ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2001Erdbeben in Indien: Begraben unter Trümmern

THEMEN DER ZEIT

Erdbeben in Indien: Begraben unter Trümmern

Dtsch Arztebl 2001; 98(17): A-1110 / B-943 / C-886

Wranze-Bielefeld, Erich

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LNSLNS Verschüttete finden, bergen und ihnen erste medizinische Hilfe leisten –
sechs Tage verbrachte das „Search and Rescue-Team“ des Technischen Hilfswerks im Zentrum des Bebens, in Bhuj.

Am Freitag, den 26. Januar 2001 bebte im westindischen Staat Gujarat um 4.16 Uhr mitteleuropäischer Zeit die Erde. Das Beben wurde mit einer Stärke von 7,9 auf der Richterskala gemessen. Das Epizentrum lag nahe der Stadt Bhuj, die bis dahin circa 130 000 Einwohner hatte. Wie bei Naturkatastrophen dieser Größenordnung üblich, fehlte zunächst jegliche Übersicht. Zuerst sprach man von zehn Toten und musste dann stündlich die Zahl der Opfer nach oben korrigieren. Inzwischen geht die indische Regierung davon aus, dass mindestens 100 000 Menschen die Katastrophe nicht überlebt haben. Der oft geäußerte Vorwurf, viele Häuser seien aufgrund der schlechten Bausubstanz zusammengebrochen, ist in dieser Pauschalität sicher falsch. Das Beben war so stark, dass auch stabilere Häuser eingestürzt wären.
Bei einem Erdbeben, das Häuser zum Einsturz bringt, ist es wahrscheinlich, dass Menschen lebend verschüttet werden. Diese Verschütteten zu finden, aus den Trümmern zu befreien, ihnen erste medizinische Hilfe zu leisten und sie anschließend in entsprechende Einrichtungen zu transportieren, haben sich die „Search and Rescue-Teams“ (SAR) verschiedener Nationen zur Aufgabe gemacht. Die Kosten für diese Hilfsaktionen tragen grundsätzlich die helfenden Länder.
Einstürzende Häuser und umherfliegende Trümmer sind für die meisten Toten und Verletzten verantwortlich. Den Verschütteten droht der Erstickungs-
tod. Sind sie für längere Zeit unter Trümmern begraben, kommt es zur Exsikkose, die zum Tod durch Dehydration führen kann. Auch primär nicht lebensbedrohliche Verletzungen können ohne die notwendige Behandlung fatal sein. Werden Menschen mit Verletzungen nach längerer Zeit gerettet, kann das Crush-Syndrom auftreten. Das Schlimmste, was Verschütteten und Helfern passieren kann, ist der plötzliche Bergungstod: In dem Moment, in dem der Patient befreit wird, sackt er leblos zusammen und kann nicht mehr erfolgreich reanimiert werden. Über die Ursache gibt es nur Vermutungen. Während manche Wissenschaftler eine starke psychosomatische Komponente sehen (der Patient lässt sich fallen, die eigene Adrenalinausschüttung funktioniert nicht mehr), glauben andere, es handele sich eher um ein embolisches Geschehen.
In der ersten Phase nach einem Erdbeben ist fast nur Selbst- und Kameradenhilfe möglich, da die lokalen Einsatzkräfte selbst in Mitleidenschaft gezogen und zudem völlig überfordert sind. In einer zweiten Phase funktionieren die eigenen Hilfskräfte hinreichend, verstärkt durch Einsatzgruppen aus der Umgebung und später aus dem ganzen Land. In dieser Phase können die meisten oberflächlich Verschütteten gerettet werden. Es bleiben diejenigen, die schwer zu orten, schwer zu bergen und leider auch häufig schwer verletzt sind. Da kaum ein Land über ausreichend viele Spezialisten und Spezialgerät verfügt, schlägt jetzt die Stunde der internationalen Hilfe. Voraussetzung hierfür ist normalerweise, dass das geschädigte Land ein Hilfeersuchen an die internationale Staatengemeinschaft richtet, die sich ihrerseits an die Außenministerien der Mitgliedsländer wendet. Unter dem Dach der Vereinten Nationen hat sich eine ständige Arbeitsgemeinschaft (International Search and Rescue Advisory Group) gebildet, die die erdbebengefährdeten Länder im Vorfeld berät, im Einsatzfall die Hilfe koordiniert, die Qualitätskriterien für die nationalen SAR-Teams festlegt und diese kontrolliert.
Ein SAR-Team sollte aus mindestens drei Gruppen bestehen: erstens einer Ortungskomponente, die über Suchhunde und elektronische Ortungsmöglichkeiten verfügt, darun-
