ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2001Investmentfonds: Anlage oder Abzocke?

VARIA: Wirtschaft

Investmentfonds: Anlage oder Abzocke?

Dtsch Arztebl 2001; 98(19): A-1273 / B-1089 / C-990

Jürgens, Philip

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Transaktionskosten, Verwaltungsgebühren, Ausgabeaufschlag. Sind diese Gebühren gerechtfertigt? Sind aktiv gemanagte Fonds der großen Gesellschaften wirklich besser als die Vergleichsindizes? Banken und Fondsgesellschaften werben für Fonds als bequeme Geldanlage, für dessen professionelles Management der Anleger eben Gebühren zahlen müsse. Aber sind die Manager wirklich so gut, oder suchen sie sich bei der Performance-Darstellung immer genau den Zeitraum, der ihnen gerade passt, und den Vergleichsindex (von weltweit rund 55 000), den sie zufällig geschlagen haben?
Andreas Woitzik, Gesellschafter der Deutschen Derivate Vermögensverwaltung, ist ein Kritiker der großen Institute. Fondsgesellschaften mit mehreren Hundert Fonds im Angebot bräuchten sich nur den erfolgreichsten herauszusuchen und zu bewerben: „Dabei geben sie Performance-Zeiträume von einem Jahr oder weniger an, in denen Glück wichtiger ist als gutes Management.“ Die Institute verdienten in jedem Fall – egal ob die Kurse steigen oder fallen. Die Kunden müssten Transaktionsgebühren bezahlen; die Gesellschaften handelten die Wertpapiere aber meist über ihre Mutterbank. Das Geld bleibe also in der Familie, die Mutter verdiene an jeder Transaktion der Tochter.
Woitzik zufolge versagen 90 Prozent der Fonds beim Vergleich mit ihrer Benchmark im Fünfjahresvergleich und nur zehn Prozent der Fonds, egal ob Aktien oder Renten, könnten ihren Vergleichsindex schlagen. Die Chance, einen der Siegerfonds bei der Anlageentscheidung zu erwischen, rechtfertige nicht das Risiko, einen Verliererfonds zu kaufen. Alle Aktienfonds mit Vertriebszulassung für die Schweiz hätten im Zeitraum von 1994 bis 1998 kumuliert eine Wertsteigerung von 51,68 Prozent erwirtschaftet – der Weltaktienindex MCSI World dagegen habe im gleichen Zeitraum um 91,64 Prozent zugelegt.
Aber woher kommt der gigantische Kundenzuwachs der Fondsgesellschaften? In den letzten acht Jahren hat sich das Investmentfonds-Vermögen in Deutschland vervierfacht. Rund 1 100 Publikumsfonds verwalten ein Vermögen von mehr als 300 Milliarden Euro. Einer McKinsey-Studie zufolge gibt es keinen Zusammenhang zwischen der tatsächlichen Wertsteigerung eines Fonds und den Mittelzuflüssen. Neukunden seien fast ausschließlich auf Werbung und Vertrieb zurückzuführen.
Die meisten Fonds verlangen Ausgabeaufschlag (Agio) und Verwaltungsgebühr. Gerechtfertigt sei dieser Aufschlag nur, wenn Fonds bei einem institutsfremden Anbieter gekauft würden, meint Woitzik, zum Beispiel DWS-Fonds bei der Sparkasse. Kaufe der Kunde Deka-Fonds bei der Sparkasse, sei der Aufschlag unnötig. Fondsgesellschaften legten oft erst dann neue Fonds auf, wenn sich der Markt oder die Branche, die der Fonds abdecken soll, bereits positiv entwickelt habe. Dann sei es aber meist zu spät, und das große schnelle Geld lasse sich hier nicht mehr verdienen. Deshalb sollten Anleger bei der Auswahl von Investmentprodukten Wert auf Vergangenheitserfolge des Fonds oder des Managements legen und nicht auf die Performance des Marktsegments.
Alternativen für Anleger
Einen gewünschten Index (wie den DAX) mit selbst gekauften Aktien nachzubilden ist eine teure Angelegenheit. Eine Alternative wären Index-Fonds, die in Deutschland allerdings nicht zugelassen sind, weil bei genauer Nachbildung (zum Beispiel des DAX) einzelne Positionen die gesetzliche Grenze von zehn Prozent pro Einzelwert übersteigen würden. Erlaubt sind in Deutschland dagegen Index-orientierte Fonds, die den Index so gut wie möglich spiegeln und somit ein transparentes Portfolio bieten. Aber auch diese Fonds bleiben in der Regel hinter ihrem Vergleichsindex zurück, und die meisten beanspruchen ebenfalls Ausgabeaufschläge und Managementgebühr.
Wohlhabende Anleger, die individuelle Vermögensverwaltungen von Groß- und Privatbanken bevorzugen, sollten vorsichtig sein. Viele Anbieter verlangen hohe Gebühren für oft unnötige Transaktionen, darüber hinaus eine jährliche Verwaltungsgebühr (unabhängig vom Erfolg des Managements) und eine Erfolgsbeteiligung auf die erzielten Gewinne. Verringert sich zum Beispiel das Anlagevermögen innerhalb des Bilanzzeitraumes von 100 000 DM auf 80 000 DM, sind trotz des Verlustes Gebühren für die Transaktionen fällig sowie festgelegte prozentuale Verwaltungsgebühren. Sollte sich das Vermögen im folgenden Jahr wieder auf 100 000 DM vermehren, kassieren dreiste Verwalter auf diesen Anstieg auch noch Erfolgshonorar. Angemessen wäre dagegen, wie zum Teil in den USA üblich, eine Erfolgsbeteiligung für Erträge, die die ursprünglich eingezahlte Summe übersteigen. Philip Jürgens
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema