ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2001Glosse: Im Land des Lächelns

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Glosse: Im Land des Lächelns

Dtsch Arztebl 2001; 98(19): A-1213 / B-1037 / C-969

Rieser, Sabine

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LNSLNS Es waren schöne Jahre, als Horst Seehofer Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter war. Seine Vorhaben dümpelten vor sich hin, scheiterten oder glückten, und die Presse schrieb darüber. Der Minister trug derweil unauffällige Anzüge oder Kombinationen. Er lächelte oder ließ es. Lediglich ein Mecki-Haarschnitt, den ihm seine Gattin verpasst hatte, beschäftigte einmal in ereignisarmer Sommerzeit die Medien.
Dann kamen die Frauen: Andrea Fischer, Ulla Schmidt. Noch immer analysiert die Presse, ob ihre Vorhaben dümpeln, scheitern oder glücken, doch nur am Rande. Mehr noch treibt gerade Journalisten um, wie sich die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terinnen im Amt fühlen. Um dies zu ergründen, wird unablässig in ihren Gesichtszügen geforscht. Während Fischers Amtszeit begannen fast alle Porträts mit einer Zustandsbeschreibung ihrer Mundpartie: Sie lächele immer noch, sie lächele schon wieder, sie komme kaum mehr zum Lächeln.
Als Ulla Schmidt berufen wurde, keimte in mir Hoffnung: ein anderer Typ Frau. Ein anderes Vorgehen im politischen Geschäft. Ende der Lächel-Analysen? Aber nein. Auch Ulla Schmidt bewegt ihren Mund, und das wird ihr zum Verhängnis. „Lächeln mit den Lobbyisten“, lautete dieser Tage eine Überschrift. „Ihr Zuckerlächeln ist ihre schärfste Waffe“ war andernorts zu lesen. In einem Interview hieß es: „Ihnen wird nachgesagt, Sie würden Probleme einfach weglächeln.“
So geistreich werden Ministerinnen 2001 beurteilt. Schade, dass unsereins Lächel-Texte noch nicht weggrinsen kann. Bleibt nur eines: Geschlechterwechsel. Herr Seehofer, übernehmen Sie! Sabine Rieser
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