ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2001Mobbing im Krankenhaus: Stich ins Wespennest

THEMEN DER ZEIT

Mobbing im Krankenhaus: Stich ins Wespennest

Dtsch Arztebl 2001; 98(18): A-1170 / B-997 / C-934

Flintrop, Jens

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LNSLNS Viele Ärztinnen und Ärzte leiden unter einem schlechten Arbeitsklima.
Dies belegt die außergewöhnlich große Resonanz auf einen DÄ-Artikel.

Mit dem Titelaufsatz „Mobbing im Krankenhaus: Mit Bauchschmerzen zum Dienst“ (Heft 12/2001) hat das DÄ vielen Ärzten aus der Seele gesprochen. Dies belegen die zahlreichen positiven Kommentare: „Einer der hervorragendsten Artikel der letzten Zeit . . .“ und „Vielen Dank für Ihr starkes journalistisches Engagement in dieser wichtigen Angelegenheit“, schreibt zum Beispiel ein Arzt aus Bonn*. „Es wurde Zeit, dass diese Missstände einmal beim Namen genannt werden“, ergänzt ein Allgemeinarzt aus Kirchhain. „Es ist alles viel schlimmer!“ meint ein anderer Arzt. „Ich bin davon überzeugt, dass Tausenden von Krankenhausärzten vergleichbares Mobbing/Missbrauch widerfahren ist“, schreibt ein Bielefelder Internist. Ein Kollege begrüßt es, dass andere Medien die Problematik aufgegriffen haben: „Das einstige Stiefkind der Standespresse ist nicht mehr nur das Thema Nummer eins im konspirativen stillen Eckchen, sondern mehr und mehr zentrales Thema der öffentlichen Diskussion. Der Mobbingartikel im DÄ war hoffentlich nicht der letzte Vorstoß in diese Richtung.“
Auf eine relativ neue Art der Ausbeutung – „die mit großem Erfolg praktiziert wird“ – machen zwei Ärzte aufmerksam. So würden immer öfter motivierten Mitarbeitern – häufig auch schriftlich – Vertragsverlängerungen versprochen, verbunden mit der Forderung, „maximalen“ Einsatz zu erbringen, gemessen an Drittmitteleinwerbung, Publikationen und Übernahme vielfältiger Funktionen. Wenn diese dann erbracht wurden, werden die Mitarbeiter, die sich auf die Zusage verlassen, bis kurz vor Vertragsende hingehalten und erhalten die Entlassungspapiere dann direkt vor Feiertagen per Post zugestellt. „Der Mohr hat seine Pflicht getan, der Mohr kann gehen“, kommentiert ein Arzt. „Wenn mit den Ärzten in der Weiterbildung nur Einjahresverträge geschlossen werden, und diese jeweils nur um ein Jahr verlängert werden, obwohl der Chefarzt zur vollen Weiterbildungszeit lizenziert ist, entsteht eine Abhängigkeit, der der Assistenzarzt wie ein Leibeigener ausgesetzt ist“, meint ein anderer.
Ein Arzt aus Bonn berichtete von einer seiner Ansicht nach in vielen Krankenhäusern „gepflegten“ neuen Art von Mobbing, nämlich die Praxis, von den Stationsärzten durch Mehrarbeit kompensierte Mangelsituationen dauerhaft zu installieren und zum Normalzustand umzuwidmen. „Klassisches Beispiel, dessen unmittelbar betroffener Zeitzeuge ich mal wieder werden darf: Über etliche Monate wurde der Arbeitsausfall einer länger erkrankten Kollegin durch erhebliche Mehrbelastung ausgebügelt, um jetzt zu erfahren, dass diese Stelle völlig gestrichen werden soll.“ Das erhebliche zusätzliche Engagement der Kollegen werde hierdurch geradezu verhöhnt, zudem habe das Krankenhaus in den sechs Wochen immense Lohnkosten gespart.
Mehrere Ärzte gehen in ihren Leserbriefen der Frage nach, warum das Mobbing ausgerechnet unter den Ärzten so verbreitet zu sein scheint – „eigentlich müssten diese die negativen Folgen doch am besten abschätzen können“. Ein Wuppertaler Arzt schreibt: „Das Streben nach Macht und Position innerhalb einer Gruppe ist (sei diese beruflicher oder privater Natur) leider ein Teil der menschlichen Existenz. Mit diesem Wissen ausgestattet müsste man jedoch meinen, dass es zumindest Ärzten gelingen würde, im Umgang miteinander und im Sinne der Prävention geeignete Strukturen zu schaffen, um die zum Teil erheblichen menschlichen und finanziellen Schäden dieses Verhaltens abzuwenden.“ Doch genau das Gegenteil sei der Fall. Das Dasein im Krankenhaus sei geprägt von strenger Hierarchie, bei der Kontrollinstanzen oder Gewaltenteilung in der Regel fehlten.
Nicht alles ist Mobbing
Allerdings ist auch nicht „überall Mobbing drin, wo Mobbing draufsteht“ – ein Aspekt, der im Titelaufsatz von Heft 12 bewusst nur tangiert wurde. „Ich habe es mehr als einmal erlebt, dass Ärzte die zu keinerlei Kritik oder Selbstkritik fähig waren, jegliche Kritik als Mobbing abgetan haben“, schreibt beispielsweise der ärztliche Direktor eines Lehrkrankenhauses. Ein Arzt aus Dresden nennt drei Beispiele, in denen Mitarbeiter von Mobbing sprachen, er selbst dies aber anders sieht:
c „„Eine intrigante ältere Oberärztin verliert mit dem in Rente gehenden Chef den Rückhalt für ihre Bosheiten. Der neue Chef ist um Sachlichkeit und Fairness allen Kollegen gegenüber bemüht. Sie fühlt sich in ihren gewachsenen Rechten beschnitten, opponiert, wird gerügt und behauptet nun, sie würde gemobbt.“
