ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2001Diskussion über Sterbehilfe: Breite Ablehnung aktiver Euthanasie

POLITIK

Diskussion über Sterbehilfe: Breite Ablehnung aktiver Euthanasie

Dtsch Arztebl 2001; 98(18): A-1157 / B-985 / C-925

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Ärzte und Politiker weisen auf die Möglichkeiten der Palliativmedizin hin.

Selten erfährt die Gesetzgebung in einem Nachbarland eine derart breite Resonanz wie jetzt die Verabschiedung des niederländischen Euthanasiegesetzes („Überprüfung bei Lebensbeendigung auf Verlangen und bei der Hilfe bei der Selbsttötung“). Gleichzeitig wurde auch die dazu notwendige Änderung des Strafgesetzbuches und des „Gesetzes über das Leichen- und Bestattungswesen“ beschlossen. Die Tendenz der Stellungnahmen dazu ist deutlich: Das Gesetz stößt auf breite Ablehnung. „Die Entscheidung des niederländischen Parlaments, das Tötungsverbot in bestimmten Fällen aufzuheben und ärztlich gestützte Euthanasie zuzulassen, rührt an den Grundfesten einer humanen Gesellschaft. Die Folgen dieser Gesetzesänderung sind noch gar nicht abzusehen“, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe.
„Zutiefst unethisch“
Scharf protestierte der BÄK-Präsident auch gegen die neuesten Bestrebungen der niederländischen Ge­sund­heits­mi­nis­terin Els Borst, die in einem Interview gesagt hatte, sie persönlich habe keine Einwände gegen die freie Abgabe von Selbsttötungspillen an Hochbetagte, wenn diese wirklich für sich „mit dem Leben abgeschlossen“ hätten. Hoppe bezeichnete den Vorstoß der Ministerin als „zutiefst unethisch“.
Die modernen Methoden der Palliativmedizin spielten in Holland offensichtlich eine untergeordnete Rolle, so Hoppe. Es sei noch zu wenig bekannt, dass die Palliativmedizin in der Lage sei, Schmerzen und andere Symptome auf ein erträgliches Maß zu reduzieren und damit unnötiges Leid zu verhindern. „Deshalb ist nicht die so genannte aktive Sterbehilfe, also Euthanasie, sondern der rückhaltlose Schutz chronisch kranker und pflegebedürftiger Patienten sowie die adäquate menschliche und medizinische Begleitung Sterbender ärztliche Aufgabe und Verpflichtung“, betonte Hoppe.
Tatsächlich besteht offenbar in der Bevölkerung ein Wissensdefizit über die Möglichkeiten der Palliativmedizin. In einer von der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben in Auftrag gegebenen repräsentativen Forsa-Umfrage lehnte nur etwa jeder Dritte das niederländische Gesetz ab. Auch die an Brustkrebs erkrankte ehemalige Sozialministerin Brandenburgs, Regine Hildebrandt, bedauerte im „stern“, „dass wir in Deutschland keine Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe haben. Nur noch ausgeliefert sein, nur noch leiden, ohne zu wissen, zu welchem Ziel hin – das ist für mich ein Horrorszenario.“ Die Niederländer seien „uns da voraus“.
Doch mit einer Regelung nach holländischem Vorbild mache man es sich zu einfach, sagte der Palliativmediziner, Prof. Dr. med. Eberhard Klaschik, in der Frankfurter Rundschau: „80 Prozent der Patienten, die in Holland euthanasiert werden, sind Tumorpatienten. Ich behandele seit fast 20 Jahren Krebspatienten, die nicht heilbar sind. Viele Patienten, die zu uns kommen, sagen: So kann ich nicht mehr leben, so will ich nicht mehr leben, die Schmerzen sind zu groß, der Gestank ist zu groß, das soziale Elend ist zu groß. All diesen Patienten haben wir helfen können. Wir hatten keinen Einzigen, der, nachdem wir ihm ausreichend Schmerz reduziert haben, noch nach aktiver Sterbehilfe gefragt hätte.“
Die Präsidentin der Ärztekammer Bremen und Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Ursula Auerswald, forderte die Politik und Krankenkassen auf, die Palliativmedizin in Deutschland stärker zu fördern, zusätzliche Hospize einzurichten und Netzwerke zur besseren Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen zu schaffen.
Diese Auffassung wird von den beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland geteilt. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, hält es für „unbegreiflich, dass sich angesichts der heutigen medizinischen Möglichkeiten Ärzte in den Niederlanden zur Verfügung stellen, den vorzeitigen Tod kranker Menschen gezielt herbeizuführen, statt sie in dieser schwierigen Situation zu begleiten“. Die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe sei ein Dammbruch, der den Respekt vor dem menschlichen Leben relativiere. Die Landesbischöfin von Hannover, Margot Käßmann, betonte: „Für mich liegen Lebensbeginn und Lebensende in Gottes Hand, und kein Mensch hat das Recht, einem anderen das Leben zu nehmen.“
Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) wies darauf hin, dass Patienten bereits jetzt die Verfügungsmacht über die letzte Phase ihres Lebens haben: „Jeder kann selbst bestimmen, an lebensverlängernde und damit sterbensverlängernde Maschinen nicht angeschlossen zu werden.“ Aufgabe des Arztes sei es, die letzte Lebensphase so schmerzfrei wie möglich zu gestalten. „Und da geht heute sehr viel, auch unter Inkaufnahme, dass man das Leben verkürzt. Aber der Arzt darf nicht aktiv Leben beenden.“ Schon der Begriff aktive Sterbehilfe sei eine Verharmlosung, sagte Däubler-Gmelin in der Süddeutschen Zeitung. „Gerade wir Deutsche wissen aus unserer Geschichte, dass so etwas nicht Fortschritt zu mehr Menschlichkeit, sondern ein Rückschritt zu mehr Unmenschlichkeit wäre.“
„Der Missbrauch ist
vorprogrammiert“
Die Europaabgeordneten Hiltrud Breyer (Grüne) und Dr. med. Peter Liese (CDU) stimmen in einer gemeinsamen Erklärung der Bundesjustizministerin zu. „Wenn der Staat einmal zulässt, dass Ärzte ihren Patienten Tabletten oder Spritzen verabreichen, die als einziges Ziel haben, Patienten umzubringen, ist der Missbrauch vorprogrammiert. Wir befürchten, dass Euthanasie als Ausweg aus den finanziellen Problemen angesehen werden könnte, die mit der Überalterung zusammenhängen. Schon heute gibt es Kosten-Nutzen-Analysen bezüglich des Lebensrechtes von kranken, behinderten und alten Menschen. Unsere Sorge ist, dass das vermeintliche Recht, Tötung auf Verlangen in Anspruch nehmen zu können, zur Pflicht wird.“
Ganz anders beurteilt dies die Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben (DGHS), die auch in Deutschland eine gesetzliche Regelung von Sterbebe-gleitung und -hilfe anstrebt: „Meist kirchenorientierte Gruppen oder Personen sehen bereits die Tötungsmaschinerie mordgieriger NS-Schergen vor der Haustüre, wenn ein freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat wie die Niederlande genau das gesetzlich zu regeln versucht, was andere – nicht nur europäische – Staaten unter den Teppich kehren.“ Die Abgabe von Selbsttötungspillen an lebensmüde alte Menschen geht allerdings auch der DGHS wegen der „Missbrauchsgefahren“ zu weit. Gisela Klinkhammer
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