ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2001Ost-West-Vergleich: Fragwürdiger Therapievorschlag

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Ost-West-Vergleich: Fragwürdiger Therapievorschlag

Dtsch Arztebl 2001; 98(18): A-1179 / B-1014 / C-910

Razum, Oliver; Jahn, Albrecht

Zu dem Beitrag „Die ,Gesundheitsmauer‘ besteht weiter“ von Dr. rer. pol. Gerhard Brenner in Heft 10/2001:
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LNSLNS Gerhard Brenner weist auf die höhere Morbidität und Mortalität in Ostdeutschland zehn Jahre nach der Wiedervereinigung hin. Er stellt diesen Sachverhalt in einen direkten Zusammenhang mit dem im Vergleich zu Westdeutschland niedrigeren Ressourceneinsatz in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung. Seiner Ansicht nach ist „eine Erhöhung des Ressourceneinsatzes in ostdeutschen Praxen . . . dringend erforderlich, . . . um die im Osten bestehenden Morbiditätsunterschiede auszugleichen“.
Wir halten diese Argumentation für einseitig und wissenschaftlich nicht ausreichend abgesichert. Der Gesundheitsstatus und die Lebenserwartung einer Bevölkerung stehen in den Industrieländern keineswegs in einem direkten, linearen Zusammenhang mit der Arztdichte und den Ausgaben für die Krankenversorgung. Gesundheit wird nicht allein durch den Umfang der Gesundheitsleistungen determiniert.
Hingegen ist heute gut belegt und weitgehend anerkannt, dass Ungleichheiten in Gesundheitszustand und Mortalität eng mit Ungleichheiten in den Lebens-, Arbeits- und Wohnbedingungen sowie der Einkommensverteilung assoziiert sind. In den Jahren seit der Wiedervereinigung hat sich in den neuen Ländern sozioökonomische Ungleichheit in noch stärkerem Maße entwickelt als im Westen. Viele Sozialleistungen, die zu einer Chancengleichheit innerhalb der DDR-Gesellschaft beitrugen, sind nach der Wende weggefallen: garantierte Arbeitsplätze, ganztägige Kinderbetreuung, besonderer Schutz unverheirateter Mütter usw. Eine Gesellschaft mit insgesamt niedrigen, aber in weiten Bereichen annähernd gleich verteilten Einkommen ging auf in einer Gesellschaft mit höheren, aber deutlich ungleich verteilten Einkommen. Allein aufgrund der höheren Prävalenz sozioökonomischer Risikofaktoren wie Arbeitslosigkeit steht in den neuen Bundesländern ein anderes Morbiditäts- und Mortalitätsprofil als im Westen zu erwarten.
Das Mortalitätsrisiko aufgrund sozioökonomischer Ungleichheit hat sich – im Gegensatz zum Risiko aufgrund von Unterschieden in der medizinischen Versorgung – im Osten nach der Wiedervereinigung eher ungünstig entwickelt, wie wir exemplarisch am Beispiel der Müttersterblichkeit zeigen konnten. In Westdeutschland haben unverheiratete Frauen im Vergleich zu verheirateten Frauen ein deutlich geringeres durchschnittliches Einkommen und ein fast doppelt so hohes Risiko eines mütterlichen Todesfalles – trotz der guten medizinischen Versorgung. Ein solcher Gradient zwischen unverheirateten und verheirateten Frauen bestand in der DDR nicht. Er entwickelte sich aber innerhalb von kurzer Zeit nach der Wende. Unverheiratete Frauen in den neuen Ländern haben nun ebenfalls ein mehr als doppelt so hohes mütterliches Risiko wie verheiratete, bei insgesamt sinkender Müttersterblichkeit und verbesserter medizinischer Versorgung. Offenkundig profitieren verschiedene Teile der ostdeutschen Bevölkerung in ganz unterschiedlichem Maße von Verbesserungen der Gesundheitsversorgung. In Westdeutschland bestehen ähnliche Ungleichheiten seit langem. Daher liegt nahe, dass die beschriebene Entwicklung in den neuen Ländern nicht in erster Linie Resultat eines zu geringen Ressourceneinsatzes ist, sondern Folge der sich wandelnden sozialen Rahmenbedingungen. Bei den Unterschieden im Gesundheitszustand zwischen Ost- und Westdeutschland handelt es sich also keineswegs nur um „Altlasten“, wie die Titelseite des DÄ Glauben macht. Zusätzlich sind neue Lasten entstanden, die mit gesellschaftlichen Entwicklungen in den neuen Ländern zusammenhängen. Mit der vom Autor geforderten Angleichung der vertragsärztlichen Honorare würde vielleicht die Arbeit der niedergelassenen Kollegen in den neuen Ländern gerechter honoriert. Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass sich auf diese Weise die gesundheitliche Ungleichheit beheben ließe. Hierzu wäre vielmehr erforderlich, die sozioökonomische Ungleichheit zwischen Ost- und Westdeutschland zu reduzieren oder zumindest deren Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung durch geeignete soziale Maßnahmen abzumildern.

Literatur bei den Verfassern

Dr. med. Oliver Razum, Dr. med. habil. Albrecht Jahn, Abteilung für Tropenhygiene und öffentliches Gesundheitswesen, Universitätsklinikum Heidelberg, Im Neuenheimer Feld 324, 69120 Heidelberg
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