ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2001Gesundheitsberichterstattung: Die Datenlücke

THEMEN DER ZEIT

Gesundheitsberichterstattung: Die Datenlücke

Dtsch Arztebl 2001; 98(17): A-1107 / B-940 / C-883

Bardehle, Doris

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LNSLNS Der Deutsche Verband für Gesundheitswissenschaften e.V.
hat Vorschläge für eine bessere Verflechtung von Gesundheits- und Sozialberichterstattung in Deutschland konzipiert.

Die Gesundheitsberichterstattung beschreibt und bewertet den Gesundheitszustand der Bevölkerung und ihre gesundheitliche Versorgung. Sozialberichterstattung informiert über gesellschaftliche Strukturen und Prozesse. Soziale Faktoren, wie zum Beispiel Bildung, Beruf und Einkommen, als Kriterien für Einflüsse auf die Gesundheit sind in Deutschland erst in den letzten Jahren wieder aktuell geworden. Die WHO hat bereits seit 1977 mit der Strategie „Gesundheit für Alle – Gesundheitspolitik für Europa“ die Ziele „Chancengleichheit im Gesundheitsbereich“ und „Gesundheit und Lebensqualität“ an die Spitze ihres Zielekataloges gestellt und mit Indikatoren untermauert.
Nach Murray und Lopez (1996) (1) bestimmen weltweit zehn Risikofaktoren circa 40 Prozent der Todesfälle und der durch Behinderung beeinträchtigten Lebensjahre (DALY – Disability Adjusted Life Years): Unterernährung, unzureichende Trinkwasserversorgung und schlechte sanitäre Bedingungen, unzureichende persönliche und Wohnhygiene, ungeschützter Geschlechtsverkehr, Tabak- und Alkoholmissbrauch, schädliche berufliche Exposition, Bluthochdruck, Bewegungsmangel, illegale Drogen und Luftverschmutzung. Jeder der zehn Risikofaktoren hängt mit sozialen Kriterien zusammen.
Das Aktionsprogramm der Europäischen Union im Bereich der öffentlichen Gesundheit versucht, mit Projekten wie „Health Inequalities“ und „Socio-Economic Inequalities in Morbidity and Mortality in Europe“ die Sozial- und Gesundheitsberichterstattung in den Mitgliedsstaaten in Verbindung zu setzen ebenso wie die „Health 21“-Strategie der WHO, die als vorrangige Gesundheitsziele für das
21. Jahrhundert „Solidarität für die Gesundheit in der Europäischen Region“ und „Gesundheitliche Chancengleichheit“ anstrebt.
Verbesserte Grundlagen
In den letzten zwanzig bis dreißig Jahren hat sich in Deutschland die Gesundheits- und Sozialberichterstattung weiterentwickelt, jedoch weitgehend ohne Bezug zueinander. Die Anschubdiskussion zur Etablierung der Gesundheitsberichterstattung erfolgte in den Jahren 1987, 1992 und 1994 durch die Jahresgutachten des Sachverständigenrates der Konzertierten Aktion im Gesundheitswesen. Als unverzichtbare Bestandteile einer Gesundheitsberichterstattung gelten seitdem die Darstellung der Bevölkerungsentwicklung, des Gesundheitszustandes (Mortalität und Morbidität), von Gesundheitseinrichtungen und deren Leistungen, der finanziellen Lage und des Kran­ken­ver­siche­rungsschutzes. Es folgten wegweisende Aktivitäten, zum Beispiel durch die Forschungsgruppe „Gesundheitsberichterstattung“, die Projektgruppe „Prioritäre Gesundheitsziele“, den Aufbau des Informations- und Dokumentationszentrums Gesundheitsdaten (IDG) beim Statistischen Bundesamt und die Herausgabe des „Gesundheitsberichtes 1998“. Die Gesundheitsberichterstattung des Bundes wird durch thematische Berichte des Robert Koch-Instituts (Berlin) in Gemeinschaftsarbeit mit dem Statistischen Bundesamt fortgesetzt. Heft 1/2000 zum Thema „Schutzimpfungen“ ist im Dezember 2000 erschienen.
In den Bundesländern werden Landesgesundheitsberichte innerhalb von einem bis drei Jahren erstellt, die in enger Kooperation zwischen den Ge­sund­heits­mi­nis­terien und von ihnen beauftragten Einrichtungen sowie den Statistischen Landesämtern erarbeitet werden. Die Einbeziehung von Indikatoren und sozialen Kriterien hat sich in den letzten zehn bis 15 Jahren sowohl auf Bundes- als auch auf Landes- und kommunaler Ebene ausschließlich auf der Basis der verfügbaren Datenbestände entwickelt. In den Gesetzen über den Öffentlichen Gesundheitsdienst, die es inzwischen in mehr als der Hälfte der Bundesländer gibt, wird der sozialkompensatorische Ansatz als besonderer Schwerpunkt genannt. Diese Orientierung erfordert, sich auf Landes- und kommunaler Ebene eine Übersicht über soziale Probleme und deren Auswirkungen auf die gesundheitliche Lage zu verschaffen. Die Länder und Kommunen nutzen für die Gesundheitsberichterstattung einen seit 1991 einvernehmlich vereinbarten Indikatorensatz, der ursprünglich circa 200 Indikatoren zur soziodemographischen und gesundheitlichen Lage, zu Risikofaktoren und zur gesundheitlichen Versorgung einschließlich der Kosten und Finanzierung umfasste. Nach der Revision des Indikatorensatzes (1996) werden in den Bundesländern noch rund 150 Indikatoren von beauftragten Institutionen oder den Statistischen Landesämtern jährlich fortgeschrieben. Es stellte sich heraus, dass nicht alle Länder und noch weniger Kommunen in der Lage sind, die gesundheitliche Lage der Wohnbevölkerung anhand einer kontinuierlichen Datenübersicht zu beschreiben. Bisher gibt es keinen speziellen Indikatorensatz für die kommunale Ebene der Kreise und kreisfreien Städte, es können jedoch circa 25 bis 30 Prozent der Länderindikatoren genutzt werden, soweit deren regionale Aufschlüsselung möglich ist.
Internetzugriff
Das Informationssystem der Gesundheitsberichterstattung (IS-GBE), das beim Statistischen Bundesamt (Wiesbaden) geführt wird, ermöglicht über Internetzugriff (http://www.gbe-bund.de), Indikatoren bis zur Länderebene zu erstellen und für die Berichterstattung zu nutzen. Das IS-GBE enthält Indikatoren zur gesundheitlichen Lage, zum Gesundheitsverhalten und Gesundheitsgefährdungen, zu Krankheiten, zu Ressourcen der Gesundheitsversorgung, zu Leistungen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens und zu Ausgaben, Kosten und zur Finanzierung des Gesundheitswesens.
In den Bundesländern wurden außerdem in den vergangenen Jahren Gesundheitsberichte mit unterschiedli-
cher Periodizität zu Themen wie Kindergesundheit, Frauengesundheit (geschlechtsspezifische Gesundheit), Gesundheit älterer Bürgerinnen und Bürger, Gesundheit von Migrantinnen und Migranten und anderen Themen erstellt. Es kristallisiert sich heraus, Gesundheitsberichte unter Hinzuziehung von Experten im Sinne von Schwerpunktberichten thematisch zu fokussieren. Indikatorenbände werden zur Gesamtschau der gesundheitlichen Lage und der gesundheitlichen Versorgung teilweise zusätzlich herausgegeben (zum Beispiel Sachsen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Brandenburg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern). Bisher ist es neben dem Statistischen Bundesamt nur in Nordrhein-Westfalen (NRW) möglich, Indikatoren über das Internet abzurufen (www.loegd.nrw.de). In NRW ermöglicht das Programm- und Softwarepaket GBE-Stat, zusätzlich epidemiologische Auswertungen für die amtlichen Mortalitätsdaten, Krankenhausdiagnosedaten, die Daten der Rentenversicherung zur Erwerbsunfähigkeit und medizinischen Rehabilitation und demnächst auch die Daten der Pflegeversicherung nach dem Wohnort des Versicherten (Kreis) auszuwerten. Die Daten stehen zur Nutzung den Ländern zur Verfügung und sind das Resultat einer verbesserten Datenlage in den letzten fünf bis zehn Jahren. Die Daten der Krebsregister stehen inzwischen ebenfalls in den meisten Bundesländern für epidemiologische Auswertungen zur Verfügung.
In den Kommunen müssen gegenwärtig vielfach erst noch die personellen Voraussetzungen geschaffen werden, um qualifizierte Gesundheitsberichte als Basis für gesundheitspolitische Entscheidungen zu erstellen. In NRW geben nur circa 20 Prozent der Kreise an, ausreichend personelle Ressourcen für die Gesundheitsberichterstattung zu haben (2).
Bisher gibt es aber nur in Hamburg, Berlin und Brandenburg eine zunehmende Verflechtung zwischen Gesundheits- und Sozialberichterstattung. In diesen Ländern sind die Ressorts Gesundheit und Soziales in einem Ministerium vereint, und die Gesundheits- und Sozialberichterstattung wird in einer Institution bearbeitet, die diesem Ministerium untersteht. Beispiele sind Sozialindex- und Strukturindexuntersuchungen in Berlin, der Bericht „Menschen mit Behinderungen“ des Landes Brandenburg oder der Bericht „Armut in Hamburg“.
