ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2001Virtuelle Koloskopie – Eine elektronische Spielerei?

MEDIZIN: Editorial

Virtuelle Koloskopie – Eine elektronische Spielerei?

Dtsch Arztebl 2001; 98(17): A-1119 / B-951 / C-893

Günther, Rolf W.

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LNSLNS Die Schnittbildverfahren MRT und CT haben aufgrund ihrer hohen Kontrast- und guten Ortsauflösung in den Einzelschnitten die anatomische Darstellung und die Diagnostik des Zentralnervensystems und parenchymatöser Organe wesentlich bereichert. Die notwendige dreidimensionale Orientierung erfolgt individuell durch das menschliche Gehirn oder elektronisch unterstützt durch
3-D-Bildbearbeitung. Fortschreitende Entwicklungen in der Elektronik erweitern die Möglichkeiten mithilfe des Computers viele Daten schnell zu ordnen und „augengerecht“, anatomisch ansprechend und übersichtlich darzustellen. Es geht bei den modernen MRT und Mehrzeilen-CT nicht mehr darum, eine Vielzahl von Einzelschichtdaten, sondern Volumendaten en bloc zu erfassen und darzustellen. Die Bildnachbearbeitung mit Oberflächen- und Volumenrekonstruktion schaffen die Voraussetzung für neue Perspektiven, Betrachtungsweisen und -ebenen.
Dass, dank der Bildnachbearbeitung, neben parenchymatösen Organen auch die gastrointestinale Hohlorgandiagnostik von den Schnittbildverfahren (CT, MRT) profitiert, war eine Erkenntnis der letzten fünf Jahre – ihr Ergebnis: die virtuelle Endoskopie.
Virtuell an diesem Verfahren ist, dass ein echter Datensatz dreidimensional berechnet und so dargestellt wird, dass man den Eindruck hat, Hohlraumstrukturen von innen zu betrachten. Dieser Effekt ist sowohl mit CT- als auch MRT-Daten zu erzielen und beschränkt sich nicht nur auf den Gastrointestinaltrakt. Er betrifft das zerebrale Ventrikelsystem, den Nasen-Rachen-Raum sowie das Bronchialsystem, den Urogenitaltrakt und die Gefäße. Die CT- oder MRT-Darstellung der Darmwandung selbst und nicht nur der Innenoberfläche ist – als Besonderheit gegenüber der klassischen Röntgenuntersuchung des Darms – im Primärdatensatz enthalten. Ein „Durchflug“ durch die Hohlorganwelt und tubuläre Strukturen auf diese Weise ist aufregend für den Betrachter, und derzeit noch zeitraubend für den Radiologen, der diese Daten mühsam aufbereiten muss. Für den Gastrointestinaltrakt ist zudem eine sorgfältige Vorbereitung des Patienten erforderlich: Abführen und Einlauf bleiben unentbehrlich. Der Darm muss sauber sein wie für eine echte Endoskopie oder klassische Röntgenkontrastuntersuchung und gut mit Luft oder Flüssigkeit aufgedehnt werden; damit bleibt dem Patienten Unangenehmes nicht erspart.
Nichtinvasive Einblicke in
die Welt des Körpers
Was will man damit gewinnen? Neue Einblicke in den Körper auf nichtinvasive Weise und das möglichst ohne Strahlenexposition (dies gilt für die MR-Tomographie), wenig Belastung für den Patienten und ohne Sedierung. Neben der zeitraubenden Auswertung der Daten und den vorbereitenden Maßnahmen seitens des Patienten sind die Schwachstellen klar ersichtlich: Probleme bei der Erkennung flacher Läsionen von einer Größe unter 5 mm, erhöhte Kosten und fehlende Gewinnung von histologischem Material. Auch falschpositive Befunde durch Stuhlverunreinigung des Darms kommen erschwerend hinzu.
Manifeste Karzinome mit der virtuellen Endoskopie zu entdecken, ist mit hoher Sensitivität möglich. Bei kleinen kolorektalen Tumoren träumt man vom Screening. Aufwand, Kosten und Patientenakzeptanz sollten dabei jedoch nicht außer Acht gelassen werden. Für die Diagnostik entzündlicher Darm­er­krank­ungen ist die virtuelle Endoskopie nicht notwendig. Im Hinblick auf die Tumordiagnostik sollte im „Cyberspace“ der Medizin zwar die virtuelle Endoskopie nicht fehlen, sie muss jedoch zunächst gründlich erprobt und ihre Aussagekraft an anderen etablierten Verfahren gemessen werden.
Die virtuelle Endoskopie als Screeningverfahren berechtigt zu gewissen Hoffnungen, das Licht am Ende des Tunnels ist jedoch noch nicht klar zu erkennen und eine breite klinische Anwendung noch nicht abzusehen. Warten wir also auf die weiteren vergleichenden wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse in der Hoffnung, dass sich die virtuelle Realität der klinischen und ökonomischen Realität nähert, andernfalls bleibt das Verfahren vielleicht doch nur elektronische Spielerei und diagnostische Ästhetik.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 1119 [Heft 17]

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Rolf W. Günther
Klinik für Radiologische Diagnostik
Universitätsklinikum Aachen
Pauwelsstraße 30
52074 Aachen

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