ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2001Geldmuseum: Der Stoff, aus dem die Träume sind

VARIA: Feuilleton

Geldmuseum: Der Stoff, aus dem die Träume sind

Dtsch Arztebl 2001; 98(19): A-1271 / B-1086 / C-1014

Motz, Roland

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LNSLNS In Frankfurt kann man den lockeren Umgang
mit dem schwierigen Thema Geld lernen.

Pünktlich um 10 Uhr öffnen sich die gläsernen Trennscheiben zum Geldmuseum. Leicht und kühn, dabei sachlich und modern – das ist die Message der Edelstahlplastik im Vorhof des Geldmuseums der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main. Über der Eingangstür zum Foyer bewegt sich die DM im schwerelosen Raum um den globalisierten Planeten. Den lockeren Umgang mit dem schwierigen Thema Geld lernen, spielerisch die Berührungsangst verlieren hat sich die „Buba“ zum Ziel gesetzt.
„Ein selbsterklärendes Konzept nach dem Baukastenprinzip, unterteilt in sechs verschiedene Bühnen, ausgestattet mit den modernsten Kommunikationsmitteln, interaktiv und um größtmögliche Aktualität bemüht“, erläutert Claudia Holtmann den Besuchern die Grundstruktur des Museums. Ein mit 0 und 1 angestrahltes, ausgestopftes, „binäres“ Rind symbolisiert die Geldgeschichte von den frühen Anfängen bis zum heutigen elektronischen Geld.
Geldpolitische Geheimnisse
Die junge Betriebswirtin führt die Besucher zu drei frei stehenden Mauerstücken gegenüber, in die ein Lexikon eingelassen ist. „Weltekes Adventskalender“, erläutert sie schmunzelnd. Von A wie Abwertung bis Z wie Zins. Hinter jedem Buchstaben verbirgt sich ein geldpolitisches Geheimnis. Vor dem E rangeln sich die Berufsschüler. Ein beliebtes Fenster: E für Eros. Nach dem Einwurf einer Münze wird für wenige Sekunden der dreidimensionale Blick auf eine schöne Nackte frei. Liebe ist käuflich, so die Lesart der Bundesbank. C erklärt das Copy-Verbot. Nicht nur Banknoten fallen darunter, sondern auch Briefmarken, Eintrittskarten und Tickets. Wer unter B schon Bimbes erwartet, wird enttäuscht. Dafür steht unter X: jemandem ein X für ein U vormachen. Das bedeutete ursprünglich eine Manipulation im römischen Zahlensystem, aus einer 5 eine 10 machen. Heute verstünde man darunter, jemanden auf plumpe, grobe Weise täuschen.
Die ältesten und am weitesten verbreiteten Zahlungsmittel aus vormünzlicher Zeit waren die Kaurimuscheln. Kaum ist man an den ersten Exponaten aus vormünzlicher Zeit vorbeigelaufen – einem riesigen Pottwalzahn von den Fidschis, einige Stein- und Metallplatten gehören noch dazu –, gerät man wieder in die Welt der Betrüger. Als bedeutendster Münzfälscher seiner Zeit wird Hofrat Carl Wilhelm Becker (1772–1830) gewürdigt: „Allmählich ersetzte er echte Ware mit nicht minder erstklassigen eigenen Erzeugnissen dank seines ungemeinen Talents der scharfen Auffassung und treuen Wiedergabe.“
Moderne Geldherstellung
Den Prozess moderner Geldherstellung kann man anhand des 100-DM-Scheins nachverfolgen. Echte Noten werden gefälschten gegenübergestellt. UV-Licht und spezielle Lupen ermöglichen es, die Echtheit der eigenen Scheine zu prüfen. In einem abgedunkelten begehbaren Tresor werden zahlreiche Exponate aus der Münz- und Geldscheinsammlung der Bundesbank gezeigt. Der Münzschatz von Walle demonstriert die ungeahnte Geldverbreitung und Münzvielfalt, die es bereits im 16. Jahrhundert in Europa gab. „Papiergeld sind Papierzettel, versehen mit der Eigenschaft von allgemeinen Tausch- und Werthausgleichsmitteln. Papiergeld ist in vielen Orten ein so furchtbarer Klang, dass sie schon bei dem blossen Namen desselben erschrecken.“ Das Brockhaus-Zitat aus dem Jahr 1820 rundet den numismatischen Bereich des Museums ab: Alle sechs Bühnen sind mit Info-Terminals ausgerüstet, die es dem Besucher erlauben, Hintergrundinformationen zu bestimmten Themen abzurufen und sogar eine Pro-und-kontra-Diskussion ablaufen zu lassen. Bühne 2 stellt den theoretischen Grundgedanken vor, von dem sich moderne Geldpolitik leiten lässt. Nur wenn das Geld knapp bleibt, kann es Preisstabilität geben. Die Gipsköpfe der Säulenheiligen Bodin, Fisher und Friedman geben die monetäre Richtung vor, an der sich moderne Zentralbankpolitik weltweit orientiert.
Cash für alle
