ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 2/2001Medizin online am Universitätsklinikum Tübingen: Multimediale Lehr- und Lernsysteme

Supplement: Praxis Computer

Medizin online am Universitätsklinikum Tübingen: Multimediale Lehr- und Lernsysteme

Dtsch Arztebl 2001; 98(18): [12]

Uesbeck, Mechthild; Kortmann, Barbara; Skalej, Martin; Drews, Ulrich

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LNSLNS Zur Unterstützung der medizinischen Aus- und Weiterbildung wird am Universitätsklinikum Tübingen seit mehreren Jahren an Verfahren zur computerbasierten Lehre gearbeitet, die das bisherige medizinische Curriculum in sinnvoller Weise unterstützen und ergänzen.
Die Situation im Studiengang Humanmedizin ist gekennzeichnet durch Überbelegung, überfüllte Hörsäle und fehlende Ausbildungskapazitäten. Hinzu kommen nicht mehr zeitgemäße Ausbildungsmodelle mit unzureichenden Zugangsmöglichkeiten zu aktuellen Untersuchungsmethoden und Therapieformen – bei kontinuierlicher Weiterentwicklung in diesen Bereichen. Zugleich befinden sich die Universitäten in einem verschärften Wettbewerb um Lehre und Ausbildung des wissenschaftlichen medizinischen Nachwuchses. All dies macht ein Umdenken an den Universitäten erforderlich.
Auch die bereits berufstätigen Ärzte verlangen nach Fort- und Weiterbildungsangeboten, die orts- und zeitunabhängig zu nutzen sind und qualitätsbezogenen Ansprüchen gerecht werden. Die zunehmende Spezialisierung in vielen Fachdisziplinen ohne ausreichend geeignete Kommunikationsstrukturen zwischen räumlich getrennten Klinken gestaltet den wissenschaftlichen Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Ärzten verschiedener Kliniken zudem zeitaufwendig und uneffizient.
Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe der Universitätsklinik Tübingen mit den Möglichkeiten multimedialer Techniken, die dazu beitragen sollen, die medizinische Aus- und Weiterbildung zu verbessern und zu reformieren.
Online-Projekte
Im Rahmen verschiedener Drittmittelprojekte wurden seit 1996 an der Universitätsklinik Tübingen komplexe Softwarelösungen für das Internet entwickelt, die herkömmliche Lehrmethoden, wie Vorlesungen, Übungen und Praktika, in sinnvoller Weise ergänzen sollen. Durch eine solche Synergie wird ein deutlicher Mehrgewinn in Studium und Weiterbildung erwartet, der durch Schlagworte wie Motivationsförderung, selbstgesteuertes, zeit- und ortsunabhängiges Lernen, beschleunigter Wissenstransfer und Kostenreduktion durch optimale Nutzung von Lehrressourcen charakterisiert ist.
Im Folgenden werden einige dieser Online-Systeme, die schwerpunktmäßig in der Abteilung für Neuroradiologie beziehungsweise dem Anatomischen Institut der Universität Tübingen entstanden sind, vorgestellt.
M NeuroAssistant
1996 entstand im Rahmen des Landesforschungsschwerpunktes „Flexibles Referenzgehirn“ eine WWW-basierte medizinische Datenbank, in der – in Form von Text-, Bild- und Videomaterial – Grundlagenwissen aus den Gebieten Neurologie, Neuroanatomie und Neuropathologie abgelegt ist. Darüber hinaus sind Richtlinien für die interventionelle Therapie sowie anonymisierte Patientendaten enthalten (1). Die Datenbank richtet sich an Mediziner, Medizinstudenten, Patienten und andere Interessierte. Diese können nach Angabe von Login und Passwort – entsprechend ihrer jeweiligen Berechtigung – auf verschiedene Bereiche des Online-Systems zugreifen. Die technische Basis bildet das objektorientierte Datenbanksystem ObjectStore (Excelon Corp./ODI; USA), das eine effiziente und konsistente Datenstrukturierung und die problemlose Erweiterbarkeit der Datenmenge sicherstellt.
Die Erstellung, Bearbeitung und Integration multimedialer Wissensinhalte erfolgt durch medizinische Experten, die als Autoren im System registriert sind. Die Benutzeroberfläche
für die Lernenden basiert auf HTML und JavaScript; Java wird zur Realisierung eines interaktiv benutzbaren Referenzgehirns eingesetzt. Abbildung 1 zeigt ein Beispiel der Benutzerschnittstelle.
M NeuroAssistant Basics
Der NeuroAssistant Basics wurde am Anatomischen Institut der Universität Tübingen als Ergänzung zum NeuroAssistant implementiert und bietet multimediale Inhalte speziell zu den Grundlagen der Neuroanatomie (2). Dazu wurden unter Einsatz von Java geeignete Texte und Grafiken in übersichtlicher Form kategorisiert, die dem Benutzer über ein Auswahlmenü zur Verfügung stehen. Abbildung 2 zeigt ein Beispiel aus dem Online-System.
M HistoTutor/HistoWeb
HistoWeb ist die ausschließlich webbasierte Version des im Verlag Carl Grossmann, Tübingen, erschienenen „HistoTutor“ (siehe PC Heft 1/2001), der am Anatomischen Insitut der Universität Tübingen entwickelt wurde. Der HistoTutor ist im Studentenpool des Anatomischen Instituts an jedem Arbeitsplatzrechner installiert und kann vor Ort von den Teilnehmern des histologischen Kurses zur Vor- und Nachbereitung einzelner Kurstage, aber auch von zu Hause, beispielsweise über Modem, genutzt werden. Abbildung 3 zeigt als Beispiel eine Inhaltsseite aus dem Programm. Das anschauliche Bildmaterial soll die Studierenden auf die im vorklinischen Studium stattfindenden Kurstage und Testate der mikroskopischen Anatomie vorbereiten.
M MakroTutor/MakroWeb
Der MakroTutor/MakroWeb des Anatomischen Instituts ist eine Lernsoftware zur Vorbereitung auf den makroskopisch anatomischen Kurs (4). Im neu erbauten Lehrgebäude der Anatomie wurde zu diesem Zweck jeder Präparationsarbeitsplatz mit einem multimediafähigen Rechner ausgestattet, der es den Studenten ermöglicht, die Lernsoftware direkt während des Präparierens als Orientierungshilfe und zur Rekapitulation der makroskopischen Anatomie einzusetzen. MakroWeb ist die webbasierte und somit stets über das Internet zugängliche Variante des MakroTutor. Hauptbestandteil des Lernprogramms ist eine Sammlung digitalisierter Bilder von makroskopischen Präparaten unterschiedlicher Präparationsstadien. Zu diesen können die Studierenden interaktiv Bezeichnungen, Beschreibungen und Bildmaterial unterschiedlicher Auflösungen abrufen (vgl. Abbildungen 4 und 5).
M MURMEL – Multimediales Ausbildungssystem für die Medizinische Lehre
In Kooperation mit internen und externen Partnern der Universität wurde auf Basis des NeuroAssistant das WWW-basierte System „MURMEL – Multimediales Ausbildungssystem für die medizinische Lehre“ entwickelt, das unter Einsatz neuester Web- und Datenbanktechnologien demonstrieren soll, wie webbasiertes Lernen sinnvoll in die universitäre Lehre und ärztliche Weiterbildung integriert werden kann (5). Das System eignet sich zum Selbststudium, als Ergänzung und Vertiefung „herkömmlicher“ Lehrveranstaltungen und zur Bearbeitung praxisrelevanter medizinischer Fallbeispiele, in denen reale Krankheitsbilder vorgestellt werden – von erhobenen Anamnesedaten, über Untersuchungsmethoden zur Befunderstellung bis zur abschließenden Therapiemöglichkeit. Für die Autoren von MURMEL wurde eine komplexe Java-Applikation entwickelt, die eine komfortable Integration neuer Inhalte in das System gewährleistet.
Die Benutzeroberfläche bietet Zugriff auf systematisches Wissen, das durch eine Baumstruktur repräsentiert wird, und auf problemorientiertes Wissen in Form von Fallbeispielen, virtuellen Patienten und Quizmodulen. Dadurch werden unterschiedliche Lernstrategien unterstützt, die ein individuelles, selbstgesteuertes Lernen ermöglichen. Die Texte werden durch Animationen, Bildmaterial, Videos, Java Applets und Schemazeichnungen ergänzt.
Der spezielle Bereich „MyMurmel“ bietet einen „persönlichen Schreibtisch“ zur individuellen Anpassung des Systems an den Nutzer. So können beispielsweise zu sämtlichen Wissensinhalten Notizen erstellt und bearbeitet werden. Die Lernenden können Inhalte als „Bookmarks“ ablegen, sich bereits bearbeitete Inhalte auflisten lassen oder Inhalte „beobachten“, indem bei Änderung/Update eines Themengebietes automatisch eine Systemnachricht an ihren persönlichen Schreibtisch gesendet wird. Abbildungen 6 und 7 zeigen Beispiele der Oberfläche.
Ausblick – Prometheus
Auf Basis der beschriebenen und weiterer Vorarbeiten hat das beim Bundesministerium für Bildung und Forschung zur Begutachtung eingereichte Projekt „Prometheus“ das Ziel, vorhandene Inhalte und Methoden in eine einheitliche Lernplattform zu integrieren und Planungs-, Kontroll- und Migrationsstrukturen zu schaffen, die der Qualitätssicherung und der permanenten Evaluation der Lernenden, der Lehrenden und der gesamten Plattform dienen. Hierzu haben sich unter Leitung der Medizinischen Fakultät der Universität Tübingen länderübergreifend Mitglieder überwiegend Medizinischer Fakultäten zu einer Projektgruppe zusammengeschlossen. Mechthild Uesbeck*,
Barbara Kortmann*,
Martin Skalej*,
Ulrich Drews**
*Abteilung für Neuroradiologie, Radiologische Klinik, Universität Tübingen
**Anatomisches Institut, Universität Tübingen
Anschrift für die Verfasser:
Dr. rer. nat. Dipl.-Inf. Mechthild Uesbeck, Abteilung für Neuroradiologie, Universitätsklinikum Tübingen, 72076 Tübingen, E-Mail:
mduesbec@med.uni-tuebingen.de


Links und Literatur
1 www.medizin.uni-tuebingen.de/nrad/neuroassistant
2 www.anatomie.uni-tuebingen.de/neuroassistant_autodetect.htm
3 www.anatomie.uni-tuebingen.de/project/projII/HistoWeb/HistoWeb_nsp.htm
4 www.anatomie.uni-tuebingen.de/project/projII/MakroWeb/makro.html
5 www.murmel.uni-tuebingen.de
6 www.wissenschaftsrat.de. Deutscher Wissenschaftsrat: Leitlinien zur Reform des Medizinstudiums. Köln, 1992.
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