ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1996Anwesenheit von Laien im OP: Wenn Väter der Sectio caesarea beiwohnen

POLITIK: Medizinreport

Anwesenheit von Laien im OP: Wenn Väter der Sectio caesarea beiwohnen

Paravicini, Dietrich

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LNSLNS Zunehmend wird von (Ehe-)Paaren verlangt, dem Partner bei der Schnittentbindung seiner Frau die Anwesenheit im Operationssaal zu gewähren. Dieses Verlangen wird von vielen Gynäkologen gefördert, sogar von einigen Anästhesisten für richtig gehalten und in Eltern-Zeitschriften propagiert. Wir halten diese Entwicklung für grundsätzlich falsch und hoffen, mit diesen Ausführungen zu einer kritischen Diskussion anzuregen. Die Anwesenheit medizinischer Laien im Operationssaal muß unter drei Aspekten gesehen werden: 1. Berufsordnung und Berufsverständnis, 2. Rechtliche Gesichtspunkte, 3. Medizinische Gesichtspunkte.


Nach der "Berufsordnung für die deutschen Ärzte" ist es
(1) "dem Arzt nicht gestattet, zusammen mit Personen, die weder Ärzte sind noch zu seinen berufsmäßig tätigen Mitarbeitern gehören, zu untersuchen oder zu behandeln. Er darf diese auch nicht als Zuschauer bei ärztlichen Verrichtungen zulassen. Angehörige von Patienten dürfen anwesend sein, wenn hierfür eine ärztliche Begründung besteht und der Patient zustimmt."
(2) "Ein unzulässiges Zusammenwirken im Sinne von Absatz 1 liegt nicht vor, wenn der Arzt zur Erzielung des Heilerfolges am Patienten nach den Regeln der ärztlichen Kunst die Mitwirkung des Nichtarztes für notwendig hält und die Verantwortungsbereiche von Arzt und Nichtarzt klar erkennbar voneinander getrennt bleiben."
Eindeutig regelt Absatz 2 die Ausnahmen, unter denen Absatz 1 mißachtet werden darf. Die Befürworter für die Anwesenheit des Partners im OP berufen sich gezielt auf diesen Passus. Hierbei werden die "Regeln der ärztlichen Kunst" mißbräuchlich interpretiert. Der Heilerfolg bei einer Sectio caesarea hängt keinesfalls unmittelbar von der Anwesenheit des Partners ab. Eine unkompliziert verlaufende Geburt kann als ein normaler Vorgang im menschlichen Leben betrachtet werden. Sobald aber eine Geburt nicht mehr spontan erfolgen kann, wird hieraus ein pathologisches Ereignis (operative Schnittentbindung). Billigt man der Frau in dieser Situation zu, sie bedürfe der Unterstützung durch ihren Partner, dann muß dies erst recht für den alten, zerebralsklerotischen Menschen gelten, der auf die Umsorgung durch einen nahen Angehörigen fixiert ist. Natürlich würde auch die Anwesenheit eines Angehörigen bei jedem Kind eingefordert, das sich einer Operation unterziehen muß, da die Trennung von der Mutter ein existentielles Angstgefühl beim Kind, oft sogar auch bei der Mutter erzeugt.
Aus der derzeitigen Praxis, gelegentlich Angehörigen die Anwesenheit im Operationssaal zu gestatten, könnte sich in naher Zukunft schon ein Gewohnheitsrecht ableiten lassen. Spätestens dann wird auch die einschlägige Rechtsprechung dies berücksichtigen. Besteht aber erst einmal ein Rechtsanspruch auf Anwesenheit im OP, so könnte man diesen an einen Rechtsanwalt abtreten. Auch wenn dies im Augenblick noch als eine krasse Überzeichnung erscheint, kann es doch keinesfalls für die weitere Zukunft ausgeschlossen werden. Der Anstoß zu dieser Entwicklung wird durch Pressionen gegeben, die in der zunehmenden Konkurrenz der Krankenhäuser untereinander liegen.


