ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2001zu Aktien: Börsendramen

VARIA: Schlusspunkt

zu Aktien: Börsendramen

Dtsch Arztebl 2001; 98(19): [72]

Rombach, Reinhold

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Endlich mal eine prima Gelegenheit, den Begriff Chuzpe ins Spiel zu bringen. Thomas Haffa, Vorstandsvorsitzender der EM.TV & Merchandising AG hat beste Aussichten, in dieser Hinsicht zu brillieren. Selbst am Neuen Markt, wo der interessierte Beobachter in Sachen Größenwahn ja so einiges gewohnt ist, hat der EM.TV-Boss beim Frechheits-Wettbewerb die Konkurrenz um Längen geschlagen.
Bei der Präsentation der jüngsten Geschäftszahlen hatte der Medien-Mann überhaupt keine Probleme, einen Konzernverlust von 2,8 Milliarden (!) Mark zu verkünden, obwohl er selbst vor ein paar Monaten noch mutigst einen zweistelligen Millionengewinn prognostizierte. Trotz Beinahepleite also hat Haffa die jüngsten Zahlen noch sprachlich mit dem schönen Satz „wir sind wieder da“ veredelt – das muss man erst einmal bringen.
Die Frage, wie lange Thomas Haffa als Vorstandschef noch da ist, wird allerdings immer drängender. Das lückenlose und auch noch teilweise untestierte (!) Zahlenwerk, vom Management anscheinend ohne jede Hemmung präsentiert, lässt nur eine grobe Bewertung zu. So viel scheint aber sicher: Der Abschluss zeigt klar und deutlich, dass Vorstand und Aufsichtsrat in abenteuerlicher Großmannssucht Aktionärsvermögen verschleudert haben.
Darüber hinaus ist noch lange nicht, wie Haffa vollmundig behauptet, „reiner Tisch“ gemacht worden. EM.TV steckt mitten in einer Sanierung mit noch völlig ungewissem Ausgang. Die Aktionäre werden noch lange auf dramatischen Verlusten sitzen bleiben. Nur die Ablösung des Vorstandschefs könnte ein kleines, wenn auch positives Signal setzen. Es wird, so fürchte ich, unterbleiben.
Auf dem Spielplan der Serie „Die Täuschung der Aktionäre und ihre schreckliche Folgen“ hat aber auch die Metabox AG gute Chancen, ganz weit vorne zu landen.
Die Hildesheimer Gesellschaft, am Neuen Markt (noch) notiert, steckt anscheinend in einer kritischen Liquiditätssituation. Die Verluste für das Jahr 2000 liegen mit 26,8 Millionen etwa halb so hoch wie der Gesamtumsatz.
Schuld an dem Debakel sei aber nicht etwa eine falsche Geschäftspolitik, sondern die böse Finanzpresse und eine unangemessene Kritik seitens der Finanzmärkte, gab der Vorstandvorsitzende Stefan Domeyer bekannt. Auch keine schlechte Form der Argumentation, von der eigenen Misswirtschaft abzulenken.
Allerdings hat sich bislang die Staatsanwaltschaft davon nicht beeindrucken lassen. Die Beamten ermitteln nämlich längst gegen den Vorstandschef und zwei ehemalige Vorstandsmitglieder. Die Herren sollen Kurse manipuliert, Kapitalanleger betrogen und Insiderhandel betrieben haben.
So geht es also zu in deutschen Börsensälen. Dramen bester Güte werden gegeben. Für den Anleger aber ist, wenn der Vorhang fällt, auch das Geld weg. Applaus entfällt.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema