ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2001Präimplantationsdiagnostik: „Eine Sieger- Besiegten-Stimmung darf nicht aufkommen“

POLITIK

Präimplantationsdiagnostik: „Eine Sieger- Besiegten-Stimmung darf nicht aufkommen“

Dtsch Arztebl 2001; 98(20): A-1291 / B-1099 / C-1027

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Interview mit Professor Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe,
dem Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer und des
Deutschen Ärztetages, über PID, PND, Embryonenschutz
und die Haltung der Ärzteschaft.

DÄ: Seit knapp eineinhalb Jahren läuft der von der Ärzteschaft angestoßene gesellschaftliche Diskurs über die Präimplantationsdiagnostik, ausgehend von dem Diskussionsentwurf einer Richtlinie des Wissenschaftlichen Beirates der Bundes­ärzte­kammer. Hat die öffentliche Diskussion Sie beziehungsweise die Bundes­ärzte­kammer in der Entscheidungsfindung vorangebracht?
Hoppe: Wir haben diesen Diskurs ja nicht primär angestoßen, sondern vielmehr eine mehr im Verborgenen stattfindende Diskussion öffentlich gemacht. Damals, nach dem Regierungswechsel, hatte die neue Bundesregierung gesagt, sie wolle das Thema gesetzlich regeln. Und wir wollten, dass niemand sagen kann, er habe nicht gewusst, um was es geht, wenn die Entscheidungen des Gesetzgebers gefällt werden. Dieses Ziel haben wir erreicht. Die Probleme um die Präimplantationsdiagnostik, aber auch die weitergehenden Komplexe wie Stammzellzüchtung, Embryonenforschung, Embryonenverbrauch sind in der Öffentlichkeit mittlerweile sehr bekannt.
DÄ: Wie aber steht es um den Entscheidungsprozess innerhalb der Ärzteschaft?
Hoppe: Auch bei uns selbst ist die Diskussion weitergegangen. Wir sind uns aber klar darüber, dass man über etliche Konfliktfelder nicht nach Mehrheitsbildung innerhalb der Ärzteschaft abstimmen kann. Wir können Rat erteilen, können die Alternativen benennen, die sich ergeben, und können so die Gesellschaft vorbereiten, um eine Mehrheitsbildung im politischen Raum zu beschleunigen oder überhaupt erst möglich zu machen.
DÄ: Haben diese langen Diskussionen und das Abwarten nicht dazu geführt, dass das Thema PID schon fast verlassen worden ist und inzwischen über die von Ihnen erwähnten weitergehenden Möglichkeiten laut nachgedacht wird, siehe die jüngste Stellungnahme der DFG zugunsten der embryonalen Stammzellforschung?
Hoppe: Die Stammzellforschung ist nicht neu und auch nicht mehr aufzuhalten. Es handelt sich um eine weltweit stattfindende Entwicklung, die man dadurch, dass Deutschland sich aus dieser Diskussion heraushalten würde, nicht verhindert. In Hinblick auf die Zielsetzung der Forschung mit embryonalen Stammzellen sehe ich auch keinen direkten Zusammenhang mit der PID. Eine gemeinsame Zielsetzung erkenne ich vielmehr bei Präimplantationsdiagnostik, Pränataldiagnostik und Reproduktionsmedizin. Eine losgelöste Diskussion um Präimplantationsdiagnostik mit der Zielrichtung, allein diese zu verbieten, die PND aber nicht, halte ich für einen logischen Bruch. Bei uns geht es auch um die Frage, ob Präimplantationsdiagnostik denjenigen Paaren angeboten werden soll, die sonst eine „Schwangerschaft auf Probe“ eingehen würden.
DÄ: Meine Frage zielte in eine andere Richtung. Um sie zu präzisieren: Ist PID nur ein Einfallstor für weitergehende Forschung, die zurzeit noch verboten ist?