Verbleibende Defizite
In der amtlichen Statistik sind gegenwärtig keine verbindlichen sozialen Kriterien enthalten, wie zum Beispiel die international vereinbarten Mindestmerkmale: Bildung (Schulbil-
dung, Berufsbildung), Stellung im Beruf und Einkommen. Einen sozioökonomischen Bezug gibt es nur in der Bevölkerungsstatistik und in speziellen Surveys (unter anderem Bundesgesundheitssurvey 1998). Andere Surveys wie der Mikrozensus oder das Sozio-Ökonomische Panel (SOEP) sind bisher nur unzureichend als Datengrundlage für die Gesundheitsberichterstattung erschlossen. Allen Surveys haftet der Mangel an, dass Auswertungen bis zur kommunalen Ebene aufgrund der kleinen Stichproben nicht möglich sind.
Die wissenschaftliche Basis für die Indikatorenführung und ständige Anpassung an neue Bedingungen, wie beispielsweise die Einführung der ICD-10, die Pflegestatistik, die Berechnung von DALE (Disability Adjusted Life Expectancy), ist zumindest auf der Län-derebene bisher unzureichend. Die Abstimmung der Datenlage zwischen Bund, Ländern und Kommunen muss ebenfalls ständig wissenschaftlich unterstützt werden.
Während durch Einrichtungen wie das Zentrum für Umfragen, Methoden, Analysen in Mannheim (ZUMA), das Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB) und das Deutsche Institut für Urbanistik (DIfU) in Berlin in den vergangenen Jahrzehnten in der Sozialberichterstattung eine umfassende Fachkompetenz entwickelt wurde, fehlen für die Gesundheitsberichterstattung derartige, kontinuierlich tätige Institutionen. Die Impul-
se des Robert Koch-Instituts für die methodische Weiterentwicklung der Gesundheitsberichterstattung können Probleme in Deutschland nur marginal lösen, vor allen auf der Ebene der Länder und Kommunen. Dazu gehört auch eine wesentlich engere Verflechtung zwischen Sozial- und Gesundheitsberichterstattung. Auf der Tagung „Armut und Gesundheit“ des DVGE (1999) wurde deutlich, wie isoliert sich Gesundheits- und Sozialberichterstattung in vielen Ländern und Kommunen bis zur Gegenwart entwickelt haben und welcher Handlungsbedarf zur Überwindung der getrennten Darstellungsweise der beiden Berichtssysteme besteht (3, 4).
Es gibt seit Jahren anhaltende Kritik über unzureichende Daten zu Gesundheit und Krankheit und über die schlechte Qualität von amtlichen Statistiken, speziell der Todesursachen- und der Krankenhausdiagnosenstatistik. Bisher fehlt in Deutschland ein transparentes System von Qualitätssicherungsmaßnahmen, in das die Gesundheitsbehörden und Gesundheitseinrichtungen (zum Beispiel die Krankenhäuser) einbezogen werden müssten. Von vielen Ärzten wird die Erhebung von Daten für die amtliche Statistik als bürokratischer Aufwand abgelehnt. Dieses Image ist Ursache für Qualitätsmängel. Bisher ist es nicht gelungen, sich wiederholende Datenanforderungen (zum Beispiel für die Krankenkassen und für die amtliche Statistik) zu vereinheitlichen und den Aufwand für den Arzt zu verringern. Im Rahmen der Europäischen Union zählt Deutschland zum letzten Drittel, bezogen auf die Gesundheitsdaten und deren Qualität.
„Graue Literatur“
Gesundheitsberichte werden meist in kleinen Auflagen gedruckt und können nicht über Verlage bezogen werden. Sie gehören deshalb überwiegend zur Kategorie der „grauen Literatur“. Der Konsument und Bürger konnte bisher Gesundheitsberichte nur mit Insiderwissen erhalten. Auch die Ärzteschaft wird unzureichend mit Gesundheitsberichten versorgt, diese sollten jedoch das Feedback ärztlicher Tätigkeit sein.
Weil das Ergebnis ärztlicher Tätigkeit in einer messbaren Verbesserung der gesundheitlichen Lage aller sozialen Schichten bestehen sollte, wird ein Aktionsprogramm für die Integration und wissenschaftliche Fundierung von Sozial- und Gesundheitsberichterstattung angemahnt. Anders können diese Berichtssysteme ihre Aufgabe der seriösen Politikberatung auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene nicht qualifiziert wahrnehmen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 1107–1109 [Heft 17]

