ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2001Wechseljahre: Frauen sollen selbst entscheiden

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Wechseljahre: Frauen sollen selbst entscheiden

Dtsch Arztebl 2001; 98(17): A-1114 / B-947 / C-890

Schmacke, Norbert; Greiser, Eberhard

Zu dem Leserbrief „Hormondefizit ist grundsätzlich substitutions- bedürftig“ von Prof. Dr. med. Wolfgang Nocke in Heft 11/2001:
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LNSLNS Herrn Nocke ist zu empfehlen, sich mit der Publikation zu beschäftigen, deren Ergebnisse er fortlaufend angreift, ohne sie gelesen haben zu können (Greiser/Günther/Niemeyer/Schmacke: Weibliche Hormone – Ein Leben lang. Mehr Schaden als Nutzen? Bonn, Dezember 2000, ISBN 3-922093-23-X). Es ist jetzt schon zu erkennen, dass unsere Nutzen-Risiko-Bilanz der Langzeitanwendung von Hormonen in der Postmenopause in der Fachwelt akzeptiert wird. Es geht im Wesentlichen um drei Aussagen:
« Der protektive Nutzen für Herzinfarkt und Demenz ist nicht nachgewiesen.
¬ Prävention von Osteoporose ist bei mehr als zehnjähriger Einnahme nachgewiesen, bezüglich harter Endpunkte allerdings nicht für die gefährlichste Komplikation, die Schenkelhalsfrakturen.
­ Es muss mit einem erheblichen attributiven Risiko für Brust- und Gebärmutterkrebs gerechnet werden.
Eine präzisere Hochrechnung als in unserer Studie vorgelegt (bis zu 7 000 Krebserkrankungen durch Langzeiteinnahme pro Jahr) wird nach Vorliegen der Studie der Women’s Health Initiative in 2005 möglich sein. Für Deutschland wäre eine nochmalige, möglicherweise bessere Risikoabschätzung durch eine Fall-Kontrollstudie auch vor 2005 leistbar. Solange derartige hochwertige Studien nicht vorliegen, muss man dem Langzeiteinsatz von Hormonen bei vielen Millionen Frauen den Status eines unkontrollierten Massenexperiments zuschreiben.
Die Gleichsetzung des postmenopausalen Hormondefizits mit einer endokrinologischen Erkrankung wie dem Diabetes mellitus bedeutet, wie Klaus Koch bereits treffend festgestellt hat, ein schlimmes weiteres Kapitel der Iatrogenese. Wir setzen darauf, dass immer mehr Frauen ihr Recht in Anspruch nehmen, nach ausführlicher Information über Nutzen und Risiken einer Langzeiteinnahme selber zu entscheiden, ob sie – über eine befristete Überbrückungsbehandlung hinaus – die Risiken eingehen wollen, die nun einfach nicht mehr wegzudiskutieren sind.
Was an den mehrfach geäußerten Meinungen von Herrn Nocke immer wieder erstaunt: Kardiologen sind sich einig darin, dass Hormone in den Wechseljahren für die Prävention von arteriosklerotischen Komplikationen (Myokardinfarkt, Apoplex) ungeeignet sind; Neurologen gestehen ein, dass es keinen wissenschaftlich belastbaren Beleg für die Präventionsmöglichkeit von Alzheimer durch Östrogene gibt; Krebsepidemiologen sind sich in der Beurteilung des Malignom-Risikos durch HRT (Mamma-Ca., Endometrium-Ca.) sicher, dass es existiert; Knochenspezialisten müssen mit den Schultern zucken, wenn sie nach Studien gefragt werden, die die Wirksamkeit von Östrogenen bei der Prävention von Schenkelhalsfrakturen belegen könnten. Aber ein emeritierter Gynäkologe ist sich ganz sicher, dass er neben der Gynäkologie auch die Fachdisziplinen Kardiologie, Endokrinologie, Orthopädie, Neurologie und Epidemiologie beherrscht und auf diesen Gebieten urteilen kann, ganz zu schweigen von der medizinischen Statistik.
Prof. Dr. med. Eberhard Greiser, Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS), Zentrum für Public Health der Universität Bremen, Linzer Straße 8 –10, 28359 Bremen, Prof. Dr. med. Norbert Schmacke, Friedenstraße 18, 40219 Düsseldorf
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