Hoppe: Nein. Ich denke, dass die PID auch bei denjenigen, die sie entwickelt haben und die sie heute in anderen Ländern anwenden, nur darauf zielt, den Paaren, die eine Erblast mit sich tragen, zu einem gesunden Kind zu verhelfen. Wenn man diese Diagnostik nicht zulässt, bedeutet das, dass man diese Paare implizit auf Pränataldiagnostik im Sinne der Schwangerschaft auf Probe verweist. Darin sehe ich das Problem. Wenn man diesen Zusammenhang verneint und sagt, mit PID solle der Weg zur Stammzellforschung und weiteren genetischen Forschung geebnet werden, und gäbe es dafür Beweise, dann würde ich sagen: Nehmen wir in Gottes Namen die Pränataldiagnostik mit Spätabtreibung in Kauf und lassen PID nicht zu. Aber ich sehe den Zusammenhang so nicht.
DÄ: Sind Sie demnach guter Hoffnung, dass man die PID mit ganz engen Indikationen und unter strengen Kriterien einführen kann, ohne dass das zu Weiterungen führt?
Hoppe: Ja, da bin ich sicher – wenn man PID unter Kontrolle hält. Eine solche Kontrolle muss gewährleistet sein, andernfalls sehe ich die Gefahr des Missbrauchs bis hin zur Menschenzüchtung.
DÄ: PID enthält als Grundgedanken die Auswahl nach lebenswertem und lebensunwertem Leben. Dieser Grundgedanke könnte, wenn er bei der PID gesellschaftlich akzeptiert wird, auch auf andere Lebenserscheinungen übertragen werden. Oder ist es ein purer Zufall, dass parallel mit der PID-Diskussion auch eine Diskussion über die Beendigung des Lebens im Alter geführt wird, nicht nur in Holland, sondern auch bei uns?
Hoppe: Die Euthanasiediskussion ist wesentlich älter als die Diskussion über PID. Sie läuft mit wechselnden Höhen und Tiefen schon seit Mitte der 70er-Jahre. Im Moment erleben wir ein besonderes Interesse vor allem infolge
der Diskussion in Holland. Zweifelhafte Umfragen heizen die Stimmung zusätzlich an. Doch wenn die deutschen Bürgerinnen und Bürger konkret gefragt würden und genau wüssten, was hier gemeint ist, dann würde in Deutschland mit Sicherheit Euthanasie in dieser Form, wie sie in Holland geübt wird, also Einschläferung von Menschen, von denen man meint, dass sie kein lebenswertes Leben mehr führen, abgelehnt werden. Ich glaube, die Diskussionen um PID und Sterbehilfe werden eben doch unabhängig voneinander geführt. Die PID sehe ich genauso wie die PND primär nicht als selektive Methode, sondern als eine Methode, erbbelasteten Eltern zu einem gesunden Kind zu verhelfen. Man kann das ablehnen und empfehlen, Paare, die eine schwere erbliche Belastung mit sich tragen, sollten auf Kinder verzichten. Mir wäre am liebsten, wenn das so wäre. Aber diese Auffassung ist längst nicht mehr gesellschaftsfähig, seit die IVF zugelassen ist und Pränataldiagnostik durchgeführt wird mit dem Ziel, intrauterin eine Erbschädigung bei Kindern festzustellen und diese Kinder dann abzutreiben. Nachdem dazu offensichtlich ein gesellschaftlicher Konsens besteht, ist PID nur eine Alternative zur PND. Diese ganze Diskussion wäre im Übrigen überflüssig, wenn wir in unserer Gesellschaft Behinderung ohne Wenn und Aber akzeptieren würden. Damit hätten wir eine ganz andere Bewusstseinslage, dann müssten aber sowohl PID als auch PND mit dieser Zielsetzung in Deutschland verboten werden.
DÄ: Wenn man aus ethischen Erwägungen PND ablehnt, müsste man konsequenterweise auch gegen PID sein?
Hoppe: Ja, und umgekehrt.
DÄ: Sie verweisen immer wieder auf diesen Zusammenhang von PND und PID und argumentieren: Wenn wir PND zulassen, dann müssen wir auch PID zulassen. Ist das nicht eine selbst gebaute Falle? Denn niemand wird PND verbieten, nachdem sie einmal eingeführt ist; konsequenterweise müsste dann auch, wenn man Ihrer Logik folgt, PID zugelassen werden.
