ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2001Apotheker: Ja zum Internet, nein zum Versand

POLITIK

Apotheker: Ja zum Internet, nein zum Versand

Dtsch Arztebl 2001; 98(20): A-1299 / B-1106 / C-1034

Korzilius, Heike

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Nichts bewegt offenbar die Apothekerschaft
dieser Tage so sehr wie die öffentliche Diskussion
um den Versandhandel mit Arzneimitteln.

Die Niederländer und die Schweizer tun es, die Kassen fordern es, in der Politik diskutiert man inzwischen offen darüber. Es geht um
den Versandhandel mit Arzneimitteln. Noch verbietet das deutsche Arzneimittelgesetz diese Form des Medikamentenvertriebs. Nach dem Willen der ABDA – Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände soll das auch so bleiben. Der Verband kämpft mit aller Macht gegen eine Aufhebung des Verbots. „Versand ist im Arzneimittelbereich viel zu langsam und gegenüber den Patienten verantwortungslos“, sagte ABDA-Präsident Hans-Günter Friese anlässlich eines Presseseminars seines Verbandes in der vergangenen Woche in Berlin.
Folgt man der Argumentation der Apotheker, würde mit einer Aufhebung des Versandverbots nicht nur die Arzneimittelsicherheit zur Disposition gestellt, sondern ein Systemwechsel in der Versorgung angebahnt. „Ein solcher Systemwechsel ist ökonomisch nicht geboten und führt für die Patienten zu keinen wesentlichen Verbesserungen“, erklärte Dr. Sebastian Schmitz, Geschäftsführer Wirtschafts- und Vertragsrecht bei der ABDA. Die aktuelle Diskussion werde nicht unter dem Aspekt der Arzneimittelsicherheit, sondern allein unter Kostengesichtspunkten geführt. Die Krankenkassen versprechen sich deutliche Einsparungen, wenn es ihnen erlaubt würde, den traditionellen Vertriebsweg zu verlassen und beispielsweise mit Versandapotheken aus dem Ausland Verträge zu schließen. Dem hielt Schmitz entgegen: „Versandhändler betreiben Rosinenpickerei.“ Sie böten überwiegend Medikamente aus dem höherpreisigen Segment an und profitierten damit von der Mischkalkulation der Arzneimittelpreisverordnung, die mit den höheren Spannen aus dem hochpreisigen Bereich billigere Arzneimittel subventioniere. So lägen zwar nur zehn Prozent der in den Apotheken abgegebenen Packungen im Bereich über 100 DM, auf diese entfielen aber 47 Prozent des Umsatzes. Solche Zahlen machen den Zorn der Apotheker auf die ausländische Konkurrenz verständlich.
Schmitz gab zu bedenken, dass die Versandhändler eine Vielzahl von Pflichten nicht erfüllten, denen deutsche Apotheken unterlägen. Dazu gehörten Nacht- und Notdienst und eine uneingeschränkte Akutversorgung. Gegen den Versand spreche zudem, dass ausländische Vertreiber schwer zu beaufsichtigen seien und die Kontrolle über den Vertriebsweg mit der Arzneimittelabgabe an ein Logistikunternehmen ende, ganz zu schweigen von Transportschäden oder gar Fehlern bei der Zustellung. Der Ist-Zustand der Arzneimittelsicherheit im heutigen System ist optimal, lautet sein Fazit.
„Kostendruck ist nicht die Schuld der Apotheker“
Mit Blick auf die immer wiederkehrende Kritik an den hohen Vertriebskosten in Deutschland fügte ADBA-Präsident Friese hinzu: „In den GKV-Gesamtausgaben von 261 Milliarden DM sind für die Benutzung des Vertriebswegs Apotheke 7,55 Milliarden DM enthalten. Wer diese Fakten kennt, muss zugeben, dass am Kostendruck im Gesundheitswesen nicht die Apotheker schuld sein können.“ Auf rund sieben Milliarden DM beläuft sich nach Berechnungen der ABDA der Gewinn aller Apotheken vor Steuern. Im letzten Jahr haben dem Verband zufol-
ge die Gesamtvertriebskosten, die auf Großhandel und Apotheken entfallen, in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung bei 28,5 Prozent gelegen. Der Industrieanteil betrug hingegen 57,7 Prozent. Hinzu komme, dass Deutschland eines der wenigen Länder sei, die den vollen Mehrwertsteuersatz auf Medikamente erheben.
Gegen den „Lieblingsfeind“, die niederländische Internet-Apotheke DocMorris, zieht die Apothekerschaft gerichtlich zu Felde. DocMorris hatte auch Kunden in Deutschland beliefert. Das hat das Landgericht Frankfurt/ Main dem Unternehmen per einstweiliger Verfügung untersagt, wohingegen eine Klage des Verbands sozialer Wettbewerb gegen die Niederländer vor dem Landgericht Berlin keinen Erfolg hatte. Die ABDA gibt sich unverzagt. „Die Vorstellung, man könne Versandhandel ,kontrolliert‘ in Deutschland einführen, verkennt die Fakten. Wir appellieren an die Politik, diese Probleme im Arzneimittelbereich zu vermeiden und die Sicherheit der Verbraucher – auch in der öffentlichen Diskussion – wiederherzustellen“, fordert Friese.
Doch wollen die Apotheker nicht als Fortschrittsfeinde dastehen: Man hat nichts gegen das Internet, sondern gegen den Versand. So kündigte Friese an, dass die ABDA ein offizielles Gesundheitsportal der deutschen Apotheker entwickelt, das im Sommer online gehen soll. Dazu Pressesprecher Elmar Esser: „Die ABDA geht online, um in der Diskussion um Internet und Apotheken Stellung zu beziehen und die Apotheken im Internet präsent zu machen.“ Unter www.aponet.de wird es künftig Informationen über Medikamente, Arzneimittelsicherheit und Entwicklungen im Bereich Gesundheit geben. Besonderer Service für die Apothekenkunden: Sie können über das Internet Medikamente vorbestellen, müssen sie aber persönlich in der Apotheke abholen. „Wir optimieren unseren Service gern auch im Internet. Aber Versand wird es nicht geben“, betonte ABDA-Präsident Friese. Heike Korzilius
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