ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2001Ärztliche Fortbildung: Zertifiziert und freiwillig

THEMEN DER ZEIT

Ärztliche Fortbildung: Zertifiziert und freiwillig

Dtsch Arztebl 2001; 98(20): A-1308 / B-1113 / C-1041

Gerst, Thomas

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Die Bewertungskriterien des Deutschen Senats für ärztliche Fortbildung
sind Grundlage für eine bundesweit einheitliche Regelung zur
Zertifizierung der Fortbildung. Mit reger Beteiligung können die Ärzte
der Kritik von außen an ihrem Fortbildungsstand entgegentreten.

Die Nachricht schien einprägsam und allen Lesern gut vermittelbar: „Sachverständigenrat will Ärzte-TÜV“ und so ähnlich lauteten vor wenigen Wochen die Schlagzeilen. Der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen hatte sich in seinem Gutachten 2000/2001 auch mit dem Zustand der ärztlichen Fortbildung befasst und „Mängel im Fortbildungsangebot, in der Inanspruchnahme, in der Förderung und verpflichtenden Regelung der ärztlichen Fortbildung“ konstatiert. Als Heilmittel empfahl der Sachverständigenrat die regelmäßige Rezertifizierung der Facharztanerkennung in bestimmten Abständen; diese sollte vom Nachweis regelmäßiger Fortbildungsaktivitäten und dem Bestehen einer Prüfung abhängig gemacht werden.
Die Reaktionen aus den
Organisationen der ärztlichen Selbstverwaltung kamen prompt und ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Bundes­ärzte­kammer-Präsident Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe machte den Sachverständigenrat darauf aufmerksam, dass berufsbegleitende Fortbildung längst verpflichtender Bestandteil der ärztlichen Berufsordnung sei und die Ärzte dieser Verpflichtung auch nachkommen würden. Rezertifizierungszwang mit Strafandrohung könne nicht der richtige Weg sein, den Fortbildungsstand der Ärzte weiter zu verbessern; sinnvoller seien Anreize für eine kontinuierliche freiwillige Teilnahme an Fortbildungsmaßnahmen.
Gerade bei der Regelung der freiwilligen zertifizierten Fortbildung der Ärzte sind in den vergangenen zwei Jahren entscheidende Fortschritte gemacht worden, die jedoch in der breiten Öffentlichkeit weniger wahrgenommen wurden als die von den Medien plakativ wiedergegebenen Forderungen des Sachverständigenrats. Der 102. Deutsche Ärztetag in Cottbus schuf dafür im Jahr 1999 die Grundlage, indem er diejenigen Lan­des­ärz­te­kam­mern, die bis dahin noch keinen Modellversuch zum Fortbildungsnachweis angeboten hatten, zur Einführung der freiwilligen zertifizierten Fortbildung auf der Basis der vom Ärztetag formulierten Rahmenbedingungen aufforderte.
Es war nicht zuletzt auch politischer Druck, der die ärztliche Selbstverwaltung veranlasste, bei der zertifizierten Fortbildung das Diskussionsstadium in den Gremien zu verlassen und zu einer Entscheidung zu gelangen – die Autonomie in einem Kernbereich der ärztlichen Selbstverwaltung schien bedroht. So forderte zum Beispiel die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der Länder bereits 1996 in Cottbus, die Berechtigung zum Führen von Weiterbildungsbezeichnungen vom Nachweis einer kontinuierlichen Fortbildung abhängig zu machen. Nach dem Entwurf des Kammergesetzes in Bremen vom Februar 1999 sollten Teilgebietsbezeichnungen und Zusatzbezeichnungen nur noch für die Dauer von fünf Jahren gelten, es sei denn, der Arzt oder die Ärztin absolviert eine Prüfung oder weist eine regelmäßige Fortbildung nach. Mit der Einführung der freiwilligen zertifizierten Fortbildung erreichte die Ärztekammer Bremen, dass dieser Passus im Entwurf des Kammergesetzes gestrichen wurde.
