ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2001Rauchen: Unnötig hohe Risiken

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Rauchen: Unnötig hohe Risiken

Dtsch Arztebl 2001; 98(19): A-1239 / B-1057 / C-987

Richter, Eva A.

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LNSLNS Andere Herstellungsverfahren und ein anderes Produktdesign könnten die Gesundheitsschädlichkeit des Rauchens verringern.

Nicht das Nikotin, sondern die Inhaltstoffe des Rauches sind in erster Linie für die gesundheitsschädliche Wirkung von Tabakprodukten verantwortlich. Doch sind diese unvermeidbar? Muss ein Raucher zur Deckung seines Nikotinbedarfs eine massive Beigabe von Schadstoffen in Kauf nehmen, die er mit dem Zigarettenrauch einatmet? Dies bezweifelt Prof. Dr. med. Friedrich J. Wiebel vom Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Neuherberg. Der Toxikologe hält die landläufige Meinung, dass jeder Raucher für seine Gesundheit ausschließlich selbst verantwortlich ist, für einen Irrtum: „Selbstverständlich trägt auch die Tabakindustrie eine Verantwortung für ihre Produkte. Um den Gesundheitsschutz der Verbraucher von Tabakprodukten ist es unnötig schlecht bestellt. Die Tabakindustrie könnte durchaus weniger gesundheitsschädliche Produkte herstellen.“ Sie besitze zahlreiche Patente zu technischen Verfahren, mit denen sich der Gehalt gesundheitsschädlicher Inhaltsstoffe des Tabakrauchs verringern ließe. Dazu gehörten Teerstoffe, Kohlenmonoxid und Stickoxide. Die meisten der Patente seien aber nicht umgesetzt worden.
Die Gründe dafür sieht Wiebel in dem Fehlen von Marktanreizen, mangelndem Druck auf die Tabakindustrie sowie in deren Besorgnis, dass die Entwicklung „sicherer“ Produkte als Eingeständnis für derzeit fehlerhafte Produkte gewertet werden könnte. Die Tabakindustrie verfüge über Rohtabak, der nur noch geringe Mengen der stark Krebs erregenden Nitrosamine enthalte. „Die Prozentzahlen, mit denen die US-Firma Reynolds Tobacco, USA, an die Öffentlichkeit getreten ist, liegen bei zehn Prozent der Nitrosamin-Menge, die im herkömmlichen Zigarettentabak nachgewiesen werden“, berichtete Wiebel. Ferner ließen sich durch den Einsatz besonderer Verfahren der Tabakverarbeitung die tabakspezifischen Nitrosamine fast vollständig eliminieren. Auch der Gehalt an Krebs erregenden aromatischen, polyzyklischen Kohlenwasserstoffen (Teer) im Tabakrauch könne durch Aktivkohlefilter um mindestens 30 Prozent vermindert werden. Die Tabakindustrie sei sogar in der Lage, „rauchlose“ Zigaretten herzustellen, deren Schadstoffgehalt minimal sei.
Unkontrollierte Inhaltsstoffe
Die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe in Tabakwaren wird durch den Hersteller bestimmt, der Tabakarten verschiedener Herkunft mischt und unterschiedlich verarbeitet. Dieser Mischung kann eine ganze Palette von Zusatzstoffen, die teilweise die Wirkung des Nikotins verändern, beigefügt werden. „Die Zusätze unterliegen bisher keiner amtlichen Kontrolle; es besteht ein regulatorisches Vakuum“, erklärte Wiebel. Zudem würden die Stoffe nicht auf ihre Unbedenklichkeit nach dem Erhitzen beim Rauchprozess geprüft.
Gesetzlich festgelegt ist lediglich eine Höchstmenge von 12 mg Teer im Rauch einer Zigarette. „Teer ist die irreführende Bezeichnung für alle Verbrennungsprodukte, die beim maschinellen Rauchen auf einem Filter zurückgehalten werden“, erläutert Wiebel. Gasförmige Schadstoffe dürften in unbegrenzter Menge im Rauch vorkommen.
Mangelnde Information
Auch die Information der Verbraucher über die Inhalts- und Zusatzstoffe des Tabaks und des Tabakrauchs ist nach Ansicht von Wiebel mangelhaft. In der gegenwärtigen Praxis beschränkten sich diese auf Angaben von Teer- und Nikotingehalten beziehungsweise allgemeinen Bezeichnungen wie „leicht“ oder „mild“. Die Teer- und Nikotingehalte würden dem Verbraucher jedoch nur wenig sagen. Er orientiere sich vielmehr an den Angaben „leicht“ und „mild“, die eine bessere Gesundheitsverträglichkeit der Produkte suggerierten. „Sowohl die Angaben zu den Teer- und Nikotingehalten der Zigaretten als auch die allgemeinen Bezeichnungen beruhen auf realitätsfernen, maschinellen Messungen“, kritisierte Wiebel. „Der Tabakkonsument wird durch die Angaben eher getäuscht als sachlich informiert.“
„Die Zigaretten entsprechen nicht den berechtigten Sicherheitserwartungen des Verbrauchers“, meint Wiebel. „Wenn sich die Tabakunternehmen auf die Unvermeidbarkeit der Gesundheitsrisiken berufen, müssen sie nachweisen, dass sie alles unternommen haben, um diese so gering wie möglich zu halten. Wenn sie dies versäumen, sind sie dafür zu belangen.“ Dr. med. Eva A. Richter

Nähere Informationen: Buchner und Wiebel; VersR 2001, 1 (29–34)
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