ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2001Holzbau: Kunstvoll gefertigt

VARIA: Feuilleton

Holzbau: Kunstvoll gefertigt

Dtsch Arztebl 2001; 98(17): A-1136 / B-970 / C-910

Hamberger, Rainer W.

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LNSLNS Hütten, Blockhäuser und Design von Gebrauchsgegenständen werden in Norwegen auch heute vornehmlich im Umgang mit Holz geschaffen.

Wenn ein Junge geboren war, so ein alter Brauch, sägte der Vater einigen Kiefern die Kronen ab. In den zwei bis drei Jahrzehnten, bis der Sohn heiratete und Bauholz für sein Haus benötigte, konservierte sich der gekappte Stamm von selbst: Das Harz trieb in ihm nach oben; die Bretter, zu denen er zerschnitten wurde, waren also nahezu frei von harzigen Stellen. Solches Holz hatte noch weitere Vorteile: Es eignete sich ganz vorzüglich zur Herstellung von Möbeln, auf die man sich setzen und legen konnte – ohne harzige Flecke in Hose oder Bettlinnen zu bekommen.
In solchem Holz entstehen auch so gut wie keine Risse mehr. Das ermöglicht, aus einem einzigen Stück auch große Gegenstände herauszuarbeiten, die man sonst aus einzelnen Teilen zusammenleimen müsste, den kubbestol etwa; ein solcher Sessel, rundum mit Schnitzereien verziert, prunkt im Speisezimmer der Villa Troldhaugen, dem ehemaligen Wohnhaus von Edvard Grieg, die komplett aus Holz erbaut ist, am Stadtrand der ehemaligen Hansestadt Bergen. Einheimische Möbelindustrie hat seit Jahrzehnten den Trend zu soliden Massivholzmöbeln geprägt und weiterentwickelt.
Überlieferte Handwerkstechniken
In welcher Vielfalt Holz den Alltag und das Kulturbewusstsein der Norweger bestimmt, lässt sich beispielhaft und eindrucksvoll auf Ullinsvin am Ostrand von Vagamo erleben. Dieser Hof im oberen Gudbrandsdal, wo auf trockenem Boden langsam wachsende Kiefern gutes Holz ergeben, ist seit fast 800 Jahren bewohnt und liegt einen halben Fahrtag nördlich von Oslo. Heute dient er mehr oder weniger als „Workshop“, weil dort die überlieferten Handwerkstechniken Besuchern demonstriert werden. Um den rechteckigen Gutshof stehen Blockhäuser, jedes hat eine bestimmte Funktion: als Lager für Lebensmittel und Gerät, als Werkstatt und Schneiderei oder, erfüllt von besonderer Betriebsamkeit, als Schreinerei, in der auch gedrechselt und geschnitzt wird. Der Holzschnitzer werkelt unverdrossen an der Fußzier eines Stuhles, während seine Frau den Gästen Arbeit und Gegenstände erläutert. Die Motive der Schnitzereien, die viele Gebrauchs- zu Kunstgegenständen machen, sind seit Generationen in langen Wintern eingeübt worden. Die kunstvoll gefertigten Holzgefäße, genannt Römmegröt, stehen heute auf oder neben dem Fernsehgerät in weiträumigen Wohnzimmern.
Norwegischer Sakralbau in Holz
Die Epoche des norwegischen Sakralbaus in Holz verdient noch heute höchste Bewunderung. Von den einst etwa 800 Stabkirchen sind gerade noch 30 übrig geblieben. Während Blockhäuser aus waagerecht liegenden Balken bestehen, ist das Konstruktionselement der stavkirke der senkrecht gestellte Ständer, der stav. In mühseliger Arbeit sägte man aus Gottesfurcht dazu Bretter in zweistöckigen Sägewerken. Blockhausbau wäre einfacher und billiger gewesen. Zwischen den Eckpfeilern schlossen Planken die Wände, Giebel wurden von Andreaskreuzen gehalten. Die älteste dieser Kirchen entstand Anfang des 11. Jahrhunderts, gerade in der Endzeit der Wikinger. Bei Sturm ächzt und knarrt die Stabkirche in allen Fugen. Sie scheint sich im Wind zu wiegen. In ihrer elastischen Statik erlaubt sie den Vergleich mit dem Wikingerschiff – und das ist unter Kennern noch immer die tragende Säule norwegischer Holzbaukunst. Rainer W. Hamberger
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