Es wurde immer deutlicher, dass Fortbildung gerade auch von der Gesundheitspolitik als Teil der ärztlichen Qualitätssicherung angesehen wurde, und der Druck auf die Ärzteschaft wuchs, zu einer von allen Seiten anerkannten Lösung zu kommen.
Im europäischen Ausland waren gleichfalls bereits in einer Reihe von Ländern Fortbildungsnachweise mit unterschiedlichen Anreizsystemen eingeführt worden. So gibt es etwa seit Beginn der 90er-Jahre in der Schweiz und in den Niederlanden die gesetzliche Verpflichtung für die Ärzte, ihre Fortbildungsaktivitäten nachzuweisen. Grundlage für die Fortbildung von Allgemeinärzten und Fachärzten in der Schweiz ist die Fortbildungsordnung des Ärzteverbandes FMH, die alle Mitglieder zur Fortbildung und zum Führen eines Fortbildungsprotokolls verpflichtet. Auf kantonaler Ebene entscheiden jeweils die Fachgesellschaften über die Erfüllung der Fortbildungspflicht. In den Niederlanden wurde als qualitätssichernde Maßnahme die regelmäßige Neuzulassung der Ärzte eingeführt. Allgemeinmediziner müssen seit 1996 im Fünfjahresdurchschnitt 40 Weiterbildungsstunden pro Jahr nachweisen und einen medizinischen Test absolvieren, um ihre Zulassung verlängern zu können. Auch Fachärzte müssen sich alle fünf Jahre unter Nachweis einer bestimmten Anzahl von Fortbildungsstunden rezertifizieren lassen. Mit dem Ziel, die gegenseitige Anerkennung von Fortbildungsveranstaltungen zu erleichtern, gab der Europäische Fachärzteverband (UEMS) Empfehlungen für eine beispielhafte zertifizierte Fortbildung.
Die Kammerversammlung der Lan­des­ärz­te­kam­mer Thüringen beschloss 1995 als erste Ärztekammer in Deutschland die Einführung eines auf frei-
williger Basis zu erwerbenden Fort-
bildungsdiploms. Voraussetzung dafür war die Teilnahme an 100 Fortbildungsstunden innerhalb von drei Jahren, wobei mindestens 60 Stunden zu fachspezifischen Themen absolviert werden mussten. Das erste Fortbildungsdiplom der Ärztekammer Thüringen – und damit das erste Zertifikat dieser Art im Bundesgebiet überhaupt – wurde 1998 an Dr. med. Petra Richter, Evangelisches Krankenhaus Neustadt, verliehen. Andere Lan­des­ärz­te­kam­mern folgten mit Modellprojekten nach, so etwa Sachsen-Anhalt, Bayern und Hessen in den Jahren 1997 und 1998, wobei allerdings die jeweils praktizierten Modelle teilweise erheblich voneinander abwichen.
Da die einzelnen Bewertungskriterien in den Modellprojekten sehr unterschiedlich definiert waren, schien eine gegenseitige Anerkennung von Fortbildungsveranstaltungen oder -zertifikaten über die Landesgrenzen hinaus nicht unbedingt gewährleistet – ein Grund für andere Lan­des­ärz­te­kam­mern, wie zum Beispiel Nordrhein, mit einem eigenen Projekt zu warten, bis man sich über eine bundesweite Vereinheitlichung der praktischen Grundlagen für den Erwerb von Fortbildungspunkten geeinigt hat.
Einheitliche Kriterien
Die Verständigung über eine weitgehende Vereinheitlichung der zertifizierten Fortbildung erfolgte im Deutschen Senat für ärztliche Fortbildung, dem zuständigen Ausschuss der Bundes­ärzte­kammer. Wichtig war hier insbesondere eine Übereinkunft mit den Vertretern der wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften und Berufsverbände, von denen einige Modellprojekte zur zertifizierten Fortbildung konzipiert oder bereits begonnen hatten. Diese erkannten die Zuständigkeit der Ärztekammern für die Zertifizierung von Fortbildungsangeboten an. Die in der Folge vom Deutschen Senat entwickelten „Einheitlichen Bewertungskriterien für den Erwerb des freiwilligen Fortbildungszertifikats“ wurden im Oktober 2000 vom Vorstand der Bundes­ärzte­kammer zustimmend zur Kenntnis genommen. Demnach erhält der Arzt ein Fortbildungszertifikat, wenn er innerhalb von drei Jahren 150 Fortbildungspunkte erworben hat. Ein solcher Punkt entspricht in der Regel einer abgeschlossenen Fortbildungsstunde mit einer Dauer von 45 Minuten. Es werden die verschiedensten Formen der Fortbildung berücksichtigt, wie zum Beispiel Vortragsveranstaltungen, Kongresse, Qualitätszirkel und auch strukturierte Fortbildungen über Internet oder Fachzeitschriften mit nachgewiesener Auswertung des Lernerfolgs. Das selbstständige Studium von Fachliteratur wird mit zehn Punkten pro Jahr angerechnet (Textkasten).
