ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2001Chirurgie: Umdenken gefordert

POLITIK: Medizinreport

Chirurgie: Umdenken gefordert

Dtsch Arztebl 2001; 98(19): A-1229 / B-1048 / C-980

Stoschek, Jürgen

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Wie ein roter Faden zog sich diese kritische Aufforderung durch das fünftägige Programm des 118. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in München.

Die Zeit der „großen Chirurgen“, aber auch der „großen Schnitte“ ist vorbei. Die minimalinvasive Chirurgie sei längst in allen Krankenhäusern etabliert und werde wohl schon bald durch Operations-Roboter und computergestützte Navigationssysteme ergänzt werden, erklärte der Präsident des Chirurgenkongresses, Prof. Klaus Schönleben aus Ludwigshafen: „In zehn Jahren wird es in der Bauchchirurgie keine großflächige Öffnung des Körpers mehr geben.“ Dass Chirurgen vielleicht schon bald von einem Schaltpult aus operieren, sei nur noch eine Frage der Zeit.
In den USA gehe die Entwicklung schon weiter, berichtete Prof. Ronald Hinder von der Mayo-Klinik in Jacksonville. Die Kombination von bildgebenden Verfahren, computerge-stützten Navigationssystemen und Operations-Robotern eröffne die Mög-lichkeit, dass sich der Chirurg auch an einem anderen Ort als der Patient be-findet. Die Telechirurgie werde die medizinische Versorgung grundlegend verändern, meinte Hinder: Wenn die technischen Voraussetzungen und die Möglichkeiten der elektronischen Kommunikation gegeben sind, werde sich künftig ein Patient an jedem Ort der Welt von „seinem“ Arzt operieren lassen können. Aber auch die Fähigkeiten von hoch spezialisierten Chirurgen stünden dann weltweit zur Verfügung.
Das sei aber noch nicht das Ende der Entwicklung, berichtete der amerikani-sche Chirurg. Auf dem Weg zur „perfekten“ Operation gehe es darum, menschliche Unzulänglichkeiten auszu-schalten. Der nächste Schritt sei die Entwicklung „intelligenter“ Computer, die alle möglichen Phasen einer Opera-tion, aber auch alle Komplikationen kennen und die dann das jeweils beste chirurgische Verfahren auswählen, berichtete Hinder. Die Aufgabe des Chirurgen werde es dann sein, nur noch den korrekten Verlauf einer Operation zu überwachen.
Von einem Umdenken in der Be-handlung solider Tumoren berichtete Prof. Jörg Rüdiger Siewert vom Klinikum rechts der Isar der TU München. Nach seinen Worten setzen sich hier zunehmend multimodale Therapiekonzepte durch, die eine sequenzielle Chemo- oder Radiotherapie vor oder nach einem chirurgischen Eingriff beinhalten. Während für das Kolonkarzinom inzwischen der Nutzen einer chemotherapeutischen Nachbehandlung gesichert sei, werde für Tumoren im übrigen Gastrointestinaltrakt das Konzept einer präoperativen Chemo- oder Chemoradiotherapie verfolgt, sagte Siewert.
Allerdings sprechen nicht alle Patienten auf eine solche Vorbehandlung mit einer Tumorrückbildung an. Deshalb werde jetzt verstärkt nach molekularen Markern gefahndet, die das wahr-scheinliche Ansprechen auf eine präoperative Therapie vorhersagen, berichtete Siewert.
Eine neue Möglichkeit der Response Evaluation biete möglicherweise die Positronen­emissions­tomo­graphie, mit deren Hilfe die Glukoseaufnahme des Tumors bestimmt werden kann, sagte der Münchner Chirurg Dr. Andreas Sendler über entsprechende Studien an der TU München. In vorerst noch retrospektiven Untersuchungen habe sich nämlich gezeigt, dass bei einer um mehr als 35 Prozent verminderten Aufnahme von 18-Fluor-Desoxyglukose durch den Tumor die Patienten mit einer signifikanten Verlängerung des Überlebens profitieren. Weitere Untersuchungen sollen nun zeigen, ob mit dieser Methode schon nach zwei bis drei Wochen das Ansprechen einer neoadjuvanten Therapie beim Ösophagus- und beim Magenkarzinom erfasst werden kann.
Die Anwendung multimodaler Therapiekonzepte erfordere auch für die organisatorischen Abläufe in den Kliniken ein Umdenken, berichtete Dr. Martin Siess von der TU München. Arbeitsteilung und interdisziplinäre Zusammenarbeit, die Auswahl von Therapiekonzepten und das Qualitätsmanagement münden nach seiner Ansicht in einer krankheitsorientierten Organisationsform. Diagnostik und Therapie werden sich dabei um den Patienten gruppieren. Dies führe dann auch zu Einsparungen bei den Liegezeiten und den Behandlungskosten.
Im Klinikum rechts der Isar werde deshalb demnächst für bestimmte
Tumorentitäten ein Tumorboard etabliert, in dem das gesamte erforderliche onkologische Know-how zusammengefasst wird, berichtete Siess. Ein interdisziplinäres Disease-ManagementTeam als gemeinsame onkologische Anlaufstelle von Strahlentherapeuten, Chirurgen, Onkologen, Radiologen, Nuklearmedizinern und Pathologen werde die Kombinationstherapien koordinieren. Auch eine engere Zusam-menarbeit mit onkologischen Schwer-punktpraxen sei vorgesehen.
Ein Umdenken in der Chirurgie for-derte auch der Deutsche Ärztinnenbund. Nach einer aktuellen Umfrage der Organisation, welche die Präsidentin des Ärztinnenbundes, Dr. Astrid Bühren, bei einer Sitzung unter dem Thema „Ist die Chirurgie männlich?“ vorstellte, liegt der Frauenanteil in einzelnen chirurgischen Fächern zwischen null und 23 Prozent. Noch werde die Chirurgie von Männern dominiert, sagte Bühren. Bei den habilitierten Chirurgen liege der Frauenanteil in der plastischen Chirurgie mit 20 Prozent noch am höchsten. Nicht viel besser sei das Bild bei den wissenschaftlich arbeitenden Ärztinnen, bei den Oberärztinnen und bei den Fachärztinnen.
Nach Bührens Aussage gibt es keine vernünftigen Argumente, weshalb nur 22 Chirurginnen in Chefarztpositionen sind. Erst jetzt wurde mit Prof. Doris Henne-Bruns (Kiel) die erste Chirurgin als Ordinaria auf einen Lehrstuhl nach Ulm berufen. Die Wirtschaft habe längst begriffen, dass sie nur dann im Wettbewerb bestehen kann, wenn die besten aus beiden Geschlechtern ihre Fähigkeiten einbringen können, sagte Bühren. In der Chirurgie müsse das notwendige Umdenken erst noch einsetzen.
Für Aufsehen sorgte schließlich auch die Zustimmung des Generalsekretärs der Deutschen Gesellschaft für Chirur-gie, Prof. Wilhelm Hartel, zur Forderung nach einer Rezertifizierung der Ärzte, wie sie vom Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen in seinem Sondergutachten erhoben worden war. Die Ärztekammern müssten umdenken und ihre abwiegelnde Haltung in dieser Frage aufgeben, sagte Hartel. Für die Chirurgen forderte er ein von Kammern und wissenschaftlichen Fachgesellschaften gemeinsam abgestimmtes Prüfungssystem, dessen Kriterien von jedem fortbildungswilligen Arzt erreichbar sind. Jürgen Stoschek

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema