ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2001Nicht auf Dr. Jolowicz gewettet – eine sträfliche Unterlassungssünde!

VARIA: Schlusspunkt

Nicht auf Dr. Jolowicz gewettet – eine sträfliche Unterlassungssünde!

Dtsch Arztebl 2001; 98(17): [96]

Pfleger, Helmut

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LNSLNS Der französisch-amerikanische Schriftsteller Julien Green schreibt in seinen Tagebüchern, dass der Schachstil dem Charakter eines Menschen entspräche. Und wenn ein Bruder Sanftmut am Schachbrett zur raubenden, brandschatzenden und königstötenden Furie wird? Dann sind es eben die latent-kompensatorischen Anteile. Noch kein Sterblicher ist den tiefenpsychologischen Erklärungen entronnen (kaum wage ich es zu gestehen, dass ich selbst daran glaube).
Als ich die weltbeste Spielerin Judit Polgar, die ihr Metier aggressiver als Kasparow & Co. betreibt, darauf ansprach, war ihr Diktum eindeutig: „Unsinn! Der Charakter hat mit dem Schachstil gar nichts zu tun!“ Und schon springt die zierliche, kleine Person ihr Lieblingsopfer, den schwergewichtigen Großmeister Wladimir Jepischin, mit einem Opferhagel an, dass dessen König vor dem unvermeidlichen Exitus letalis Hören und Sehen vergeht.
Nun aber zu Dr. Matias Jolowicz, dem man, erlebte man ihn nicht am Schachbrett, auch nichts Böses zutraut. Wenn Sie wollen, eine geglückte Mischung aus Judit und Jepischin. In der Statur eher Letzterem verpflichtet, im Angriffsgeist am Schachbrett Ersterer. Erfolgverheißend.
Kein Wunder, dass der stellvertretende Chefredakteur des Deutschen Ärzteblattes jedes Jahr zehn Mark auf ihn wettet, dass ihm der Sprung unter die ersten zehn gelänge. Minimales Risiko, praktisch eine Bank. Ein Erfolgsduo. Doch diesmal vergaß Maus unverzeihlicherweise die Wette – und wie äußert sich Dr. Jolowicz dazu? „So konnte ich befreit aufspielen.“
Aber befreit oder nicht – Dr. Jolowicz greift an. Wie zum Beispiel gegen Dr. Emich, der aus Omsk in Sibirien (fünf bis sechs Monate Winter) nach Deutschland kam. „Bis –40 °C ist es unangenehm, bei –50 °C wird es unangenehm.“ In Bad Homburg waren die Temperaturen in jedem Fall im angenehmen Bereich, Dr. Emichs im Eck eingeklemmtem König wurde es nach Dr. Jolowiczs nächstem Zug als Weißem sogar richtig heiß. Wie kam’s? (Übrigens kam Dr. Jolowicz natürlich unter die ersten zehn.)

Lösung: Hier dachte Dr. Jolowicz vielleicht an den Ausspruch des leider kurz zuvor verstorbenen persischen Kollegen Dr. Abtahi: „Man muss immer gleich die Dame opfern, da darf man keine Hemmungen haben!“ So spielte er denn 1. Sg5!, wonach Dr. Emich die Waffen streckte, weil zum einen Matt auf h7 droht, zum anderen aber nach 1. ... Dxh6 sein König an 2. Sxf7 matt erstickt.
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