ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2001DAS HYPOGÄUM: Verehrung der Muttergöttin

VARIA: Feuilleton

DAS HYPOGÄUM: Verehrung der Muttergöttin

Dtsch Arztebl 2001; 98(18): A-1203 / B-1025 / C-961

Scheiper, Renate V.

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LNSLNS Auf Malta wurde die 5 500 Jahre alte Kult- und Bestattungshöhle entdeckt.

Eine der Grabbeigaben, die Schlafende Göttin, ist im Archäologischen Museum von Valetta zu sehen.

Über einem Hauseingang im Ortsteil Hal Saflieni von Paola steht in großen Buchstaben „Hypogeum“. Sie schreiben es als Relikt der britischen Kolonialzeit mit „e“. Mystisches Halbdunkel umgibt einen, wenn sich die Glastür hinter den Besuchern schließt. Man befindet sich in einem museumsartigen Vorraum mit erklärenden Tafeln und Stellwänden. Kleine Statuetten üppiger Muttergottheiten stehen in einer Vitrine. Der Reiseführer erzählt, wie mühsam die achtjährigen Arbeiten waren, in denen das berühmte, bis 14 Meter unter die Erde reichende Hypogäum umgebaut und mit einer komplizierten Klimaanlage versehen wurde. Touristen können die seit 1992 gesperrte Sehenswürdigkeit wieder besichtigen.
Allerdings dürfen jetzt jeweils nur zehn Besucher im Stundentakt hinein. Zunächst wird ein Videofilm über die Arbeiten gezeigt. Es wird berichtet, dass vor hundert Jahren beim Bau der heute in dieser Straße stehenden Häuser durch Zufall diese 5 500 Jahre alte Kult- und Bestattungshöhle entdeckt wurde. Drei Jahre später begann der Malteser Zammit mit der Erforschung dieses in der Megalithkultur einmaligen Labyrinths.
Dann öffnet sich wie von Geisterhand eine zweite Glastür, und der Besucher darf ins Dunkel der Erde hinabsteigen. Effektvoll wird nur der Teil der riesigen, verwirrenden Bestattungs- und Kulthöhle angestrahlt, in dem sich die Besucher befinden. Vor fünfeinhalbtausend Jahren wurden in mehreren ineinander übergehenden Räumen über drei Etagen etwa tausend Jahre lang circa 7 000 Verstorbene in sorgfältig aus dem Fels gearbeiteten Einzelgräbern und massenhaft in großen Gruben beigesetzt.
In mit farbigen Spiralen ausgemalten Kulträumen und kunstvoll gehauenen Nischen fanden Archäologen außer anderen Beigaben viele dieser kleinen, meist üppigen weiblichen Idole. Das Berühmteste und Schönste, obwohl verblüffend Kleine, ist im ebenfalls neu gestalteten Archäologischen Museum in Valetta zu sehen: Auf einer Liege schläft friedlich mit quellenden Oberarmen, Brüsten und Becken offenbar eine Gottheit oder Priesterin im Schoß der Erde, nach ihrem Fundort zu urteilen.
Das immer wiederkehrende Spiralmotiv wiederholt sich als Flachrelief in allen Tempelanlagen wie in der gleichen Anlage von Tarxien. Dort und im Ggantija-Tempel fand man in einer Art Exedra auf Podesten jeweils überlebensgroße Frauenskulpturen, die heute ebenfalls im Archäologischen Museum stehen.
Von einem Journalisten wurde kolportiert, bei den Beigesetzten handele es sich, bis auf eine Ausnahme, ausschließlich um weibliche Skelette. Der Archäologe Mark Anthony Mifsud klärt im Museum schmunzelnd über das zur Sensation aufgebauschte Missverständnis auf, das im Reiseführer Eingang fand: Es sei neben den in Ossuarien und Beingruben völlig durcheinander liegenden Gebeinen das deutlich erkennbare Einzelgrab eines Mannes mit Beigaben aufgefallen. Die Geschlechter und auch Kinder waren neben- und über-
einander gebettet.
Da sowohl die großen Tempelanlagen auf Malta und Gozo wie auch das Hypogäum aus einer schriftlosen Zeit stammen, bleiben viele der Interpretationen Spekulation. Klar ist aufgrund der gefundenen üppigen Frauenfiguren jeder Größe, dass auf Malta und Gozo vor Jahrtausenden die Magna Mater, die große Muttergottheit, verehrt wurde und Priesterinnen den Kult vollzogen. Renate V. Scheiper

Informationen: Nach der Ankunft auf Malta sollte man sich im Hypogäum um Eintrittskarten bemühen. Telefon: 0 03 56/82 55 79. Eintritt: 3 £m (Maltesische Pfund). Geöffnet ganzjährig alle Tage. Führungen stündlich zwischen 9 und 16 Uhr. Fremdenver-
kehrsamt Malta, Schillerstraße 30–40, 60313 Frankfurt, Telefon: 0 69/
28 58 90, Fax: 28 54 79.
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