ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2001Brasiliens Aids-Politik: Auf Konfrontationskurs

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Brasiliens Aids-Politik: Auf Konfrontationskurs

Dtsch Arztebl 2001; 98(18): A-1166 / B-995 / C-932

Radowitz, Bernd

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LNSLNS Mit radikalen Maßnahmen hat Brasilien die Sterberate bei den Aids-Kranken gesenkt.
Das Land hat damit jedoch die Pharmaindustrie und die USA gegen sich aufgebracht.

Bei Ärzten und internationalen Hilfsorganisationen gilt Brasiliens Aids-Programm als vorbildlich für Entwicklungsländer. Es hat das Land aber auf Konfrontationskurs mit der Pharmaindustrie und der US-Regierung gebracht. Im Brennpunkt des Streits steht Brasiliens Praxis, patentgeschützte HIV/Aids-Medikamente der multinationalen Konzerne in Regierungslabors zu „klonen“ und unentgeltlich an die Betroffenen zu verteilen. Dieses Vorgehen hat dem Ge­sund­heits­mi­nis­terium zufolge dazu beigetragen, dass sich die Zahl der Aids-Toten seit 1997 halbiert hat.
„Ich wäre schon tot ohne die kostenfreien Arzneien. Ich habe kein Geld für solche Medikamente“, sagt die 39-jährige Sonia Maria Fonseca da Silva, die erst erfuhr, dass sie HIV-positiv ist, als ihr Ehemann vor acht Jahren an Aids starb. Sonia, die mit ihrer Tochter am Stadtrand von Rio de Janeiro lebt, hatte 1997 Aids in einem fortgeschrittenen Stadium und musste mehrmals wegen Tuberkulose und Toxoplasmose des Zentralnervensystems behandelt werden, sagt José Henrique da Silva Pilotto, Chefarzt im Aids-Krankenhaus in Nova Iguaçu und Leiter der HIV-Forschung in Rios renommiertem Oswaldo Cruz Institut, in dem Sonia betreut wird. Heute führt sie ein normales Leben, nachdem eine Kombinationstherapie die Viruslast in ihrem Blut heruntergedrückt hat und ihr Immunsystem sich langsam erholt.
„Menschen wie Sonia sind der beste Beweis dafür, dass das Programm der Regierung funktioniert“, sagt Pilotto. „Ohne die kostenfreien Arzneien und weitreichende Aufklärungskampagnen hätten wir bereits eine Situation wie in Afrika.“ Brasiliens HIV-Infektionsrate von 0,57 Prozent liegt inzwischen niedriger als die der USA mit 0,61 Prozent, aber höher als in Deutschland mit einer Rate von 0,1 Prozent. Die Regierung schätzt, dass 537 000 der 170 Millionen Brasilianer HIV-positiv sind. Das sind weit weniger als die 1,2 Millionen, die die Weltbank noch vor sieben Jahren für das Jahr 2000 prognostiziert hatte. Ende der Achtzigerjahre wurde die Situation in Brasilien noch mit der Afrikas verglichen, wo die Epidemie heute pandemische Ausmaße annimmt. So ist in Südafrika bereits jeder fünfte Erwachsene HIV-infiziert. Da die erfolgreiche Eindämmung der Seuche, neben aggressiven Präventionsmaßnahmen von Regierung und Aids-Hilfegruppen, vor allem der kostenlosen Verteilung von Nachahmerpräparaten zu verdanken ist, werfen internationale Pharmakonzerne Brasilien eine Verletzung von Patentrechten vor. Die US-amerikanische Firma Merck & Co. gab zwar Forderungen Brasiliens nach Preissenkungen für Aids-Medikamente nach, drohte aber mit einer Klage gegen das Regierungslabor Far-Manguinhos in Rio, das Aids-Generika produziert. Ende März kündigte Merck & Co. an, den Preis für den Wirkstoff Efavirenz um 59 Prozent zu senken. Die Arzneikäufe der brasilianischen Regierung werden damit um 40 Millionen US-Dollar billiger.
Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium feierte das Angebot der Firma als „Sieg für das Land“ und kündigte an, es werde vorübergehend davon absehen, eine Zwangslizenz für die generische Herstellung des Präparats zu erteilen, aber weiterhin Tests erlauben, die bis Juli zu einem Generikum führen könnten. Merck & Co. hatte zuvor beim Far-Manguinhos-Labor bemängelt, der Ankauf von Efavirenz in Indien stehe nicht im Einklang mit Brasiliens Patentgesetzen. „Für uns sind Patente absolut notwendig“, warnte José Tadeu Alves, Präsident der Konzerntochter in Brasilien. „Die Nichtachtung von Patenten hindert innovative Firmen daran, in die Forschung zu investieren, und hält damit Patienten neue Arzneimittel vor.“
Dennoch setzt Brasilien seinen Kurs fort. Aus dem Ge­sund­heits­mi­nis­terium verlautete, man lasse die Tests für eine Kopie des Protease-Hemmers Nelfinavir von Roche weiterlaufen, wenn die Firma ihre Preise nicht senke. Das Arzneimittel verschlingt derzeit 85 Millionen US-Dollar jährlich, mehr als ein Viertel der Gelder, die Brasilien für HIV/Aids-Medikamente zur Verfügung stehen.