ter hoch empfindliche Mikrofone (Geophone), die einen Schall bis 1 000 000fach verstärken und Nebengeräusche herausfiltern können, sowie Endoskop- und gegebenenfalls Wärmebildkameras und Radarortungsgeräte; zweitens einer Bergungskomponente, die über ein ganzes Arsenal von Bergungsgeräten verfügt, vom einfachen Aufbruchhammer über Schere, Spreitzer und Hebekissen bis zur Betonkettensäge; drittens einer medizinischen Komponente, die die medizinische Versorgung der eigenen Helfer sicherstellt und zudem die geretteten Opfer erstversorgt.
Das einzige Team, das in Deutschland diese Kriterien erfüllt, ist die SEEBA (Schnelle Einsatz-Einheit Bergung Ausland) des Technischen Hilfswerks (THW). Da das THW dem Bundesinnenminister unterstellt ist, muss sich im Einsatzfall das Auswärtige Amt mit dem Innenministerium in Verbindung setzen. In den letzten Jahren funktionierte die Zusammenarbeit zwischen beiden Ministerien ausgezeichnet. Die SEEBA hat sich verpflichtet, innerhalb von sechs Stunden nach Alarmierung einsatzbereit mit Gepäck am Frankfurter Flughafen zu sein. In Vollstärke umfasst sie 70 Personen und bis zu 24 Tonnen Gepäck. Bis auf den Einsatzleiter gehören dem Team fast ausschließlich ehrenamtliche Helfer an. Wegen der starken psychischen und physischen Belastungen bestehen relativ strenge Auswahlkriterien. Abgesehen von Wasser und Betriebsstoffen, kann die Einheit 14 Tage lang autark arbeiten. Ihr Einsatz ist beendet, wenn nach menschlichem Ermessen nahezu ausgeschlossen werden kann, dass weitere Überlebende gefunden werden. Man geht davon aus, dass die Überlebenschancen jenseits der 72 Stunden rapide abnehmen.
Start mit Hindernissen
Nach dem Erdbeben in Indien hatte der Bundesaußenminister schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt der indischen Regierung Hilfe angeboten und dieses Angebot mehrmals wiederholt. Ein Hilfeersuchen hat die indische Regierung nicht gestellt. Dennoch wurden in Erwartung eines Einsatzes 27 Mitglieder der SEEBA am Samstag, den 27. Januar, um 0.30 Uhr alarmiert. Um 9.25 Uhr desselben Tages nahm die indische Regierung das Hilfsangebot Deutschlands und einiger anderer Länder an. Die Option der SEEBA auf einen Lufthansaflug nach Indien war bis dahin allerdings verstrichen. Deshalb charterte man eine Maschine des Typs Illjuschin, die in Amsterdam stand und zunächst nach Frankfurt fliegen musste. Bemerkenswerterweise kann das THW für solche Einsätze keine Bundeswehrmaschinen in Anspruch nehmen, weil diese zum einen viel zu lange Vorlaufzeiten haben und zum anderen zu teuer sind.
Wegen Schwierigkeiten mit der Versicherung verzögerte sich der Abflug bis 20.40 Uhr. An Bord befanden sich neben den 27 SEEBA-Helfern drei Fernsehjournalisten, ein Unimog und 6,5 Tonnen Gepäck. Nach einer Zwischenlandung in Turkmenistan verschob sich der Weiterflug aus unbekannten Gründen um weitere vier Stunden. Nach der Landung in Ahmenabad weigerte sich die Besatzung auf Weisung ihrer Fluggesellschaft, angeblich aus Sicherheitsgründen, weiter nach Bhuj zu fliegen. Erst die Intervention des deutschen Generalkonsuls in Indien, der inzwischen zu uns gestoßen war, und die Drohung der Fernsehjournalisten, hierüber die Öffentlichkeit zu informieren, ermöglichten den Weiterflug.
Wegen der Verzögerungen kamen wir erst am 28. Januar um 14.40 Uhr an unserem Zielort an. Fehlende Transportmöglichkeiten führten dazu, dass ein Teil unseres Teams weitere sechs Stunden am Flughafen von Bhuj festsaß. Erst gegen 21 Uhr konnten wir mit der Arbeit beginnen. Die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden gestaltete sich zäh. Zunächst wurde uns mitgeteilt, in Bhuj (immerhin zu 90 Prozent zerstört) gebe es nichts für uns zu tun. Dann wurden uns Gebiete zugewiesen, bei denen sofort ersichtlich war, dass hier niemand überlebt haben konnte. Die Bevölkerung verhielt sich uns gegenüber gleichgültig bis distanziert. Andere Teams, die wir zufällig trafen (eine erkennbare Koordination gab es nicht), berichteten ähnliche Erlebnisse. Über die Gründe der Zurückhaltung vonseiten der Behörden und der Bevölkerung kann man nur spekulieren: Hat es mit dem Nationalstolz zu tun? Ist es die religiöse Grundeinstellung, eine Katastrophe als Schicksal zu begreifen und ohne nennenswerte Gegenwehr zu akzeptieren? Haben die Menschen schon zu viel erlebt, die angeblich helfen wollten und sie letztlich doch allein gelassen haben?