Mit Ausnahme von Baden-Württemberg haben inzwischen alle Lan­des­ärz­te­kam­mern die freiwillige zertifizierte Fortbildung eingeführt. In einer Reihe von Ländern geschieht dies bereits auf der Grundlage der „Einheitlichen Bewertungskriterien“, wobei es im Detail jedoch zu Unterschieden bei der Punktvergabe kommt – etwa wenn von einer Ärztekammer die Evaluation einer anerkannten Fortbildungsveranstaltung mit einem Punkt belohnt wird, von einer anderen aber nicht. In den Lan­des­ärz­te­kam­mern, in denen noch die erste, vor dem Jahr 2000 begonnene Projektphase zur zertifizierten Fortbildung läuft, steht demnächst die Entscheidung über eine Angleichung an die „Einheitlichen Bewertungskriterien“ an. Gerade wegen der gegenseitigen Anerkennung von zertifizierten Fortbildungsveranstaltungen wäre eine weitere Vereinheitlichung der „Zertifizierungslandschaft“ geboten.
Gespannt darf man darauf sein, wie die Ärztinnen und Ärzte die nun fast überall bestehende Möglichkeit, auch gegenüber ihren Patienten den Stand ihrer Fortbildungsbemühungen zu dokumentieren, annehmen werden. Denn vom Erfolg der zertifizierten Fortbildung auf freiwilliger Basis wird es abhängen, ob der Druck auf die ärztliche Selbstverwaltung, im Fortbildungsbereich rigidere Maßnahmen zu ergreifen, nachlässt. Bis zum Jahr 2003 will der Deutsche Senat für ärztliche Fortbildung dem Deutschen Ärztetag eine Auswertung der einzelnen Modellprojekte der Ärztekammern zum Erwerb des freiwilligen Fortbildungszertifikats vorlegen. Bereits heute zeichnet sich eine rege Beteiligung der Ärzte an der zertifizierten Fortbildung ab.
Qualitätssicherung bei Fortbildungsangeboten
Logische Folge des neuen Fortbildungsverfahrens ist, dass die Zahl der Fortbildungsveranstaltungen, denen in der Regel nach Bewertung durch die Akademien für ärztliche Fortbildung die Zertifizierungswürdigkeit zuerkannt wird, sprunghaft angestiegen ist. So besteht nun nicht nur die Möglichkeit, auf die freiwillige Fortbildung der Ärzte hinzuwirken, sondern gleichzeitig über das Anerkennungsverfahren für bestimmte Qualitätsstandards der Fortbildungsangebote Sorge zu tragen. So sind solche Veranstaltungen nicht anerkennungsfähig, bei denen eine Produktneutralität nicht gegeben ist oder die ohne verantwortlichen ärztlichen Leiter geplant sind. Nach den Richtlinien der Ärztekammer Nordrhein ist zum Beispiel eine Unterstützung der Veranstaltung durch Dritte den Teilnehmern offen zu legen und in den Anträgen auf Anerkennung anzugeben. Berücksichtigt werden auch keine Veranstaltungen, die ausschließlich Themen wie Praxismarketing, Gebührenordnung, EBM oder IGEL-Leistungen behandeln. Wichtig ist, dass die Anerkennung einer Fortbildungsveranstaltung durch eine Ärztekammer von den anderen Ärztekammern anerkannt wird. Im Laufe dieses Jahres soll eine Datenbank bei der Bundes­ärzte­kammer fertig gestellt werden, mit deren Hilfe sich jeder Arzt einen Überblick über das aktuelle Angebot an anerkannten Veranstaltungen verschaffen kann.
Nach Ansicht von Bundes­ärzte­kammer-Präsident Hoppe wäre das Urteil des Sachverständigenrats wahrscheinlich anders ausgefallen, wenn sich die Gutachter besser über den aktuellen Stand der ärztlichen Fortbildung informiert hätten. Thomas Gerst
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