ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2001Durch Zecken übertragene Erkrankungen: Impfstoffe erforderlich

POLITIK: Medizinreport

Durch Zecken übertragene Erkrankungen: Impfstoffe erforderlich

Dtsch Arztebl 2001; 98(20): A-1302 / B-1107 / C-1035

Richter, Eva A.

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Die Hochsaison für Zecken-Infektionen hat begonnen.
Doch gegen Borreliose steht in Deutschland bisher kein Impfstoff zur
Verfügung. Es fehlt auch eine Vakzine für Kinder gegen FSME.

Durch Zecken hervorgerufene Infektionserkrankungen sind zwischen April und Juli am wahrscheinlichsten. Etwa 150 bis 200 Personen erkranken jährlich an der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Am häufigsten kommt in Deutschland jedoch die Lyme-Borreliose mit 50 000 bis 60 000 Neuerkrankungen jährlich vor. „Die Erkennungsrate der Lyme-Borreliose ist immer noch viel zu gering“, kritisierte Mikrobiologe Prof. Volker Brade (Universität Frankfurt/Main) bei einem internationalen Symposium, das das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin in Berlin veranstaltet hatte.
In einigen Fällen würde die Erkrankung so spät diagnostiziert, dass nur noch eine Defektheilung möglich sei. Dabei trete bereits wenige Tage oder Wochen nach dem Stich durch eine infizierte Zecke bei 40 bis 60 Prozent der Betroffenen ein ringförmiges Erythem (Erythema chronicum migrans) um die Eintrittsstelle auf, das zentral abblasse und nach Wochen auch ohne Behandlung abklinge. Dieses typische Bild und eine sorgfältige Anamnese ermöglichten in vielen Fällen schon die Diagnose, die durch den Nachweis spezifischer Antikörper im Serum oder im Liquor ergänzt werden könne.
„Wenn die Krankheit früh erkannt wird, ist sie gut mit Antibiotika zu behandeln“, erklärte Brade. Er empfiehlt Cephalosporine, Doxycycline, Penicillin G oder Amoxicillin oral über 14 bis 21 Tage. Dadurch ließen sich Spätfolgen vermeiden, so die lymphozytäre Meningoradikulitis mit Lähmungserscheinungen oder Gelenkentzündungen. In Deutschland sind etwa zehn bis 30 Prozent der Zecken mit dem Erreger der Lyme-Borreliose infiziert, dem spiralförmigen Bakterium Borrelia burgdorferi. Spezielle Risikogebiete gibt es (im Gegensatz zur FSME) nicht.
Es existieren in Deutschland unterschiedliche Spezies von Borrelia burgdorferi: Borrelia burgdorferi sensu stricto, Borrelia garnii und Borrelia afzelii. Letztere kommt nur bei etwa acht Prozent der Zecken vor, scheint aber ein besonders hohes Infektionsrisiko beim Menschen zu haben. „Diese Borrelienart überlebt im Serum gut“, erläuterte Brade. Ihre Komplementresistenz werde derzeit als Abwehrstrategie diskutiert und erforscht.
Da drei verschiedene Borrelienarten in Deutschland vorkommen, ist die Herstellung eines Impfstoffes erschwert. In den USA ist bereits seit Anfang 1999 ein Impfstoff gegen die Borrelieninfektion auf dem Markt, der allerdings nur gegen eine Infektion mit Borrelia burgdorferi sensu stricto schützt und damit das deutsche Erregerspektrum nicht abdeckt (DÄ, Heft 49/2000). „Wir hoffen, dass wir in etwa zwei Jahren eine trivalente Impfung anbieten können“, berichtete Prof. Markus Simon vom Max-Planck-Institut für Immunologie in Freiburg. Zurzeit würde der Impfstoff in Phase-III-Studien erprobt.
Auch der Impfstoff, der hierzulande für Hunde angeboten werde, decke das Erregerspektrum nicht ab und sei daher in vielen Fällen wirkungslos, betonte Simon. Auf Zecken abwehrende Mittel sollen Tierbesitzer deshalb nicht verzichten.
Gegen die FSME ist zwar eine Immunprophylaxe vorhanden, der Impfstoff darf allerdings nicht bei Kindern unter zwölf Jahren angewendet werden. Aufgrund von Fieberreaktionen bei 30 bis 40 Prozent der geimpften Kinder nach einer vermeintlichen „Verbesserung“ des Impfstoffs wurde dieser im Juni 2000 vom Markt genommen. „Ein anderer Impfstoff ist in Deutschland für die Anwendung bei Kindern nicht zugelassen“, sagte Prof. Reinhard Kaiser vom Klinikum Pforzheim.
Obwohl die Erkrankung bei Kindern milder verliefe und Todesfälle selten wären, könne man nicht auf eine Impfung verzichten. In Hochrisikogebieten wie Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz würden zunehmend Waldkindergärten eröffnet, obwohl die Kinder nicht geschützt seien. „Dort sind bis zu fünf Prozent der Zecken mit dem FSME auslösenden Virus infiziert“, berichtete Kaiser. Eine Impfung für Kinder müsse deshalb so schnell wie möglich wieder angeboten werden. Rund 70 Prozent derjenigen, die von einer infizierten Zecke gestochen werden, zeigen nur geringe oder gar keine Symptome. Bei etwa 30 Prozent treten aber schwere Erkrankungen mit Beteiligung des zentralen Nervensystems auf, die zu polioähnlichen Lähmungen und bei ein bis zwei Prozent der Erkrankten zum Tod führen können.
In Österreich konnte die jährliche Erkrankungsrate durch die aktive Schutzimpfung von 1 000 auf unter 100 gesenkt werden. „Da es keine kausale Therapie gibt und nur symptomatisch behandelt werden kann, ist eine Immunprophylaxe besonders wichtig“, betonte Kaiser. Die Durchimpfungsrate liege in Österreich inzwischen bei mehr als 90 Prozent. Dort würden nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder geimpft: „Während früher bis zu 25 Prozent aller FSME-Fälle bei Kindern unter 14 Jahren auftraten, sind es heute nur noch 4,5 Prozent“, berichtete Kaiser in Berlin.
Kopfschmerzen und Myalgien
Die Bedeutung von weiteren durch Zecken übertragene Erkrankungen wie Ehrlichiose, Q-Fieber und Babesiose ist noch weitgehend unbekannt. „Sie ist jedoch größer als angenommen“, meinte Prof. Peter Kimmig vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, Stuttgart. Bei fünf bis 15 Prozent der Bewohner Baden-Württembergs seien bereits Antikörper gegen die Ehrlichiose, die durch rickettsienartige Bakterien hervorgerufen wird, nachgewiesen worden. Im Gebiet des Oberrheins trugen rund drei Prozent der Zecken den Erreger der Ehrlichiose, die als Multiorganerkrankung jedoch in den meisten Fällen mild verläuft.
Auch bei dem ebenfalls durch Rickettsien verursachten Q-Fieber wird eine Übertragung durch Zecken diskutiert. Die mit hohem Fieber, starken Kopfschmerzen und Myalgien einhergehende Erkrankung kann mit Antibiotika behandelt werden. Der Erreger der Babesiose (Babesia divergens) verursacht malariaähnliche Symptome. Alle bislang in Europa beschriebenen Fälle ereigneten sich bei splenektomierten Personen und endeten nach Nierenversagen letal. Dr. med. Eva A. Richter

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