Das ausgeglichene Verhältnis zwischen Geldmenge, Umlaufgeschwindigkeit des Geldes und Güterproduktion sind entscheidend für die Preisstabilität. Steigt die Geldmenge schneller als das Sozialprodukt, besteht Inflationsgefahr. Ein anspruchsvoller Kurzfilm erläutert Irving Fishers berühmte Quantitätsgleichung. Danach hat man Angst vor jeder steigenden Geldmenge außer der eigenen. Milton Friedman hat Irving Fishers theoretisches Modell für die Praxis weiterentwickelt. In der Rezeptur des Nobelpreisträgers und seiner Chicago Boys findet sich allerdings kein Platz für staatliche Fürsorge. Der Sozialstaat ist zu teuer und kontraproduktiv, lautet sein Credo, surviving of the fittest die Botschaft. Lord Keynes wird unter dem Kontra-Button des Terminals etwas leichtfertig als Gegner der Geldwertstabilität abgehandelt, seine antizyklische Nachfragesteuerung über erhöhte Staatsausgaben als Irrläufer der Geschichte dargestellt.
„Supergut gemacht.“ Zwei ältere Damen loben das Museum vor einer meterhohen Glassäule. Sie markiert den Übergang von der Theorie zur Praxis. Ab Bühne 3 wird das Museum seinem Anspruch gerecht, die Welt des Geldes mithilfe modernster Medien zu erkunden. Unter dem historischen Foto „Erst Essen, dann Miete“ berichten drei Videos von der Hyperinflation 1923, als die Banknoten täglich die Hälfte ihrer Kaufkraft einbüßten, über die Deflation während der Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1932 bis zur verdeckten Inflation im Hitlerdeutschland. „Bei Kriegsende steht der aufgeblähten Geldmenge ein stark geschrumpftes Sozialprodukt gegenüber.“ Die mit Inflationsgeld gefüllte Glassäule illustriert anschaulich den Werteschwund. Die Reichsmark verliert sämtliche Geldfunktionen. Als Tausch- und Zahlungsmittel dienen drei Jahre lang amerikanische Zigaretten. Erst die Wäh-
rungsreform bereitet 1948 dem steinzeitlichen Remake des Warengeldes ein Ende. Der Aufstieg der DM vom Besatzungskind zum Superstar konnte beginnen. Ein kurzer Film zeigt die 50-jährige Erfolgsstory der Währung und rundet das Thema Geldwertstabilität ab.
Die Rückbetrachtung der deutschen Notenbankgeschichte wird zum Ärgernis. Der „taktisch geschickte“ Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht habe keine grundsätzliche Kritik an der Judenpolitik geübt. Er nahm aber, so die Bundesbank, „eine bemerkenswert unabhängige Position ein, die auf einem engen Verhältnis zu Hitler beruhte“. Aus dem nachgebauten Konferenztisch des Europäischen Zentralbankrats ertönt eine aktuelle Lobrede des heutigen Bundesbank-Präsidenten Welteke auf den Euro. Unmittelbar daneben zum Thema „Die Bundesbank sorgt für saubere Noten“ sind ein großes Foto des 1993 über Insidergeschäfte gestürzten IG-Metallchefs
Steinkühler und Fahndungsplakate des Baulöwen Schneider aus dem Jahr 1996 zu sehen. „Nein, an eine Aktualisierung wegen der CDU-Spendenaffäre sei nicht gedacht“, lautet die Antwort auf eine entsprechende Frage. Bühne 6 zeigt die globale Welt des internationalen Devisenhandels. Nach einem Knopfdruck lassen sich die Handels- und Kapitalströme verfolgen. Man erfährt, warum Wechselkurse schwanken, welche Vorteile der Euro bringt, welche Bedingungen die Mitgliedsländer erfüllen müssen, aber auch welche Risiken in einem gemeinsamen Währungsraum lauern. Vor der großen Weltkugel kann man Tarifpartei, Zentralbank oder aber Kanzler spielen. Der Sprecher aus dem Computer gratuliert zum Wahlsieg, gibt ein paar volkswirtschaftliche Ba-
sisinformationen, und schon darf man für vier Jahre die Ausgaben erhöhen, konstant halten oder senken. Der Computer berechnet für jedes Jahr die sich aufgrund der getroffenen Entscheidung ergebenden Werte bezüglich Wachstum, Arbeitslosigkeit und Inflation. Am Ende der Amtszeit bekommt man einen Brief. „Sehr geehrter Herr Kanzler, die Wirtschaft liegt darnieder. Aus einer viel versprechenden Ausgangslage haben Sie eine hoffnungslose Situation gemacht. An
Ihrer Stelle würde ich sehen, dass ich so schnell wie möglich außer Landes komme. Gruß.“ Cash für alle gibt es direkt
am Ausgang. Meterhoch stapeln sich die Geldbriketts. Fünf DM kosten die zusammengepressten echten Geldschnipsel aus dem Reißwolf der Landeszentralbank.
Roland Motz

Informationen: Geldmuseum der Deutschen Bundesbank, Wilhelm-Epstein-Straße 14, 60431 Frankfurt, Telefon: 0 69/95 66-30 73, Fax: 95 66-30 77, E-Mail: geldmuseum@bundesbank.de,
Internet: www.bundesbank.de
Für angemeldete Besuchergruppen bietet die Bundesbank Informationsveranstaltungen zur Geld- und Währungspolitik an. Termine und Themen nach Absprache. Im selben Gebäude
stehen außerdem die Fachbibliothek und Bundesbankarchive der Öffentlichkeit zur Verfügung. Öffnungszeiten: täglich 10 bis 17 Uhr, mittwochs 13 bis 21 Uhr. Der Besuch des Museums ist unentgeltlich.
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