ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2001Embryonale Stammzellen: Kehrtwende bei der Forschungsgemeinschaft

POLITIK

Embryonale Stammzellen: Kehrtwende bei der Forschungsgemeinschaft

Dtsch Arztebl 2001; 98(19): A-1226 / B-1046 / C-978

Koch, Klaus

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LNSLNS Die Hoffung auf Therapieformen für unheilbare
Erkrankungen rechtfertigt nach einem Votum
der Deutschen Forschungsgemeinschaft nun doch eine Aufweichung des Schutzes von Embryonen.

Donnerstags hü, freitags hott. Die Art und Weise, wie letzte Woche die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit ihrer eigenen Empfehlung zur Stammzellforschung umgegangen ist, lässt darauf schließen, dass auch innerhalb der Organisation keine Einigkeit herrscht, wie man in Deutschland zur Embryonenforschung steht. Donnerstags hatte der 39-köpfige Senat „einstimmig und ohne Enthaltung“ eine Stellungnahme verabschiedet, die eine klare Abkehr von der bisherigen strikten Ablehnung der Forschung an Embryonen bedeutet.
Den Kurswechsel begründet die DFG mit einem beachtlichen Erkenntnisgewinn der Stammzellforschung der letzten zwei Jahre, wonach embryonale Stammzellen ein größeres Potenzial hätten, als man 1999 vermutet habe. Daher gebe es „keine Rechtfertigung dafür, die Forschung mit legal im Ausland hergestellten embryonalen Stammzellen grundsätzlich auszuschließen“, erklärte DFG-Präsident Prof. Ernst-Ludwig Winnacker. Auch deutsche Wissenschaftler sollten mit Zellen forschen dürfen, die aus menschlichen Embryonen gewonnen wurden. Vorerst dürfen sie diese Zellen allerdings nicht selbst herstellen, sondern müssen sie aus dem Ausland importieren.
Freitags hat dann jedoch ein anderes Gremium der Forschungsorganisation – der Hauptausschuss – gerade jene Entscheidung auf Anfang Juli vertagt, die die neue Empfehlung in die Tat umgesetzt hätte. Seit einem Jahr wartet Prof. Oliver Brüstle von der Universität Bonn auf das Votum, ob die DFG seine Tierversuche fördert, zu denen er menschliche embryonale Stammzellen aus dem Ausland einführen will. Dass die DFG ihre eigene kaum 24 Stunden alte Stellungnahme dann nicht in die Tat umsetzte, war für Brüstle „nicht nachvollziehbar“.
Der Grund für den Zickzackkurs liegt vor allem in einer der zahlreichen Reaktionen, die das DFG-Papier ausgelöst hat. Bun­des­for­schungs­minis­terin Edelgard Bulmahn zeigte dem Vorschlag der DFG die kalte Schulter: „Solche tief greifenden Veränderungen müssen in der Wissenschaft und Gesellschaft breit beraten und diskutiert werden.“ Der DFG-Vorschlag solle in dem von Bundeskanzler Gerhard Schröder berufenen Nationalen Ethikrat diskutiert werden. Bulmahn: „Es kann nicht sein, in einem Hauruck-Verfahren neue Weichen zu stellen, die die bislang gesetzten ethischen Grenzen überschreiten.“ Bulmahn ließ dann ihren Vertreter im Hauptausschuss intervenieren: Die DFG stellte den Antrag prompt zurück, um den Mitgliedern des zuständigen Gremiums Gelegenheit zu geben, ihr Votum vorzubereiten.
Man darf gespannt sein, was aus dem DFG-Votum in der weiteren Diskussion wird. Bislang dominiert Kritik. Die DFG folgt dem Argument, dass embryonale Stammzellen die Hoffnung bieten, Therapien für bislang unheilbare Krankheiten wie Diabetes, Herzinfarkt oder Parkinson-Krankheit zu entwickeln und dass diese Hoffnung eine Aufweichung des Schutzes von Embryonen rechtfertige. „Wir haben eine sorgfältige Abwägung versucht“, sagt Winnacker. Das Ergebnis ist ein zweistufiger Vorschlag. Vorerst fordert die DFG keine Änderung des Embryonenschutzgesetzes, das Forschung an Embryonen strikt verbietet. Embryonale Stammzellen fallen nach Ansicht der DFG aber nicht unter dieses Verbot: Die Zellen hätten zwar die Fähigkeit, sich in vitro zu vermehren und zu verschiedenen Zelltypen zu differenzieren, seien aber nicht mehr in der Lage, zu einem vollständigen Menschen auszuwachsen.
Auch wenn solche Zellen in Deutschland nicht hergestellt werden dürfen, weil dazu Embryonen geopfert werden müssten, ist ihr Import nach Ansicht der DFG dann gerechtfertigt, wenn deutsche Forscher ohnehin vorhandene Zellen nutzen, also nicht die Herstellung im Ausland in Auftrag geben. Die Zellen sollten zudem aus Embryonen gewonnen worden sein, die ursprünglich im Rahmen einer künstlichen Befruchtung gezeugt wurden, dann aber nicht gebraucht wurden; zudem müssen die Eltern der Verwendung der Embryonen zugestimmt haben.
Zweistufige Änderung
Allerdings möchte die DFG durchaus weitergehen, falls „sich die in Deutschland zur Verfügung gestellten Zelllinien als objektiv nicht geeignet erweisen“, kündigt Winnacker an. Dann plädiert die Forschergemeinschaft in einer zweiten Stufe für eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes, mit dem Ziel, auch in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen die Herstellung neuer Zelllinien aus Embryonen zu erlauben. Diese Änderung sollte dann jedoch auf fünf Jahre befristet sein, sagt Winnacker.
Winnacker hofft, dass die Forschung an embryonalen Zellen in Deutschland nur ein Durchgangsstadium sein wird. Wissenschaftler hatten in den letzten zwei Jahren festgestellt, dass auch Erwachsene in zahlreichen Organen Stammzellen tragen, die die Fähigkeit behalten haben, sich zu verschiedenen Zelltypen zu entwickeln. Diese adulten Stammzellen könnten ethisch weniger problematisch aus Blut oder sogar aus Fettgewebe gewonnen werden. Möglicherweise, so schildert Winnacker, stellten diese Zellen eine gleichwertige Alternative zu embryonalen Zellen dar. Klaus Koch

Text der DFG-Stellungnahme im Internet unter:
http://www.dfg.de/aktuell/das_neueste.html#stamm
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