Eine Antwort haben wir nicht gefunden. Es war jedoch schwer für uns, mit der Situation zurechtzukommen.
Weitere Probleme traten auf: Es gab weder Wasser noch Strom, Betriebsmittel waren rationiert. Wegen des fehlenden Trinkwassers bestand Seuchengefahr. Glücklicherweise entspannte sich diese Situation für uns am dritten Tag. Dennoch reichte das Wasser nur zum Trinken und Kochen, nicht aber für irgendeine Form der Körperreinigung. Ein weiteres Problem, weniger für uns als vielmehr für die im Freien campierende oder in notdürftigen Bretterverschlägen hausende Bevölkerung, war das Klima: Tagsüber war es 30 °C heiß, nachts kühlte es sich auf Werte knapp über dem Gefrierpunkt ab. Für uns ungewohnt war die große Anzahl von frei herumlaufenden Rindern und Wildschweinen, zusätzlich gab es viele verwaiste Hunde.
Am Montag, den 29. Januar, gegen 7.00 Uhr gab es erstmals einen Hinweis aus der Bevölkerung, dass in einem total zerstörten Gebäude am vorigen Abend noch Stimmen gehört worden seien. Die sofort eingeleitete biologische Ortung zeigte keinen Erfolg, das Ergebnis der elektronischen Ortung überraschte und verwirrte uns: Wir hörten einen Mann singen. Auf unsere Klopfzeichen bekamen wir keine Antwort. Wir zweifelten an unserer Technik. Erst ein Dolmetscher half uns weiter. Er identifizierte den Gesang als Gebet. Jetzt erinnerten sich Nachbarn, dass noch ein 52-jähriger nahezu tauber Mann in dem Gebäude lebte. Bis wir so viel Platz geschaffen hatten, dass Licht zu ihm vordringen konnte, bemerkte er nichts von unseren Aktivitäten. Die Bergung gestaltete sich schwierig und war nicht ungefährlich, weil wir im Trümmerschatten eines Hauses arbeiten mussten. Knapp 78 Stunden nach dem Beben konnten wir den Mann unverletzt aus seinem Gefängnis befreien und ihn ins Militärhospital bringen. Dort leisteten die Mitarbeiter fast Unmenschliches: In fünf Tagen wurden in fünf OP-Zelten etwa 10 000 Menschen operiert. Inzwischen bringt ein Zelthospital des Internationalen Roten Kreuzes mit 250 Betten Entspannung.
Erfolgreicher Einsatz
Nach dieser ersten Rettung veränderte sich plötzlich die Haltung der Bevölkerung. Wir bekamen jede mögliche Unterstützung, auch die Zusammenarbeit mit den Behörden und dem Militär war jetzt fast freundschaftlich.
Am Mittwoch, den 31. Januar befreiten Nachbarn einen 62-jährigen Mann, der 121 Stunden verschüttet war, und brachten ihn zu uns. Wir diagnostizierten eine Rippenserienfraktur mit instabilem Thorax links und Rasselgeräuschen, außerdem eine massive Exsikkose. Nach der Erstversorgung wurde auch dieser Patient ins Militärhospital verlegt.
Am Nachmittag des gleichen Tages rief uns das Militär, weil es beim Räumen mit schwerem Gerät geglaubt hatte, eine Stimme gehört zu haben. Tatsächlich verifizierte unsere Ortungsgruppe die Stimme, und die Bergungsgruppe konnte 130 Stunden nach dem Beben ein 15-jähriges Mädchen unverletzt und lediglich exsikkiert aus den Trümmern retten.
Am Donnerstag, den 1. Februar, als sich die Wahrscheinlichkeit weiterer Lebendrettungen gegen null bewegte, traten wir den Heimweg an.
In Anbetracht der Gesamtsituation ist die Rettung dreier Menschen natürlich sehr wenig. Andererseits haben drei Menschen überlebt, die sonst sehr wahrscheinlich gestorben wären. Insofern betrachtet die SEEBA diesen Einsatz als Erfolg und als Ermutigung, diese Arbeit fortzuführen.
Besonders beeindruckt hat uns der Wandel in der Haltung der Bevölkerung und der Behörden uns gegenüber; aus einem ablehnenden Beginn erwuchs ein freundschaftliches Verhältnis und für uns das Gefühl, eine sinnvolle Arbeit getan zu haben.
In nächster Zeit stehen in der Katastrophenregion die Trinkwasserversorgung (durch das THW), die medizinische Versorgung (durch das Internationale Rote Kreuz) und der Beginn des Wiederaufbaus im Vordergrund. Dr. med. Erich Wranze-Bielefeld
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