ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2001Wachkoma-Patienten: Um Verbesserungen bemüht

POLITIK

Wachkoma-Patienten: Um Verbesserungen bemüht

Dtsch Arztebl 2001; 98(19): A-1225 / B-1045 / C-977

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Rund 5 000 Menschen in Deutschland liegen im Wachkoma.
In der Versorgung gibt es Defizite.

Das Wachkoma folgt in der Regel einer Schädel-Hirn-Verletzung oder einer Hirnblutung. Rund 6 500 Neuerkrankungen jährlich schätzt das Kuratorium ZNS für Unfallverletzte mit Schäden des Zentralen Nervensystems e.V. Die Zahl der Wachkoma-Patienten („Apallisches Syndrom“ oder „Apallisches Durchgangssyndrom“), deren Zustand sich während der Akutbehandlung oder Frührehabilitation nicht gebessert hat, liegt nach Schätzungen des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) bei rund 5 000.
Nach Ansicht von Angehörigen, Pflegenden und Behindertenverbänden ist für diese Menschen das Sozialstaatsgebot nicht erfüllt. Die Fraktion der PDS im Deutschen Bundestag forderte die Bundesregierung in einer kleinen Anfrage zu einer Stellungnahme auf. Für die hochgradig pflegebedürftigen Patienten seien nach der Akutbehandlung kaum geeignete Einrichtungen für die langfristige Versorgung vorhanden, wird beklagt. Auch fehlten bei der Rückkehr in die Familien ambulante Versorgungsmöglichkeiten. Mit dem Argument, dass weitere Therapieerfolge nicht zu erzielen seien, werden diese Patienten in die Pflege ausgelagert – ausschlaggebend für die Entscheidung seien jedoch Kostengründe. Die Unterstützung der Angehörigen bei der Pflege – etwa 70 Prozent der Wachkoma-Patienten werden in der Familie versorgt – sei unzureichend: Sie geraten oft an physische, psychische und finanzielle Belastungsgrenzen. Weiterhin seien die Zuständigkeiten der Sozialleistungsträger (Kran­ken­ver­siche­rung, Pflegeversicherung, Rentenversicherung, gesetzliche Unfallversicherung, Sozialhilfe) nicht ausreichend geregelt.
Pflegeeinrichtungen, die sich in den letzten Jahren auf die Versorgung von Schwerst-Schädel-Hirn-Geschädigten spezialisiert haben, klagten über Schwierigkeiten bei Kostenverhandlungen mit den Krankenkassen, denen der Aufwand für Pflege durch Fachpersonal, für Physio- und Ergotherapie sowie für Arznei- und Hilfsmittel hoch erscheint. Immer häufiger greife der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) in Diagnose und Therapie des Arztes ein und stelle die medizinische Notwendigkeit verordneter Hilfsmittel infrage.
Das BMG gesteht in seiner Stellungnahme ein, dass „Lücken“ zwischen der Erstversorgung im Krankenhaus und der nachfolgenden Behandlung in der Rehabilitationsklinik bestehen. Ebenso gebe es Koordinierungsbedarf zwischen den beteiligten Rehabilitationsträgern sowie andere „Schnittstellenprobleme“. Im Neunten Buch Sozialgesetzbuch – Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen (SGB IX) –, das zum 1. Juli in Kraft treten soll, werden die rechtlichen Rahmenbedingungen weiterentwickelt, um die Koordination zwischen den Sozialleistungsträgern zu verbessern. Die Angehörigen müssten bei der Betreuung der zu Hause lebenden Patienten unterstützt und vor Überforderung geschützt werden.
Methoden zur Kommunikation entwickeln
Die Versorgung von Wachkoma-Patienten wird im Förderschwerpunkt „Neurotraumatologie und Neuropsychologische Rehabilitation“ des Gesundheitsforschungsprogramms bereits seit 1994 untersucht. Für den noch bis Ende 2002 weiter geführten Förderschwerpunkt sind 51 Millionen DM bereitgestellt. Gefördert werden Studien, die die physiologischen Vorgänge bei der Hirnverletzung untersuchen, um Ansatzpunkte für die medikamentöse Behandlung zu erhalten. Weiterhin werden Vorhaben unterstützt, die neuro-psychologische Therapien entwickeln, und solche, die das Versorgungssystem vom Unfallort bis zur klinischen Behandlung analysieren, um Schädigungen durch optimierte Abläufe zu minimieren. In der neuro-psychologischen Rehabilitation sollen bei komatösen Patienten Kommunikationsmethoden entwickelt werden, die den geistigen Zustand erkennen lassen.
Das BMG verweist auf das „Modellprogramm zur Verbesserung der Versorgung Pflegebedürftiger“, das sich auch Schwerst-Schädel-Hirn-Geschädigter angenommen hat. Vier spezielle Pflegeeinrichtungen mit rund 110 Betten wurden mit diesem Programm bereits gefördert. Nach Angaben des Bundesverbandes Schädel-Hirn-Patienten in Not e.V. gibt es in Deutschland 180 Fachpflegeeinrichtungen mit rund 1 000 Betten. Petra Bühring
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema