Nach amerikanischen Untersuchungen sind in der Gruppe der 18- bis 34-jährigen Nutzer, die ein Gesundheitsportal im Internet besuchen, 91 Prozent Frauen. Etwa ein Drittel interessiert sich speziell für psychische Erkrankungen. In Deutschland ist die Entwicklung noch nicht so weit. Nach einer nicht repräsentativen Umfrage der Psychiatrischen Klinik der Universität München nutzen 42 Prozent der Patienten dieser Klinik das Internet.
Das ist mehr als der Durchschnitt der Allgemeinbevölkerung. Jeder Zweite – so das Umfrageergebnis – sucht nach Gesundheitsinformationen, etwa ein Drittel speziell zur eigenen Krankheit. Gerade im Bereich der Psychiatrie biete das Internet neue Perspektiven, sagte Prof. Ulrich Hegerl (Psychiatrische Klinik der Universität München) beim 1. Internationalen Symposium „Internet und Psychiatrie“ in der bayerischen Landeshauptstadt. Das Internet sei ein anonymes, niederschwelliges Angebot, das vielen den Kontakt zu anderen Betroffenen erleichtere.
Vor dem Hintergrund, dass psychische Erkrankungen in der Öffentlichkeit noch immer weitgehend tabuisiert sind, stelle das Internet eine zusätzliche Unterstützung im Umgang mit einer psychischen Erkrankung dar, sagte Hegerl zu den Chancen des neuen Mediums. Der direkte Kontakt zwischen Arzt und Patient könne dadurch aber nicht ersetzt, sondern allenfalls ergänzt werden. Auf der Homepage des bundesweiten Großforschungsprojektes Kompetenznetz „Depression“ (www.kompetenznetz-depression.de) könnten Internet-Nutzer beispielsweise einen Selbsttest ausfüllen und so erfahren, ob sie möglicherweise an einer behandlungsbedürftigen Depression leiden, berichtete Hegerl.
Zu den Risiken des Internets gehöre andererseits aber auch die Gefahr der Vereinsamung und des Rückzugs, räumte der Münchner Psychiater ein. Gurus und Wunderheiler gehörten ebenso zu den Schattenseiten wie die in jüngster Zeit auftauchenden Web-Sites, auf denen der Suizid mystifiziert und heroisiert wird. Umso wichtiger sei es, die Seriosität und die Qualität von Gesundheitsinformationen im Internet zu verbessern. Einen Beitrag dazu leistet das MedCERTAIN-Projekt (www. medcertain.org), das von Dr. Gunther Eysenbach von der Universität Heidelberg geleitet und von der Europäischen Union gefördert wird.
Während in Deutschland das Standesrecht eine Behandlung über das Internet verbietet, gibt es in den Niederlanden bereits erste Erfahrungen mit der Online-Therapie im Bereich der Psychiatrie. Prof. Alfred Lange von der Universität Amsterdam berichtete über die Pilotstudie „Interapy“ (www.interapy.nl), in der bislang etwa 300 Klienten mit posttraumatischem Stress-Syndrom online behandelt wurden.
Das Programm, das vorerst nur in niederländischer Sprache zur Verfügung steht, diene der kognitiven Restrukturierung und damit der Verarbeitung des Traumas, erläuterte Lange. Innerhalb von fünf Wochen müssen die Klienten nach einem vorgegebenen Schema zehn Texte verfassen, in denen sie das belastende Ereignis und seine Folgen im Alltag schildern. Die Texte werden von Psychologen der Universität Amsterdam im Feed-back mit den Klienten beurteilt.
Der Effekt der Behandlung werde zu Beginn, am Ende und sechs Wochen nach der Behandlung mit normierten Fragebögen gemessen. Mehr als 80 Prozent der Klienten in der Pilotstudie seien geheilt, berichtete Lange. Die Ergebnisse der Behandlung sind eine Verminderung des posttraumatischen Stresses, weniger wiederholte Erinnerungen, Ängste und Vermeidung sowie eine Verminderung depressiver und körperlicher Beschwerden. Der Effekt sei im Vergleich zu einer Face-to-face-Behandlung sogar größer. Von den Klienten, die im Durchschnitt 40 Jahre alt sind, hätten jene den meisten Nutzen, die zuvor nicht oder nur sehr wenig über ihr Trauma gesprochen haben, sagte Lange. Jürgen Stoschek
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