Literatur
1. Murray Ch JL, Lopez AD: The global burden of disease. World Health Organization, Geneva, Switzerland. Printed in the USA, 1996.
2. Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.) (2000): Ortsnahe Koordinierung der gesundheitlichen und sozialen Versorgung. Abschlussbericht. Düsseldorf.
3. Laaser U, Gebhardt K, Brößkamp U (Hrsg.): Armut und Gesundheit, Aufgaben für die Gesundheitswissenschaften. Zeitschrift für Gesundheitswissenschaften, 2. Beiheft. Juventa, Weinheim u. a., 1995.
4. Laaser U, Gebhardt K, Kemper P (Hrsg.): Gesund-
heit und soziale Benachteiligung: Informationssysteme – Bedarfsanalysen – Interventionen. Verlag Hans Jacobs, Lage, 2000.

Anschrift der Verfasserin:
Priv.-Doz. Dr. med. Doris Bardehle
Universität Bielefeld
Fakultät für Gesundheitswissenschaften
Universitätsstraße 25
33615 Bielefeld


´Tabelle  CC´
Themenfelder des Länder-Indikatorensatzes
Nr. Themenfeld Zahl der
Indikatoren
 1. Gesundheitspolitische Rahmenbedingungen Text
 2. Bevölkerung 16
 3. Gesundheitszustand 42
 4. Gesundheitsrelevante Verhaltensweisen 12
 5. Gesundheitsrisiken der Umwelt 10
 6. Einrichtungen des Gesundheitswesens 16
 7. Inanspruchnahme von Leistungen 11
 8. Beschäftigte des Gesundheitswesens 12
 9. Ausbildung im Gesundheitswesen  2
10. Ausgaben und Finanzierung 17
11. Kosten  6
Insgesamt 144


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