ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2001Varizellen-Zoster-Virus: Vakzine gegen Windpocken ist wirksam

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Varizellen-Zoster-Virus: Vakzine gegen Windpocken ist wirksam

Dtsch Arztebl 2001; 98(20): A-1303 / B-1108 / C-1036

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Positive Erfahrungen nach sechsjähriger Impfkampagne in den USA, wo die Impfung für alle Kinder empfohlen wird

Das Varizellen-Zoster-Virus (VZV) wurde 1952 entdeckt. 1974 gelang es japanischen Forschern, den Oka-Stamm durch serielle Passagen in Meerschweinchen und menschlichen Zellen so weit abzuschwächen, dass es keine Windpocken mehr auslöst, seine Immunogenität aber bewahrt. Seither steht ein Lebendimpfstoff zur Verfügung. Seine Anwendung ist im Wesentlichen beschränkt auf Patienten mit Leukämie oder mit immunsuppressiver Therapie, für die Varizellen ein besonderes Risiko darstellen.
Die Restriktion erklärt sich zum Teil daraus, dass der Impfstoff extrem thermolabil ist und schnell an Wirksamkeit verliert, was die Lagerung (Kühlkette) und Bereitstellung erschwert. Außerdem gelten die Windpocken als harmlose Kinderkrankheit, die nur selten zu Komplikationen führen. Dabei wird leicht übersehen, dass Varizellenerkrankungen eine Hospitalisierungsrate von 5/1 000 haben und 0,7/100 000 infizierte Kinder an Komplikationen wie Enzephalitis und Pneumonie sterben. Schließlich sollte nicht vergessen werden, dass VZV zu den Herpesviren gehört, das seine DNA auf Dauer in den Zellen des Infizierten ablegt und in den paravertebralen sensorischen Ganglien überlebt, von wo aus es Jahrzehnte später einen Herpes zoster auslösen kann.
In den USA, wo die Vakzine seit 1995 zugelassen ist, empfiehlt die American Academy of Pediatrics die Impfung für alle gesunden Kinder. Sie soll im Idealfall im zwölften Lebensmonat zusammen mit der MMR-Vakzine verabreicht werden. Eine amerikanische Fall-Kontroll-Studie bestätigt nun, dass der Impfstoff hochwirksam ist (NEJM 2001; 344: 955–960): Marietta Vazquez von der Yale-Universität und Mitarbeiter sind allen Windpocken-Fällen in 15 Kinderarztpraxen nachgegangen. Die Infektionen wurden durch PCR-Nachweis der VZV-Gene in den Läsionen bestätigt.
Der Vergleich mit einer Kontrollgruppe von Patienten ohne Windpocken aus den gleichen Praxen ergab, dass 23 Prozent der Windpocken-Kinder und 61 Prozent der Kontrollen geimpft waren. Kommt es dennoch zu einer Infektion, dann ist der klinische Verlauf deutlich milder (86 versus 48 Prozent). Die Autoren haben ausgerechnet, dass die Impfung vermutlich 85 Prozent aller Windpocken und 97 Prozent aller schweren Fälle verhindert.
In den USA soll die Zahl der Infektionen bereits deutlich zurückgegangen sein. Doch solange das Wildvirus noch verbreitet ist, lassen sich Fragen zur langfristigen Wirksamkeit des Impfstoffes nicht klären, wie Ann Arvin von der kalifornischen Stanford-Universität im Editorial (Seiten 1007–1009) einschränkt. Bisherige Erfahrungen zeigen zwar, dass die Immunität bei den meisten Patienten langfristig ist. Wenigstens 95 Prozent der Geimpften haben stabile oder sogar steigende Antikörpertiter. In Japan liegen Erfahrungen über mehr als 20 Jahre vor. Der anhaltende Schutz könnte jedoch auch eine Folge der ständigen Auffrischungen durch die schwelenden jährlichen Wild-Typ-Epidemien sein.
Ebenso unklar ist derzeit, ob die Impfung auch vor einer späteren Herpes-zoster-Erkrankung schützt. Diese Erkrankung folgt erst mehrere Jahrzehnte nach der Primärinfektion. Derzeit wird untersucht, ob die (post-expositionelle) Impfung von älteren Menschen einen Nutzen hat. Dies ist keineswegs sicher, da diese Personen ja latent mit dem Wild-Typ-
Virus infiziert sind. Rüdiger Meyer
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