Hoppe: Ich sehe das nicht als Falle, ich sehe das als eine logische Konsequenz. Wenn man allein PID verbietet, hat man nicht die Welt in Ordnung gebracht. Ich will nicht alleine PID nicht, ich will auch PND nicht. Denn wenn man nur PID nicht will, dann verstärkt man PND, denn PND ist dann die Methode der Wahl, oder PID-Auslandstourismus wäre dann die Alternative. Und das kann doch nicht richtig sein.
DÄ: Müssten Sie dann nicht sowohl gegen PID als auch gegen PND zu Felde ziehen?
Hoppe: Das tue ich ja. Ich verweise bei allen Gelegenheiten auf den direkten Zusammenhang zur PID und PND. Das darf man nicht getrennt voneinander betrachten.
DÄ: Rübergekommen ist: PND und PID sind eng verwandt, und wenn wir PND haben, müssen wir PID zulassen. Deshalb die Bemerkung von der selbst gebauten Falle. !
Hoppe: Nein, ich argumentiere so, weil ich nicht nur PND, sondern den ganzen Paragraphen 218 neu diskutieren will. Ich halte auch die Argumentation von Frau Däubler-Gmelin für völlig richtig, die sagt, wir kommen gar nicht umhin, in diesem Zusammenhang den 218 erneut zu diskutieren. Frau Fischer wollte das ja nicht. Frau Fischer wollte ich dazu bringen, PND neu zu überdenken, denn man kann nicht schlüssig der Öffentlichkeit klar machen, dass man gegen PID ist, und PND unberührt lassen. Wenn man es nicht mehr schafft, PND zurückzudrängen, wird sich auch PID etablieren. Das würde ich sehr schweren Herzens ertragen wie damals, als PND zugelassen wurde und wie die Entwicklung des 218 überhaupt. Wer allerdings dagegen sagt: Wir verbieten PID, und dann ist unser Gewissen entlastet, macht es sich zu einfach. Und dieser Switch, PID sei nur das Einfallstor für Stammzellforschung, ist künstlich, ein Stimmungsargument, aber für mich nicht überzeugend.
DÄ: Aber es passt ins Bild, in dem PID nur ein Teil ist; dazu gehört auch verbrauchende Embryonenforschung. Die DFG hat diese gerade befürwortet. Wenn sich die Politik dem anschließt, dann muss es zu einer Änderung des Embryonenschutzgesetzes kommen. Wenn das geändert wird, dann ist vieles frei.
Hoppe: Auch für PID müsste das Embryonenschutzgesetz geändert werden.
DÄ: Der Auffassung war der Wissenschaftliche Beirat der Bundes­ärzte­kammer aber nicht.
Hoppe: Ja, damals. Ich bin seit geraumer Zeit der Meinung, dass man das Embryonenschutzgesetz auf jeden Fall ändern müsste, wenn PID zugelassen werden soll, weil damit rechtliche Klarheit geschaffen wird.
DÄ: Nehmen wir einmal an, das Embryonenschutzgesetz würde geändert, vielleicht im Sinne von PID, vielleicht aber auch zugunsten verbrauchender Embryonenforschung. Glauben Sie, dass es dann zu einer Stellungnahme der Ärzteschaft kommen wird, oder bleibt die Ärzteschaft dabei, wie Sie eben sagten, Alternativen und deren Folgen aufzuzeigen und die Diskussion zu moderieren?
