ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2001Geriatrische Fortbildung: Kluft zwischen Klinik und Praxis

AKTUELL: Akut

Geriatrische Fortbildung: Kluft zwischen Klinik und Praxis

Dtsch Arztebl 2001; 98(20): A-1285 / B-1097 / C-1025

Wolf, Elke

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Während Klinikärzte seit 1992 die Weiterbildungsqualifikation „Klinische Geriatrie“ erwerben können, fehlt für die niedergelassenen Allgemeinmediziner eine derartige Möglichkeit. Unverständlich und auf die Dauer untragbar, prangerte Prof. Bernhard Joachim Höltmann (Grevenbroich) die Situation an. Erfolgen doch rund 96 Prozent aller Behandlungen ambulant und zumeist bei Patienten über 65 Jahren. „In deutschen Kliniken hat sich die Geriatrie sowohl im Akut- als auch im Rehabilitationsbereich etabliert. Die Dichte geriatrisch spezialisierter Kliniken wächst stetig, und wir haben ein einigermaßen flächendeckendes Versorgungsnetz“, informierte Höltmann auf dem Internisten-Kongress in Wiesbaden. Das Besondere der Geriatrie ist gleichzeitig ihre Achillesferse: Die Probleme älterer Patienten sind nur fachübergreifend zu bewältigen. Aber an einer interdisziplinären Ausbildung hapert es. Der geriatrisch versierte Arzt müsse die Gründzüge der motorischen und neuropsychologischen Rehabilitation ebenso kennen wie die Prinzipien der rekonditionierenden Behandlung von Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, außerdem die Behandlung von Bewegungsstörungen, chronischen Schmerzzuständen, Harn- und Stuhlinkontinenz, Depressionen, Demenz sowie Delir, betonte Höltmann. Da ältere Patienten teilweise mehrere Arzneimittel gleichzeitig einnehmen, seien Interaktionen und Nebenwirkungen programmiert.

Hinzu kommt nach den Ausführungen Höltmanns: „Geriater können nicht verallgemeinern, wir sind anekdotisch. Wir müssen von Fall zu Fall variieren. Das aber hat nichts mit Evidence based Medicine zu tun.“ Der Mangel an geriatrischer Ausbildung mache sich vor allem bei Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems bemerkbar, sagte Höltmann. Überdurchschnittlich viele Probleme gebe es mit Digitalis-Verabreichungen, haben Umfragen ergeben. Außerdem existierten keine Untersuchungen darüber, ob und in welcher Form über 70-jährige herzinsuffiziente Patienten von der neuen Therapie mit Betablockern profitieren, obwohl der größte Teil aller Herzinsuffizienten dieser Altersgruppe angehört.

Zwar sind einige Modellprojekte und Leitlinien in der Zwischenzeit auf den Weg gebracht worden, um alle beteiligten Berufsgruppen organisatorisch miteinander zu verknüpfen. Dennoch sind fundierte geriatrische Kenntnisse in der Praxis Mangelware. Diese Tatsache spiegelt sich auch darin wider, dass sich 77 Prozent der Ärzte Fortbildungsveranstaltungen zu diesem Themenkreis wünschen. Elke Wolf
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