ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2001Fälschungsskandal: Weitere Sanktionen

AKTUELL: Akut

Fälschungsskandal: Weitere Sanktionen

Dtsch Arztebl 2001; 98(19): A-1217 / B-1041 / C-973

Koch, Klaus

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LNSLNS Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat Sanktionen gegen drei weitere deutsche Krebsforscher beschlossen. Prof. Roland Mertelsmann, Leiter der Abteilung Hämatologie und Onkologie an der Universitätsklinik Freiburg, wird „für drei Jahre von einer Tätigkeit als Gutachter und in Gremien der DFG sowie von der Antragstellung bei der DFG“ ausgeschlossen, entschied letzten Freitag der Hauptausschuss der Forschungsgemeinschaft. Für Dr. Wolfram Brugger und Prof. Lothar Kanz von der Universitätsklinik Tübingen verhängte die DFG einen zweijährigen Ausschluss von einer Tätigkeit als Gutachter und in den Gremien der DFG, rechnet aber den „tatsächlich wirksamen Ausschluss während der beiden vergangenen Jahre an“.

Wissenschaftliches Fehlverhalten“ lautet in allen drei Fällen die Begründung. Allerdings bewertet die DFG die Vergehen der drei nicht als gleich schwerwiegend. Mertelsmann sieht sich zwei Vorwürfen ausgesetzt. Zum einen hat unter seinen Augen die Fälschungsaffäre um Friedhelm Herrmann und Marion Brach ihren Anfang nehmen können. Herrmann ist unter Mertelsmann zu einem der Stars der Krebsforschung aufgestiegen, auf 58 von 94 gefälschten oder fälschungsverdächtigen Arbeiten steht auch Mertelsmanns Name. Die DFG wirft Mertelsmann zwar keinen Vorsatz oder Mitwisserschaft vor, stellt aber fest, dass er in der Zusammenarbeit mit Herrmann „seine Aufsichtspflicht vernachlässigt habe“.

Der zweite Vorwurf richtet sich gegen zwei Studien, die Brugger und Kanz zusammen mit ihrem damaligen Chef Mertelsmann 1994 und 1995 publiziert hatten. Überprüfungen der DFG und einer Freiburger Kommission kamen zu dem Ergebnis, „dass beide Veröffentlichungen schwerwiegende Mängel in der Sammlung, Dokumentation, Auswertung und Aufbereitung der Daten aufweisen“ – auch das wertet die DFG als Fehlverhalten, Fälschungsvorwürfe erhebt sie nicht. Während Mertelsmann bei der Betreuung dieser beiden Studien „seiner Verantwortung als Wissenschaftler in leitender Position nicht gerecht geworden sei“, sieht die DFG bei Kanz und Brugger „vor allem Unerfahrenheit und mangelnde Vorkehrungen zur Qualitätssicherung“ als Ursache. Sie hält Kanz und Brugger zugute, dass sie seitdem dazugelernt hätten und durch die Berichterstattung bereits genug gestraft seien. Zudem hätten sich Brugger und Kanz einsichtig gezeigt, Korrekturen beider Veröffentlichungen an die betroffenen Zeitschriften seien eingereicht. Mertelsmann ließ durch seine Anwälte eine Erklärung verbreiten, in der er die Vorwürfe „bedauert“. Er habe sich auf die Redlichkeit und Zuverlässigkeit der Erst-Autoren verlassen, aber heute „jede Vorsorge getroffen“, dass sich die Mängel nicht wiederholen könnten. Derzeit wird im baden-württembergischen Wissenschaftsministerium geprüft, ob gegen Mertelsmann ein Disziplinarverfahren eröffnet werden soll. Klaus Koch
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