c „„Ein junger Kollege ist langsam, kann Wichtiges nicht vom Unwichtigen unterscheiden und gewinnt nicht den richtigen Kontakt zu den Schwestern. Ein anderer, besser geeigneter Kollege wird ihm vorgezogen. Er sieht das als Mobbing.“
c „Eine Fachärztin kommt neu in die Klinik mit der Option, Oberärztin zu werden. Zum anvisierten Zeitpunkt wird sie es nicht. Unter anderem, weil ein Krankenschein erst nach Ende der Erkrankung eintrifft und zuvor auch keine telefonische Benachrichtigung erfolgte (das sei an ihrer vorherigen Arbeitsstelle nicht üblich gewesen). Außerdem gibt es mehrere fachliche Differenzen mit dem Chefarzt bis hin zu einer gravierenden Fehldiagnose. Die Verschiebung des Zeitpunktes der Oberarzt-Ernennung sieht sie – auch im Zusammenhang damit, dass sie mit den neuen Kollegen nicht richtig warm geworden ist – als Mobbing der Neuen gegenüber an.“
„Was kann man auf diese Behauptungen, gemobbt zu werden, entgegnen?“ fragt der Arzt – wohl zu Recht.
Auf Spurensuche, warum das Mobbing gerade in Krankenhäusern so verbreitet ist, geht der ärztlicher Direktor eines akademischen Lehrkrankenhauses. Dass ausgerechnet dort, wo hohe kommunikative Kompetenz zu fordern ist – im Krankenhaus –, erhebliche zwischenmenschliche Probleme an der Tagesordnung seien und ständiges Krisenmanagement gefordert sei, überrasche Kenner menschlichen Sozialverhaltens nicht. „Das Problem wird schon bei den rein technisch angesiedelten Eingangskriterien für das medizinische Studium platziert: Solange nicht in Rechnung gestellt wird, dass der Ehrgeiz, Medizin zu studieren und als Arzt in vorgesetzte Funktion zu gelangen, Ausdruck persönlichen Führungswillens und nicht unbedingt Zeichen geistiger Reife oder hoher Führungskompetenz sind, wird sich wenig ändern.“ Erst wenn soziale Kompetenz im gleichen Maße wie fachliches Renommee gefordert werde und dies auch als Messlatte für die Besetzung von Vorgesetztenfunktionen angelegt werde, sei eine gewisse Änderung möglich. „Mit Sicherheit ist eine Schulung in Kommunikation und Selbsterkenntnis vor Übernahme einer vorgesetzten Position unabdingbar. Schon im Studium müssten Tutorials die Probleme, Gesetzmäßigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten von zwischenmenschlichen Beziehungen aufzeigen“, fordert der ärztliche Direktor. „Mobbing ist Führungsschwäche des Chefs. Ein Chefarzt und Professor muss soziale Kompetenz haben. Aber hierfür gibt es ja keinen Titel!“ ergänzt ein Arzt.
Einen Schritt weiter geht ein Kollege, der die fachliche Kompetenz vieler Führungskräfte infrage stellt: „Neu ist, dass viele der in der letzten Zeit Berufenen das eigene Fach den Assistenten nicht lehren können, weil sie es fachlich nicht können – was selbst für Anfänger offensichtlich wird und die Glaubwürdigkeit sehr stark kompromittiert.“ Die Personalberatungsfirmen erklärten immer, dass vorauszusetzen sei, dass derjenige, der sich als Flieger bewerbe, auch fliegen könne. Das stimme für viele neu berufene Ordinarien und Chefärzte in den letzten Jahren ganz offensichtlich nicht mehr. Das derzeitige Berufungssystem hinterfrage die fachliche Qualifikation nicht ausreichend.
Supervision
Ein Koblenzer Sozialmediziner schlägt die Etablierung von „Mental-Health“-Mitarbeitern vor, die als unparteiliche Ansprechpartner an der Konfliktlösung arbeiten und auf Kosten des Arbeitgebers von professionellen Mental-Health-Beratern fallbezogen supervisioniert werden. Diese Praxis habe sich in der amerikanischen Armee bewährt und dürfte auch in deutschen Kliniken und Behörden im Interesse des Betroffenen und des Teams sein: „Bereitschaft zu einem psychiatrischen Ausbildungsprogramm mit Vermittlung von Beratungstechniken und Vertrauenswürdigkeit sind Voraussetzungen, wobei meines Erachtens nicht nur in konfessionellen Einrichtungen Theologen einbezogen werden sollten.“ Abzugrenzen seien im Einzelfall pathogene Strukturen beim Betroffenen gegen antisoziale Verhaltensstörungen einzelner oder mehrerer Mitarbeiter.
Ein anderer Arzt appelliert an seine Kollegen, sich solidarischer zu verhalten: „Verhinderung von Ausbeutung und Demotivierung wird nur ermöglicht durch Solidarität der Mitarbeiter untereinander, direkte Inpflichtnahme von Vorgesetzten und Klinikleitung sowie betriebsökonomisch klangvolle Begleitmusik.“ Die arbeitsrechtliche Beurteilung von über Jahre erfolgten, strukturimmanenten und durch nichts ausgeglichenen Überstunden dürfte seiner Auffassung nach sehr leicht fallen. „Man kann diesen Auswüchsen nur begegnen, indem man sie in den Medien und am Arbeitsplatz publik macht. Hierdurch kann ein Klima der political correctness geschaffen werden, sodass dem widersprechendes Verhalten sozial nicht mehr akzeptiert wird“, schreibt ein Bielefelder Arzt. Jens Flintrop
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