Die Gegenreaktion bleibt nicht aus. Nach Klagen der Pharmaindustrie lässt die US-Regierung inzwischen durch die Welthandelsorganisation (WTO) prüfen, ob Teile des brasilianischen Patentrechts internationale Handelsabkommen verletzten. Brasilien hatte zuvor angekündigt, es könne noch in diesem Jahr das Know-how für die Herstellung und Verteilung von HIV/Aids-Generika an Drittländer weitergeben. Bisher hat Brasilien nur „ähnliche“ Arzneimittel an Patienten verteilt. Das sind Kopien des Original-Präparats, die aber noch keine Bioäquivalenz-Tests bestanden haben, um als echte Generika zu gelten. Der Unterschied ist wichtig, da nur Letztere exportiert werden dürfen.
Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium verteidigt sein Vorgehen mit dem Argument, die Arzneimittel, die heute verteilt werden, seien patentiert worden, bevor 1997 Brasiliens Patentgesetz in Kraft trat. Für später patentierte Medikamente könne das Land aber Zwangslizenzen erteilen, weil es sich auf einen „nationalen Notstand“ oder den „wirtschaftlichen Missbrauch von Patentrechten“ berufen könne. Die USA teilen diese Ansicht nicht. Sie werfen Brasilien vor, das internationale „Tripps-Agreement“ zum Schutz geistigen Eigentums zu verletzen.
Dennoch geht die Rechnung der brasilianischen Regierung auf. So wurden infolge ihrer HIV/Aids-Politik seit 1997 allein durch niedrigere Krankenhauskosten 677 Millionen Dollar eingespart und weitere 490 Millionen Dollar durch billigere Medikamente. Die anti-retrovirale Kombinationstherapie kostet Brasilien jährlich 4 700 Dollar je Patient, während sie in den USA 12 000 Dollar verschlingt. Einzig durch die Herstellung von Generika könne ein Entwicklungsland die Seuche bekämpfen, so die Regierung.
Der Konflikt mit der Pharmaindustrie könnte sich verschärfen, wenn Brasilien tatsächlich, wie von Ge­sund­heits­mi­nis­ter José Serra angekündigt, Generika an andere Entwicklungsländer liefert. Die WTO wird über den Prüfungsantrag der USA allerdings nicht vor September entscheiden, meint Brasiliens Außenministerium. „Wir sind bereit, den Streit in Verhandlungen zu lösen“, ließ die US-Botschaft in Brasilia verlauten. „Bis dahin führen wir den Fall allerdings fort.“ Sollten die USA sich durchsetzen, könnte Brasilien Berufung einlegen. Ohnehin dürfte es schwierig sein, den Wert des eher theoretischen Schadens für die Pharmafirmen in den USA zu beziffern, um Schadenersatzansprüche zu stellen, so das brasilianische Außenministerium.
UN-Generalsekretär Kofi Annan bescheinigt Brasiliens Präventionsmaßnahmen Erfolg. „Lebensrettende Behandlungsmethoden und die Resultate wissenschaftlicher Errungenschaften in Prävention und Behandlung müssen auf erschwinglicher Basis weitgehend erhältlich sein“, formuliert Annan in „UN-Chinesisch“. Zu Deutsch: Maßnahmen wie die Brasiliens sind beispielhaft.
Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen unterstützen Brasiliens Regierungsprogramm offen. „Es zeigt, dass die antiretrovirale Therapie nicht nur eine mögliche, sondern eine wirtschaftliche Lösung ist, sogar in ärmeren Ländern“, erklärte Dirk Bogaert, der die Organisation in Brasilien koordiniert. „Wir verhandeln mit der Regierung über die Möglichkeit, brasilianische Medikamente in Pilotprojekten in Ländern wie Südafrika einzusetzen.“
Während sich der Konflikt zwischen Pharmaindustrie und Entwicklungsländern zuspitzt, führen die WTO und die Welt­gesund­heits­organi­sation Gespräche mit Vertretern von Pharmakonzernen, Regierungen und Hilfsorganisationen über Wege, die Arzneimittelpreise in Entwicklungsländern zu senken.
Südafrikanische Anti-Aids-Initiativen unterstützen den brasilianischen Kurs in der Hoffnung, Pläne für einen Technologie-Transfer in afrikanische Länder zu beschleunigen. „Wir drängen Brasilien, sich dem Druck der USA nicht zu beugen“, sagte Mark Heywood von der Treatment Action Campaign in Südafrika.
„Für die Pharmafirmen ist es besser, die Preise zu senken und weiterhin Einnahmen zu haben, als dass ihre Produkte zwangslizenziert werden“, sagt William Amaral (35) aus Rio. „Aber wo immer es keine Preissenkung gibt, sollte die Regierung eine Zwangslizenz durchsetzen. Die Produktion von Generika rettet Leben. Und was ist wichtiger, Menschenleben oder der Profit von Aktionären?“ William weiß um den Wert des Lebens. Als er 1992 HIV-positiv getestet wurde, gab ihm sein Arzt noch zwei Jahre zu leben. Als er sich einige Jahre später ständig abgeschlagen fühlte und häufig Fieberanfälle hatte, dachte er, er würde bald sterben, so wie viele seiner Freunde, für die die neuen Medikamente zu spät kamen. Die Hoffnung kehrte zurück, als er 1996 mit der Kombinationstherapie anfing. „Ich habe jetzt eine Zukunftsperspektive“, sagt William. Bernd Radowitz
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