Hoppe: Ich glaube, dass wir als Ärzte immer wieder klarstellen müssen, dass es nicht so sein darf, dass Menschen selbst im frühesten Stadium ihrer Entwicklung, also von der Verschmelzung der Gameten an, für andere Menschen verfügbar gemacht werden dürfen. Es darf nie sein, dass Menschen für den Heilungsprozess anderer ausgenutzt werden. Deswegen müssen wir die Forschung mit adulten Stammzellen fördern oder die ja auch in der Diskussion befindliche Variante einer Umlenkung der Entwicklung des noch nicht befruchteten und noch nicht verschmolzenen Eies in Richtung der Produktion von Stammzellen. Es gibt Wissenschaftler, die sagen, es sei möglich, im Vorkernstadium, ohne Erzeugung eines Embryos im Sinne unserer Definition, bereits Stammzellen zu produzieren, die funktionstüchtig sind. Das wäre dann keine verbrauchende Embryonenforschung. Wenn die Technik gelingen sollte, bliebe zwar unser Verständnis vom menschlichen Leben unverändert, wie wir das bei adulten Stammzellen erreichen wollen, nämlich ohne die Produktion von menschlichem Leben verursacht zu haben, das nur als Organbank dient.
DÄ: Demnach wäre es vorschnell, wenn der Gesetzgeber durch Änderung des Embryonenschutzgesetzes die Gewinnung von embryonalen Stammzellen fördern würde. Er würde dann solche alternativen Forschungen behindern, indem er jetzt den einfacheren Weg eröffnet.
Hoppe: Man sollte alles unternehmen, um die beiden alternativen Wege zu fördern und alles andere gesetzgeberisch erst einmal nicht zuzulassen, damit man den Druck nicht herausnimmt, in die beiden anderen Richtungen weiterzukommen.
DÄ: Zwei eher praktische Fragen: Was wird aus dem Richtlinienentwurf des Wissenschaftlichen Beirates, kommt er als Richtlinie, oder bleibt er als Diskussionsentwurf liegen?
Hoppe: Wenn die PID zugelassen wird, also das Embryonenschutzgesetz so geändert wird, dass diese Methode erlaubt wird, dann sind wir bereit, bei der späteren Operationalisierung eine entsprechend adaptierte Richtlinie auszuarbeiten, ähnlich wie bei der Pränataldiagnostik. Wenn PID in Deutschland eindeutig verboten bleibt, dann wird der Entwurf als Diskussionsgrundlage zurückgezogen, das Thema hat sich damit erübrigt.
DÄ: Beim kommenden Deutschen Ärztetag werden die Themen PID und Embryonenforschung sicher zur Sprache kommen. Nehmen wir an, der Ärztetag wollte dazu Beschlüsse fassen. Sollte er oder sollte er es bleiben lassen?
Hoppe: Ich glaube, wir müssen auf dem Ärztetag erst einmal die Zusammenhänge klarstellen und dort, wo sich aus ärztlicher Sicht eine klare Meinung und auch eine klare Hilfe für die Entscheidungsfindung in der Öffentlichkeit formulieren lässt, sollte der Ärztetag sich äußern. Eine Abstimmung über ethische Themen auf dem Ärztetag, und das werden die Delegierten-Kolleginnen und -Kollegen auf dem Ärztetag sicher selbst wissen, darf niemals dazu führen, dass es eine Sieger-Besiegten-Stimmung gibt.
DÄ: Eine abschließende Frage: In Schröders Nationalem Ethikrat ist die Ärzteschaft als gesellschaftliche Gruppe nicht vertreten. Stört Sie das?
Hoppe: Nein, das stört mich nicht. Ich sehe den Ethikrat auch nicht so sehr als aus gesellschaftlichen Gruppen zusammengesetzt, sondern mehr aus Professionen, und die Ärzteschaft ist insofern auch fachkundig vertreten. Wenn die Ärzteschaft dort quasi als Körperschaft vertreten wäre, wären derjenige oder diejenige, die dort tätig sein würden, ja an Gremienentscheidungen gebunden und damit in einer Konfliktsituation, die man dem oder der Betreffenden nicht wünschen kann. DÄ-Fragen: Norbert Jachertz

PID = Präimplantationsdiagnostik
PND = Pränataldiagnostik
IVF = In-vitro-Fertilisation
DFG = Deutsche Forschungsgemeinschaft
Frau Däubler-Gmelin = Bundesjustizministerin
Frau Fischer = frühere Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin
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