ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2001Medizingeschichte: „Spiritus vitae“ wiederentdeckt?

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Medizingeschichte: „Spiritus vitae“ wiederentdeckt?

Dtsch Arztebl 2001; 98(17): A-1113 / B-946 / C-889

Ullrich, Alexander

Zu dem Beitrag „,Lebensgeist‘ – Alchimist in unserem Bauch“ von Prof. Dr. med. Dr. phil. Heinz Schott in Heft 7/2001:
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LNSLNS Schott meint, dass wir einem historisch geprägten Menschenbild anhängen, dabei Gehirn und Nervensystem als zentrale Steuerungsinstanz gelten und der Restorganismus demgegenüber von geringerer Wichtigkeit sei. Erst die moderne naturwissenschaftlich-biologische Medizin habe gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Psyche eindeutig und endgültig ins Gehirn lokalisiert. Die Fixierung auf die „Zerebralität“ des Menschen, wie es Schott beschreibt, wird nach meiner Einschätzung wohl schon wesentlich früher, knapp 100 Jahre nach Paracelsus, von René Descartes eingeleitet. Sein erkenntnistheoretischer und philosophischer Ansatz kann auf die Kurzform gebracht werden: „Cogito, ergo sum – Ich denke, also bin ich.“ Er gilt mit seinem kritischen Denken und seiner mechanistischen Naturauffassung als der erste systematische Denker der Neuzeit und erklärt, dass er nichts sicher wissen könne – nicht einmal, ob es die Welt überhaupt gebe. Über alles könne er sich täuschen, nicht jedoch darüber, dass er es sei, der da denkt. Und deshalb könne er zumindest gewiss sein, dass er existiere: „Cogito, ergo sum – Ich denke, also bin ich.“ Ich bin nichts anderes als mein Bewusstsein. Alles andere, zum Beispiel der Körper, könnte durchaus nur in der Einbildung existieren. Leib und Seele sind nach Descartes voneinander getrennt und kommunizieren in der Zirbeldrüse des Gehirns. Aus medizinhistorischer Sicht tritt mit Descartes das Gehirn – zunächst noch die Zirbeldrüse als unpaarer Teil des Gehirns – in das Zentrum des Interesses als Organ der Entstehung menschlichen Bewusstseins. Mit der Anerkennung des Nervensystems als das die Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsprozesse steuernden Organs hat das Zentralnervensystem sich auch als körperliches Zentrum der Seelenheilkunde (Psychiatrie) etabliert.
Hat die moderne naturwissenschaftliche Medizin des 19. Jahrhunderts die Psyche in das Gehirn lokalisiert, so scheint mir bedeutsam, dass die Neurowissenschaften des 21. Jahrhunderts in gewisser Weise eine Wiederentdeckung von Paracelsus’ Lebensgeist (archeus) im Magen, des „zweiherrigen Regiments“ in Magen und Milz Van Helmonts und der „organischen Sympathie“ zwischen Gehirn und viszeralen Organen betreiben . . . Deutlich wird, dass Emotionen und Gefühle unabdingbar Grundvoraussetzung für die Entwicklung eines Bewusstseins sind und den körperlichen Empfindungen hierbei eine elementare Rolle zukommt. „Neurogastroenterologen“ forschen mit modernsten Methoden über die Wechselwirkungen zwischen „Kopf- und Bauchhirn“. Bisheriges Ergebnis: Das Nervengeflecht der Eingeweide scheint mit seinen 100 Millionen Nervenzellen dem Großhirn rund um die Uhr eine Art „Gefühlsbett“ zu bereiten. Wir scheinen ihn wiederzuentdecken, den „Spiritus vitae“ des Paracelsus.
Dr. med. Alexander Ullrich, Linkstraße 67, 65933 Frankfurt am Main
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