Medizinische Erwägungen
Menschlich plausibel ist der Wunsch nach Begleitung in den Operationssaal durch einen Angehörigen grundsätzlich. Es stellt sich aber die Frage, ob die "Aktion offene Tür" dem Patienten wirklich dient, weil sie Momente in die ärztliche Tätigkeit einschleust, die die Arbeit des Arztes stören und damit den Heilerfolg gefährden können. Kein Arzt bleibt in kritischen Situationen unbelastet, wenn er weiß, daß sein Zuschauer der potentielle Kläger und Belastungszeuge werden kann. Besonders muß hierbei an jüngere Kollegen mit geringerer Berufserfahrung gedacht werden. Die Konsequenz könnte lauten, bei Anwesenheit Angehöriger im OP nur noch Fachärzte einzusetzen. Dies dürfte in den operativen Fächern relativ einfach zu realisieren sein, da bei Operationen in der Regel immer wenigstens ein Facharzt anwesend ist. In der Anästhesie dagegen arbeitet der Arzt schon relativ früh selbständig. Eine solche Forderung könnte also zu schweren Störungen der anästhesiologischen Versorgung operativer Patienten insgesamt führen.
Des weiteren stellt sich die Frage, wo sich der Angehörige im Operationssaal aufhalten soll. Wird er in der Kopfnähe der Patientin placiert, beschränkt er den wichtigsten Arbeitsbereich des Anästhesisten und seiner Pflegekraft. Die Anwesenheit von Laien im Operationssaal wirft noch mehr Fragen auf: Wem fällt die Verantwortlichkeit zu, wenn der (Ehe-)Partner im Operationssaal kollabiert? Der Gynäkologe steht steril am Tisch, der Anästhesist, der möglicherweise gerade eine schwierige Situation zu beherrschen hat, wird hier seine Zuwendung von der Patientin abwenden und den Angehörigen behandeln müssen. Kann er sich auf den Standpunkt zurückziehen, der Operateur habe doch den Laien in den Operationssaal gelassen, nun müsse er sich auch um ihn kümmern, wenn er kollabiert auf dem Rücken liegt und Erbrochenes aus seinem Munde quillt?
Jeder Arzt weiß doch, daß ein Laie weder sich noch die Situation im Operationssaal wirklich abschätzen kann. Wer trägt die Verantwortung, wenn schließlich der Besucher im Streß aus der Rolle fällt, wer bugsiert ihn aus dem OP, wenn er sich beim Eintreten einer Notfallsituation weigert, den Saal, seine Frau oder sein Kind zu verlassen? Darf nur der Ehemann mit in den OP oder auch ein Lebensgefährte, vielleicht auch ein Lebenspartner, der möglicherweise nicht einmal der Vater des Kindes ist? Dieser Fragenkatalog könnte beliebig fortgeführt werden. Naiv wäre es, sich diese Fragen nicht schon jetzt genau durch den Kopf gehen zu lassen, und erst recht wäre es töricht zu glauben, es werde schon nichts passieren und auch keine Auseinandersetzungen geben.
Es gibt respektable menschliche Erwägungen, Angehörige den Patienten in der Klinik auch zu diagnostischen und operativen Maßnahmen begleiten zu lassen. Es gibt eindeutig medizinische Gründe, dies nicht zuzulassen. Die Standesorganisationen (Ärztekammern, Berufsverbände usw.) sind gefordert, entweder die Berufsordnung zu ändern oder auf eine strikte Einhaltung der bestehenden Berufsordnung zu achten. Nur eine ausführliche Diskussion dieser Problematik innerhalb der gesamten deutschen Ärzteschaft kann zu einer Problemlösung führen.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Dietrich Paravicini
Anästhesiologische Klinik
Städtisches Krankenhaus Gütersloh Reckenberger Straße 19
33332 Gütersloh
Dr. med. Friedrich Walter
Abteilung für Anästhesie und operative Intensivmedizin
St. Elisabeth-Hospital GmbH
Große Straße 41, 49477 Ibbenbüren

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