ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2001Medizinstudium: Zum Examen – aber rationell

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Medizinstudium: Zum Examen – aber rationell

Dtsch Arztebl 2001; 98(19): A-1246 / B-1062 / C-992

Gebert, Andreas; Al-Samir, Kais; Westermann, Jürgen

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LNSLNS Erfolgreiches Projekt an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Die zentral veranstalteten schriftlichen Examina für Medizinstudenten haben dazu geführt, dass immer mehr Studienzeit auf die unmittelbare Prüfungsvorbereitung verwandt wird. Diese konzentriert sich oftmals über mehrere Monate auf Kurzlehrbücher und Fragensammlungen. Wenn eingehendes „Studieren“ auch grundsätzlich zu befürworten ist, so ist doch zu beklagen, dass diese intensive Auseinandersetzung mit Inhalten der ärztlichen Ausbildung zum großen Teil außerhalb der Hochschulen geschieht und weder in ihren Konzepten noch in ihrer Effizienz für den späteren Beruf durch die Hochschulen beeinflusst wird. Das Lehrmaterial (unter anderem Kompendien und Fragensammlungen) stammt überwiegend nicht von qualifizierten Hochschullehrern oder ausgewiesenen Spezialisten.
Um für das Fach Anatomie die Qualität und Effizienz der Prüfungsvorbereitung zu steigern, wurde von Dozenten der Abteilung Funktionelle und Angewandte Anatomie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in den letzten drei Jahren eine gezielte examensorientierte Lehrveranstaltung zur Vorbereitung auf das schriftliche und mündliche Physikum angeboten. Dabei war es nicht beabsichtigt, das Selbststudium der Studierenden zu ersetzen, sondern diese lediglich durch professionelle Hilfe dabei zu unterweisen und durch die Fokussierung auf klinik- und prüfungsrelevante Inhalte deren eigene Physikumsvorbereitung effizienter zu gestalten. Die Frontalveranstaltung „Anatomie in fünf Tagen“ wurde zuletzt von 89 Prozent aller Physikumsteilnehmer besucht und umfasste sowohl Vorlesungsstunden als auch Kommentare zu Original-Prüfungsfragen; die Teilnahme war freiwillig und kostenfrei. Bei der Evaluation der Veranstaltung mit Hilfe von Fragebögen nach dem Physikum (Rücklauf: knapp 90 Prozent) gaben 53,4 Prozent an, die Veranstaltung habe „viel“ oder „sehr viel“ zu einer effektiveren Vorbereitung beigetragen, sogar 94,2 Prozent haben nach eigener Einschätzung hinsichtlich des Überblicks über das Fach profitiert. Eine differenzierte Beurteilung der Veranstaltung wird in der Einschätzung deutlich, dass lediglich ein Fünftel aller Befragten darin eine Zeitersparnis erkennt. Die Studierenden begreifen spezielle examensorientierte Vorlesungen nicht als Ersatz für eigenes Lernen, sondern benutzen sie als Angebot, um die Effizienz der Prüfungsvorbereitung zu verbessern.
Prüfungsergebnis verbessert
Ein weiteres Kriterium, mit dem die Wirksamkeit bewertet werden kann, ist das Abschneiden der Studierenden im schriftlichen Teil des Physikums. Um Vergleichbarkeit herzustellen, ist es sinnvoll, jeweils den Unterschied zum Bundesdurchschnitt zu ermitteln und den Rang einzelner Hochschulen über die Jahre zu verfolgen. An der MHH wurden die Ergebnisse der Studierenden im Fach Anatomie für die drei Jahre ermittelt, in denen die Veranstaltung stattfand (1998 bis 2000), und als Vergleich die beiden vorgegangenen Jahrgänge ohne spezielle Examensvorbereitung herangezogen. Das schriftliche Prüfungsergebnis im Herbstphysikum verbesserte sich dabei von knapp unterdurchschnittlichen Werten (zum Beispiel 1996: –0,7 Prozent gegenüber Bundesdurchschnitt) zu einem deutlich überdurchschnittlichen Abschneiden (1999: +1,6 Prozent; 2000: +4,7 Prozent). Auch der Verlauf im Rang gegenüber den übrigen Fakultäten belegt die These, dass durch die Lehrveranstaltung „Anatomie in fünf Tagen“ eine messbare Leistungssteigerung erzielt wurde:
• 1996: Rang 22
• 1997: Rang 22
• 1998: Rang 17
(„Anatomie in fünf Tagen“)
• 1999: Rang 13
(„Anatomie in fünf Tagen“)
• 2000: Rang 6
(„Anatomie in fünf Tagen“)
Die gute Akzeptanz der Veranstaltung zeigt, dass für derartige Initiativen eine große Nachfrage, eine „Marktlücke“ besteht. Künftig wird die Frage der Lehr-Effizienz insbesondere in Hinblick auf Mittel- und Stellenverteilung an Bedeutung zunehmen. Es besteht dabei die Tendenz, auf objektive Maßstäbe, wie beispielsweise Examensergebnisse, zurückzugreifen. Hier sind jedoch einige prinzipielle Einschränkungen notwendig. So muss angenommen werden, dass es beim geltenden Zulassungsverfahren zum Medizinstudium durch die unterschiedliche Beliebtheit der verschiedenen Studienorte und medizinischen Fakultäten zu einer ungleichen Verteilung von Abiturbesseren kommt, die sich dann auch ohne Aktivitäten der Hochschulen im Examensergebnis niederschlägt. Es ist auch festzustellen, dass es Unterschiede zwischen den Herbst- und Frühjahrsprüfungen gibt sowie zwischen Hochschulen, bei denen der Studienbeginn jahres- beziehungsweise semesterweise erfolgt. Darüber hinaus sollte als Kriterium die durchschnittliche Studienzeit bis zur jeweiligen Prüfung berücksichtigt werden. So unterschied sich der Anteil von Studierenden, die bereits nach vier Fachsemestern zum Physikum antraten und damit ihren Studienplatz (und die dafür aufgewendeten Steuergelder) effizient genutzt haben, im Herbstphysikum 2000 bundesweit zwischen 38,8 Prozent (Frankfurt/Main) und 88,5 Prozent (Hannover).

Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Gebert
Kais Al-Samir
Prof. Dr. med. Jürgen Westermann
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